Frühstück mit Dinné und Hinz

Humorvolle Geschichtsstunde mit „Urgesteinen“ der Bremer Polit-Szene

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Olaf Dinné, Helgard Patemann-Hinz (von den Herren als „Nummern-Girl“ verpflichtet), Musiker Eckhard Helms und Prof. Manfred O. Hinz (von links).

Ehrenburg - „Von wilder Zeit ein Lied wir sangen, von vielem, was da wichtig war. Macht euch die Botschaft eigen, dass man den Mensch im Menschen sieht“: In ihrem Abschiedssong (Melodie: Martin Luther) brachten die Akteure des Kulturfrühstücks im Kleinen Schuh-Café in Wesenstedt ihre Botschaft noch einmal auf den Punkt.

Olaf Dinné (82) und Prof. Manfred O. Hinz (81) haben Geschichte geschrieben. Auf Einladung von „KulturGut Ehrenburg und umzu“ blickten sie abgeklärt und mit viel Humor auf ihre „wilden Jahren“ zurück. Und sie vermittelten, dass Träume und gesellschaftliches Engagement nicht der jungen Generation vorbehalten sind.

Prof. Manfred O. Hinz, seit 1973 Neuenkirchener, stammt aus der Pfalz. In Mainz nahm er das Studium der Rechtswissenschaft auf – geprägt von der 68-er Bewegung: „In den Augen der Gesellschaft waren wir Vaterlandsverräter, Schürzenjäger und Terroristen.“ Nach seiner Habilitation kam er 1971 an die „rote Kaderschmiede“ Uni Bremen, wo er am Aufbau der Rechtsfakultät beteiligt war - eine politisch und gesellschaftlich bewegte Zeit. 

Als äußeres Zeichen der linken Gesinnung trugen die Hochschullehrer Fischerhemd, Blaumann und Holschen. „Wir empfanden uns als ,Speerspitze‘ der Revolution im Kampf für Arbeiter, Bauern und alle Unterdrückten dieser Welt“, erklärte Hinz schmunzelnd. Er fand seine Berufung unter anderem als Rechtsvertreter der Kläger gegen das Atomkraftwerk Oberweser (Würgassen), die er vor dem Bundesverwaltungsgericht in Berlin vertrat. Sein Erfolg war Auftrieb für die Anti-AKW-Bewegung in Deutschland.

Dinné Mitbegründer der Grünen Liste

Olaf Dinné war in Bremen als freier Architekt tätig. Er lebte im damals vom Abriss bedrohten Schnoorviertel. Politischer Druck verhinderte, dass es einer parkartigen Wiese mit Hochhaus wich. Dinné und seine Mitstreiter des SPD-Ortsvereins Altstadt konnten außerdem in einem mehrjährigen „Trassenkampf“ die innerstädtische Autobahn durch das „Viertel“ abwenden. 1978 gründete Dinné mit ehemaligen SPD-Mitgliedern die Grüne Liste, für die er 1979 in den Senat einzog. 

Er gehörte zu den ersten vier Abgeordneten einer grünen Partei in einem deutschen Landesparlament. Der Erfolg der Bürgerbewegung sei in der Allianz der Betroffenen über alle Parteigrenzen hinweg begründet. Dass die Grünen heute Umweltsünden mittragen, ist ihm ein Dorn im Auge. Für Umweltschutz und bürgerfreundliche Stadtplanung setzt sich Dinné, der auf der Werderinsel einen kleinen Ziegenhof betreibt, heute außerparlamentarisch ein. Sein Tipp an alle, die etwas bewegen wollen: „Politiker sind selten empfänglich für rationale Argumente, aber wenn ihre Posten in Gefahr sind, bewegen sie sich.“

„Ich glaube, kein Ort der Welt war von der politischen und sexuellen Revolution so weit entfernt wie Sulingen oder Groß Lessen. Unsere größte Sorge war, dass der Maibaum von der Jugend des Nachbardorfs geklaut werden könnte...“, sagte Eckhard Helms aus Meerbusch bei Düsseldorf. 

Einladung zur Milch-Verkostung

Der ehemalige Groß Lessener führte musikalisch durch den Vormittag: Neben populären Hits der Sechziger hatte er, passend zum Vortrag, Protestsongs aus der Friedens- und Umweltbewegung einstudiert. Helms, im „Hauptberuf“ Leitender Ministerialrat im Finanzministerium Nordrhein-Westfalen, erwies sich als hervorragender Sänger und Pianist und in Kombination mit den Herren Revoluzzern als Traumbesetzung.

Zum Abschluss führte Olaf Dinné seine Ziege „Sophie“ in den Saal. „Aus tier- und menschenrechtlichen Gründen ist es keine lebendige“, feixte er und lud zur Ziegenmilch-Verkostung ein. Das Publikum überschüttete das Trio mit Beifall.

mks

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