Stocksdorf: Ein Stoff für jede Nische

Mit Faible für Naturstoffe: Joschi Albers und das alte Kühlhaus-Kontor

Horst „Joschi“ Albers steht mit einem Stoff aus Südfrankreich in seinem Kontor.
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Horst „Joschi“ Albers mit einem Stoff aus Südfrankreich – die Weberei gibt es heute nicht mehr.

Schöne Stoffe aus dem Stocksdorfer Kontor für Kostümbildner - und Maskennäher, das ist das Metier von Horst „Joschi“ Albers.

  • Webereien schließen weltweit und damit reduziert sich die Stoffauswahl.
  • Qualität der Stoffe lässt vielerorts nach.
  • Joschi Albers legt Wert auf Naturmaterialien.

Ehrenburg – Jeder Stoff ist anders, weiß nicht mehr nur weiß, selbst beige ist nicht nur beige, mancher heller, mancher dunkler. Und mit jedem neuen Stoff, so schient es, hat Joschi Albers eine neue Geschichte, die allein sich lohnte zu erzählen.

Joschi Albers ist seit 40 Jahren Inhaber der Firma Cotone mit Sitz in der Gemeinde Ehrenburg. „Is je jümme noch am arbeiten? Das mögen sich manche hier aus dem Ort wohl fragen“, sinniert der 71-Jährige. Und tatsächlich ist das eine Frage. „Weil es mir Spaß macht“, antwortet Albers, der eigentlich Horst heißt, aber so nur von seiner Mutter genannt wurde.

Der Weg in die Selbstständigkeit, in die Nische, die er für sich gefunden hat, führt den gebürtigen Stocksdorfer aus dem Elternhaus zunächst in die Hansestadt Bremen. Er lernt Genossenschaftskaufmann, arbeitet im Import/Export-Geschäft, genauer: im Getreidehandel, und hat dann aber Lust darauf, Sprachen zu lernen. Erste Station ist 1973 Paris, die nächste Südfrankreich. Nach zwei Jahren kehrt Albers zurück nach Bremen.

Von Nessel, Canvas und Matratzendrell

Und hier ist es die Arbeit bei einem Havariehändler („Damals wurde in Bremen ja noch Stückgut gelöscht, heute nicht mehr“), die ihm die ersten Stoffballen in die Hände spült, Nessel. „Kennt man das heute noch?“, fragt der Spezialist. Ja, schon, aber… „Arme-Leute-Stoff einst, der geht ja zurück auf Brennnessel, der Stamm ist so faserig“, erklärt Albers und greift in ein spezielles Regal voller kleiner rechteckiger Farbklekse, die sich als Stofffetzen entpuppen. Es zeigt sich: Schokolade und Kaffee sind sehr wohl unterschiedliche Brauntöne.

„Hier, der Canvas: Den habe ich nach Oslo geliefert, an die Oper. Es ging da um ein Beduinenzelt“, erinnert sich Albers. Diverse Kostümbildner zwischen Köln und Kiel, Brüssel und Bruchhausen-Vilsen wissen um die Vielfalt der Stoffauswahl bei Joschi Albers, geben die Infos per Mundpropaganda weiter. Wichtig für sie, aufgrund der Dringlichkeit der Bestellung: Dass er die Stoffe lieferbar auf Lager hat. „Ich habe alles, was ich anbieten möchte, auf Lager“, erklärt Albers sein Geschäftsprinzip. Nicht für die Massenbestellung, aber für individuelle Projekte.

Neben dem eher festen Stück Canvas landet ein Stück dünner, kompakter Inlettstoff, das ein portugiesischer Orgelbauer immer ordert. Ob ich Matratzendrell kenne? Hmm, nein… nie gehört. Ein dunkelgraues Stoffstück mit fünf dünnen Streifen liegt dann vor mir: Festerer Stoff, wieder Baumwolle. Matratzenstoff also, der belegt, dass die Dinger nicht nur weiß sein müssen. Ein Kunde aus Schleswig-Holstein sammelt aus Schlei und Ostsee Seetang, trocknet diesen, häckselt ihn und macht daraus besondere Matratzen, eingefasst von Stoff aus dem Kontor von Joschi Albers in Ehrenburg.

