Zapfen für Zapfen: Landesforsten ernten eigenes Saatgut der Weißtanne

Klebrige Handarbeit

Die erste Weißtannensaatguternte der Landesforsten Niedersachsen in Schwaförden verspricht ein sattes Ergebnis.
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Die erste Weißtannensaatguternte der Landesforsten Niedersachsen in Schwaförden verspricht ein sattes Ergebnis.

Schwaförden – Er hatte es gesagt. Und es stimmt: Die nur leichte Berührung des Weißtannenzapfens mit Zeigefinger und Daumen führt dazu, dass beide Finger supergut zusammenpappen. Gerhard Kock grinst, er trägt eingeölte Handschuhe und füllt Zapfen um Zapfen („Das sind besonders schöne Exemplare hier“) in den Sack. Erntebesuch in den Schwafördener Wäldern der Niedersächsischen Landesforsten.

„Das ist die größte Weißtannensaatguternte, die Niedersachsen je gesehen hat“, erklärt Forstamtsleiter Henning Schmidtke. Es ist zudem die erste, die die Landesforsten durchführen. Das Ziel ist, 15 Tonnen Zapfen zu ernten, um genügend Samen zu gewinnen, damit mehrere hundert Hektar Fläche neu angesät werden kann.

Die Ernte ist eine händische Arbeit. Eine, die nicht durch die Mitarbeiter der Landesforsten geleistet werden könne, sagt Schmidtke. Deshalb wurde eine Fachfirma beauftragt, der jetzt nur ein kurzes Zeitfenster für die Ernte zur Verfügung steht. Zwar hat das Team vom „Baum- und Forstservice“ von Aribert Heidt aus Ahlden passendes technisches Gerät, das die Fachleute in luftige maximal 38 Meter Höhe hievt, aber die Zapfen abpflücken, das müssen sie per ölig-behandschuhter Hand Stück um Stück. Kreativ sind die „Einfüllstutzen“ für die Säcke: Ein Rohrstück und ein Eimer ohne Boden passen perfekt.

Forstfachmann Jan Böhm befüllt den Sack mit Zapfen über Eigenkreationen an „Einfüllstutzen“.

Die Ernte ist so gut, dass die Säcke bereits Mangelware sind. Durchschnittlich 100 bis 150 Kilo pro Person und Tag wurden am Mittwoch getoppt: 230 Kilo pro Mann im Einsatz. Das Quartett der Firma besteht am Donnerstag aus den Forstfachleuten Jan Böhm und Christer Bochow und den Helfern Gerhard Kock und Dieter (dessen Nachnamen ungenannt bleiben soll). Sind die Tannenspitzen, im Fachjargon „Zöpfe“ genannt, zu hoch und zu voll, werden sie gekappt, fallen zu Boden und können so abgeerntet werden. Der Baum produziere eine neue Spitze.

Henning Schmidtke weist auf ganz natürliche Reproduktionsergebnisse vor Ort hin: Einjährige und mehrjährige Setzlinge haben sich im Moos „versteckt“. Dieser natürliche Weg der „Baumnachwuchses“ bleibe stets eine Option. Doch um größere Flächen zu bepflanzen und, wenn möglich, auch andere Landesforsten, denen die Weißtanne im Bestand fehlt, mit Saatgut auszustatten, gehe es nur mit der Ernte einer größeren Menge Saatgut.

Tatsächlich sei der Samen der hiesigen Weißtanne genetisch an diese Böden angepasst, das Saatgut könne nicht etwa den Landesforsten im Harz angedient werden. Schmidtke erinnert daran, dass Waldumbauten nach den Erkenntnissen des Friedrich August Christian Erdmann erfolgen, der vor 100 Jahren bereits Mischwälder angelegt und sie so überlebensfähiger, weniger anfällig gemacht hat. Die Erkenntnisse von einst passen noch heute: 30 Baumarten sind auf den Flächen der Landesforsten zu finden.

1000 Weißtannen werden abgeerntet

Gut 1 000 Weißtannen sind für die Saatguternte freigegeben. Tatsächlich muss der Vorgang amtlich beantragt werden, Forstsaatgutberatungsstelle und Ministerium sind eingeschaltet. Das Saatgut wird protokolliert. „Wir können über ein Stammzertifikat, den jeder Sack erhält die Herkunft lückenlos belegen“, erklärt Schmidtke. Eine Viertelstunde etwa dauert das Abernten einer Tannenspitze. Das Erntezeitfenster ist so kurz, weil der Zapfen noch grün gepflückt werden muss: Eben solange er den Samen noch umschlossen hält. Platzt er auf, rieselt der Samen zu Boden.

Im Kampf gegen den Klimawandel aber reicht diese natürlich Methode längst nicht mehr. „Wir müssen fünf Mal soviel Waldfläche ansäen, wie bisher, um den Folgen des Klimawandels, die noch kommen werden, begegnen zu können“, sagt Schmidtke.

Setzlinge in Baumschulen zu bestellen sei dabei nicht wirklich eine Option: Die würden aus dem luxuriösen Umfeld der perfekten Bedingungen in der Realität des echten Waldes nicht nur perfekte Bedingungen finden. Das Saatgut selbst ernten bedeutet demnächst Arbeit für die Azubis: Die Zapfen werden in einem Schuppen ausgelegt, müssen immer wieder mal gewendet werden, während der Trocknungsphase. Die Samen sollen noch in diesem Jahr ausgebracht werden. Könnten sich auch private Waldbesitzer bei den Landesforsten in Bezug auf Saatgut und Waldumbau melden? Jeder Fall würde individuelle abgeklärt werden müssen, sagt Schmidt, aber, ja, man dürfe sich melden.

Mit Moos und Erde lassen sich übrigens die zum Glück nur leicht klebrigen Finger wieder „reinigen“.

Von Sylvia Wendt

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