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Erinnerung an Bombennächte: Werner Köppen fordert Frieden - in der Ukraine und der Welt

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Von: Sylvia Wendt

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Werner Köppen aus Schwaförden mahnt.
Werner Köppen aus Schwaförden mahnt. © S. Wendt

Schwaförden – An die Nacht, in der seine acht Jahre jüngere Schwester geboren wurde, kann sich Werner Köppen aus Schwaförden noch gut erinnern: „Es war eine dieser Bombennächte. Wir haben immer gehört, wie die Bomben auf Magdeburg fallen.“ Die Familie wohnt gut 60 Kilometer entfernt in Wust, gegenüber von Tangermünde, auf der östlichen Seite der Elbe. Hier hört die Familie ebenso die Flieger, die Kurs nehmen auf Berlin: „Die flogen direkt bei uns rüber.“ Zur Geburt der Schwester konnte die Mutter also nicht in eine Klinik gehen: „Meine Schwester wurde natürlich zuhause geboren.“

Köppen, heute wohnhaft in Schwaförden, haben die Bilder des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine zu Stift und Zettel greifen und den Wunsch nach Frieden notieren lassen. Und da taucht die Frage auf: Wie hat er den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt? Werner Köppen erinnert sich.

Geboren ist er 1935. Der Vater, sagt er, wurde gleich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges eingezogen. Er ist nur sporadisch mal zu Hause und stößt erst 1946 wieder ganz zur Familie, war in Koblenz in Kriegsgefangenschaft geraten. Lebenszeichen in all den Jahren sind, neben den Besuchen, Feldpostbriefe von der Front. Werner Köppen kann sich erinnern, dass es ein Brief aus Riga zur Familie schaffte.

Wie hat er diese Kindheit im Krieg empfunden? Der heute 86-Jährige stellt unumwunden heraus, dass der Wohnsitz auf dem Land ihm überhaupt eine Kindheit ermöglicht hat: „Wir hatten eine kleine Landwirtschaft, waren Selbstversorger. Den Hof haben meine Mutter und mein Großvater bewirtschaftet.“ Werner Köppen ist 19 Jahre alt, als er, als Konsequenz der politischen Entwicklung im sachsen-anhaltinischen Wust, seine Sachen packt.

Er hat gesehen, wie nach Kriegsende Soldaten, Kriegsinvaliden, Flüchtlinge, allein und in Gruppen, mit Viehwagen oder ohne, mit und ohne Gepäck, verhärmt, in Angst und Sorge versuchten, in den Westen zu gelangen. Um die Elbe zu queren gab es nur wenige Möglichkeiten, Brücken waren zerstört. „Alle wollten weg, hin zu den Westmächten.“ Tangermünde hatte eine klapprige Brücke, erinnert sich Werner Köppen.

Er ist 19 Jahre alt, packt seine Kleidung in mehrere Pakete, die er an Bekannte in Nienburg schickt. Am 19. Dezember 1954 steigt er mit kleinem Koffer in den Zug. Was aussieht wie ein Kurzbesuch, ist tatsächlich eine Lebensentscheidung: „Es durfte keiner wissen, dass ich nicht wieder zurück komme.“ Der 19-Jährige sieht für sich keine Zukunft: „Die Aussichten waren schlecht. Das waren ja schon die Anfänge der LPG, es ging da drunter und drüber. Wir hatten zwar ein Soll zu erfüllen – aber keine Betriebsmittel.“ Werner Köppen findet Unterschlupf bei jenen Bekannten in Nienburg. Die berufliche Ausbildung bis zum Landwirtschaftsmeister umfasst Stationen in Wildeshausen, Anstedt, Osnabrück.

Als er seine Frau kennenlernt, macht sich die Familie selbstständig, übernimmt den Hof der Schwiegermutter. „Mit Ackerbau, wie damals so üblich. Und mit Tieren. Am Anfang nur Sauen, dann haben wir eine Mast aufgebaut.“ 30 Jahre gibt es auf dem Hof Zuchtschweine, die Söhne haben den Betrieb weiter entwickelt, Werner Köppen ist längst Ruheständler. Guckt aber gerne noch über heutige landwirtschaftliche Optionen. Die Sauen sind längst weg, alle zehn Tage kommen neue Babyferkel zur Aufzucht aus Dänemark, die nach sechs Wochen uns um einige Kilo mehr auf der Waage den Hof wieder verlassen.

Ja, und die Familie im Osten? „Zuerst bin ich immer wieder rüber, ständig mit Schikanen an der Grenze. 1972 erstmals dann mit eigenem Auto. Meine Mutter war erst nach der Wende zum ersten Mal hier.“ Nach der Wende habe sich die Familie auch wieder angenähert – auch wenn 300 Kilometer zwischen den Wohnorten liegen.

Als Flüchtling, so erinnert sich Werner Köppen noch heute zutiefst dankbar, habe er immer sehr viel Unterstützung bekommen: „Wir haben ja alles zurückgelassen. Und haben uns gut einrichten können hier.“

Die schon vorausgeschickten Pakete enthielten hauptsächlich Kleidung. Aber Köppen erinnert sich mit Kopfschütteln: „Ich konnte damit nicht unter Leute gehen. Mit den ersten 100 DM, die ich auf die Hand bekam, habe ich Sakko und Hose gekauft, damit ich mich überhaupt auf die Straße trauen konnte.“ Ansonsten habe er „bei Null“ angefangen.

Und deshalb kann er nachvollziehen, was in den Menschen vorgeht, die jetzt aus der Ukraine flüchten müssen. Angst? „Nein, Angst habe ich nicht. Aber ich habe kein Verständnis für diesen Krieg. Den ukrainischen Präsidenten, vor dem habe ich großen Respekt. Und es ist schlimm, dass in der Ukraine alles vernichtet wird.“

Er selbst musste übrigens nie Wehrdienst leisten: „Ich bin überall durchgerutscht.“ Bevor er in der DDR eingezogen werden konnte, floh er in den Westen. Die Bundeswehr gab es erst seit 1955 und da wurde er auch nie gelistet. „Sicherlich müssen wir zur Verteidigung ausreichend Kräfte haben, aber ich hätte dafür nichts übrig gehabt“, sagt Köppen. Und mahnt in seinem Leserbrief, fordert den Frieden – weltweit.

Werner Köppens Leserbrief: „Wir alle wollen Frieden, weltweit. Einer macht Krieg – Putin. Beim Verursacher kommt Diplomatie nicht an, es scheint, er ist nicht zu bremsen. Alle auf der Welt wollen Frieden und das sofort, um alle entstehenden Schäden zu beenden. Zur Zeit besonders betroffen ist die Bevölkerung in der Ukraine und Russland. Die ganze Welt ist in Aufruhr. Wir sollten einen Weltgeneralstreik fordern. Unser Zeichen: Weiße Fahnen – Taschentücher, Bettlaken, auf allen Kundgebungen. Ich bin 86 Jahre alt und habe das Kriegsende am 8. Mai 1945 bei Tangermünde an der Elbe erlebt.“

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