Die Entstehung des Kontors

Die Geschichte der Eröffnung dieses Kontors ist mit der Trauer um den Vater verbunden, der in der familieneigenen Mühle als Müller arbeitete. Und in dieser zu Tode kam. Seine Witwe ließ die Mühle daraufhin abreißen.

Sohn Horst kehrt zurück nach Stocksdorf (zwischendurch hatte er, direkt nach dem Sturz von Diktator Franco, ein Jahr in Barcelona gelebt: „Eine aufregende Zeit“) und entschied, sein eigener Herr sein zu wollen. „Es entspricht meinem Naturell, mich aus dem Konkurrenzkampf heraushalten zu wollen.“ Er habe sich mit seinem Geschäft seine Nische gesucht. Die Einstellung des „Alt-68-ers“: Natur, natürlich – bloß kein Polyester. Aus dem Kühlhaus auf dem Familiengrundstück, 1958 gebaut und Mitte der 1970er Jahre aufgegeben in der Nutzung, wurde das Kontor für Stoffe, viel in besonderer Zertifizierung mit qualitativ und ökologisch hohem Standard. Regale aus einem Textilgeschäft in Twistringen, inklusive geeichter Elle, dienen heute der fachgerechten Lagerung der Stoffballen. Das klingt ganz banal, letztlich sind sie alle farbenfrohe, aber stumme Zeitzeugen einer verschwindenden Profession, denn die traditionsreichen Webereien schließen zunehmend. Nach 40 Jahren kann Albers heute auf maximal ein Drittel der Lieferanten zurückgreifen, mit denen er anfangs zusammenarbeitete.

Webertradition verschwindet

Manche ehemalige Ansprechpartner arbeiten heute in Textilfirmen – so bleiben Kontakte ganz nützlich. Etliche Ausrüstung ehemaliger Webereien sei aufgekauft und nach China verschifft worden, dort werde heute produziert, ebenso in Indien und Pakistan. In großen Mengen, manches Mal auch in guter Qualität, aber Albers sucht die versierten Produzenten gerne auf dem heimischen Kontinent.

Die Affinität zu Frankreich belegen etliche Ballen mit typisch provenzalischen Mustern. Deutlich zu fühlen ist der Unterschied zwischen einem Stück in sattem gelb-rot (aus einer inzwischen geschlossenen Weberei) und einem Stoff neuerer Produktion.

Toile de Jouy für Hof Turn und Taxis

Und wer kauft eigentlich den Toile de Jouy? „Och, Herstellerinnen, die Taschen produzieren aus den einzelnen Bildern etwa, der Stoff ist ja etwas fester. Und der Hof Turn und Taxis“, erklärt Albers zum Stoff, der die typisch französischen Hofstaatbilder zeigt. Grundsätzlich kann jeder bestellen, ob privat oder geschäftlich: Joschi Albers liefert ab einem Meter Stoff, zuzüglich Porto. Es gibt kein Ladengeschäft, denn Albers wollte immer autark bleiben, keine Ladenöffnungszeiten, keine Mitarbeiter und lieber sein eigener Herr bleiben. Daher gibt es alles nur online unter www.stoffe-zum-leben.de.

Naturmaterialien sollten es sein, darauf hat er sich spezialisiert, das wissen seine Kunden zu schätzen. Die sind breit gefächert. Wird fürs Theater geordert, sind es eher Mengen für einzelne Kostüme, als für das Bühnenbild. „Das machen dann andere.“ Die Beständigkeit der Naturmaterialien allein lässt ahnen, dass nicht jene bei ihm fündig werden, die jeder Modelaune verfallen.

Im letzten Jahr seien zahlreiche Privatbesteller dazugekommen, die Stoffe orderten, um daraus Mund-Nase-Bedeckungen zu schneidern.

Stoffe für japanisches Furoshiki

Kann er auch nähen? „Nein, werde ich oft gefragt, aber kann ich nicht. Nie gelernt“, sagt Albers und muss lachen. Seine Ehefrau Eva allerdings, die habe das wieder entdeckt. Er würde eher Stoffstücke mitnehmen und die als Tischdecken nutzen. Stoffstücke wiederum hat Ehefrau Eva zusammengepackt, denn gerade im Trend ist Furoshiki, jahrhundertealte Tradition aus Japan: Das Einpacken von Geschenken mit Stoffstücken.

Die Klientel für Stoff bleibe vielfältig, freut sich Joschi Albers. „Das macht es interessant – und hält mich am Arbeiten.“

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