Halbzeit: „Bergfest“ für Burkard Meyendriesch auf dem Jakobsweg von Scholen nach Santiago de Compostela

Der Pilger hat seinen Rhythmus gefunden

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Burkard Meyendriesch postet täglich seine Eindrücke.

Scholen/Frankreich - Von Sylvia Wendt. „Bergfest“: Die Hälfte der über 3200 Kilometer und geplanten 106 Tage sind erwandert: Burkard Meyendriesch aus Scholen ist seinem Ziel, dem Wallfahrtsort Santiago de Compostela in Spanien, ein gutes Stück näher gekommen.

Wie berichtet, ist er am 4. Juli losmarschiert. Von den geplanten täglichen etwa 25 Kilometern hat er anfangs fast täglich zwischen 40 und 50 Kilometer zurück gelegt. Ein immenses Pensum bei mitunter hohen Temperaturen ließen den erfahrenen Wanderer den deutschen Teil des Weges quasi im Eiltempo hinter sich bringen. Per täglicher Facebook-Rubrik können Familie und Freunde verfolgen, was den 60-Jährigen an- und umtreibt.

Am Anfang steht der Trennungsschmerz, der dem Pilger hartnäckig an den Fersen klebt. Meyendriesch lässt die Facebook-Gruppe teilhaben an seinen Gedanken, die Gruppe schickt aufmunternde Worten. Meyendriesch antwortet mit erwanderten Kilometern, wunderschönen Bildern. Ihren Frieden schließen der Wunsch, das Ziel zu erreichen, und die Trennungsstichelei.

Begegnungen zählen zu den spannenden Momenten. Ehefrau Sabine reist nach Trier, wo das Paar am 19. Tag der Tour den 60. Geburtstag des Pilgers feiert.

Im Kirchturm von Bessuéjouls.

Bei Tieren ist das Erschrecken auf beiden Seiten mitunter groß bei Aufeinandertreffen. Zwischenzeitlich moniert Meyendriesch, dass er kaum Mitwanderer unterwegs trifft. Am Tag 40, längst in Frankreich, ändert sich das. Doch Meyendriesch hat zwischenzeitlich seinen Pilgerrhythmus gefunden, wandert noch vor Sonnenaufgang los – er müsste ihn ändern, viele starten erst am späten Vormittag auf die nächste Etappe. Das will er nicht.

Herr Meyendriesch, wie läuft‘s?

Burkard Meyendriesch: Insgesamt läuft's gut. Körperlich habe ich gar keine Probleme, keine Blasen, keine Zerrungen absolut keinerlei Wehwehchen. Es gibt psychische Hochs und Tiefs. Meistens fühle ich mich recht ausgeglichen.

Manchmal überkommt mich Langeweile ob des täglichen Einerleis und ganz ganz selten traut sich die Sinnfrage nochmal in den Vordergrund.

Ich habe keine Zweifel, dass ich in Santiago ankommen werde, und freue mich auf jeden neuen Tag und auf das, was er mir bringen mag.

Dieser lange Weg scheint gleich mehrere Schwierigkeiten zu bergen, losgelöst von der schieren Kilometerzahl: Das sich Lösen aus dem Alltag mit Familie und Freunden, das Finden des zu mir passenden Wanderrhythmusses und, gerade, als der gefunden ist, die schwierige Wahl zwischen alleine laufen oder in Gesellschaft. Was macht das mit einem?

Meyendriesch: Anfangs war der Abschied das Allerschwerste und Anlass für meine erste ernsthafte Krise, die mich beinahe hätte aufgeben lassen. Mein forciertes Gehen in den ersten Wochen war sicher auch eine Kompensation meines Abschiedsschmerzes; neben der reinen Neugier, wie viele Kilometer ich an einem Tag wohl so laufen kann.

Längere Zeit in Gesellschaft gehen, das möchte ich nicht mehr. Spätestens seit den vier Tagen mit meiner Mitpilgerin Sabine ist mir das klar. Ab und an mal einige Kilometerchen, das ist in Ordnung, sofern sich ein lohnendes Gespräch ergibt. Ansonsten ist und bleibt es am schönsten, allein zu gehen.

Stören die modernen Medien? Facebook-Gruppe, Fotos posten, Telefon, Mails bieten ja immer auch ein Band nach Hause. Denkt man da nicht eher an die Lieben zu Hause, als die Route?

Meyendriesch: Beim Gehen überkommt mich nach kurzer Zeit eine völlige geistige Leere, fast wie bei der Meditation. Damit die nicht in dauerhafte Windstille ausartet, tut's mir ganz gut, wieder Gedanken aufzunehmen und zu strukturieren. Dafür sind mein Tagebuch und der Blog ganz nützlich.

Und ganz ohne Medien könnte ich ja den Kontakt zu meiner Liebsten nicht halten, und das geht für mich gar nicht. Ich glaube, ohne wenigstens telefonisch in innigem Kontakt mit ihr zu bleiben, könnte ich diese lange Zeit nicht durchstehen. Außerdem möchte ich keinesfalls, dass unsere Beziehung durch mein Abenteuer irgendwelchen Schaden nimmt.

Machen Sie schon Ranglisten? Der schönste Sonnenaufgang? Das netteste Erlebnis? Der größte Schrecken? Oder werden die täglich aufs Neue umgeworfen?

Meyendriesch: Nein, ich mache keine Ranglisten. Der schönste Sonnenaufgang, das netteste Erlebnis, der größte Schrecken ist immer derjenige, der gerade stattfindet. Alles andere sind ja nur Erinnerungen.

Geplant ist für 2016 ein Vortrag von Burkard Meyendriesch über diese besondere Pilgerreise. Wieviel Zeit es wohl dauern wird, allein die schiere Zahl an Fotos zu bewältigen und eine Auswahl zu treffen für einen Vortrag: Natur, schöne Städte, beeindruckende Bauwerke, verwunschene Orte kommen fast täglich vor das Objektiv.

Burkard Meyendriesch wandert derzeit in Südfrankreich auf der Via Podiensis durchs Lot-Tal, nördlich von Toulouse.

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