Die Pandemie und der Kreißsaal

Geburt in Corona-Zeiten: Familien berichten von Katastrophen und Unsicherheit

Eine Hand hält die Füße eines Babys,
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Nicht für alle jungen Eltern ist die Geburt des Kindes in Corona-Zeiten so schön, wie sie ohne die besonderen Regelungen sein könnte.

Die Geburt des ersten Kindes haben sich Ronja und Steffen anders vorgestellt. Bücher und Kurse haben nicht auf das Ereignis unter Corona-Bedingungen vorbereiten können.

  • Zu Beginn der Corona-Krise änderten sich innerhalb weniger Tage die Besuchsregeln im Krankenhaus.
  • Vater konnte Kind nach Tagen im Krankenhaus besuchen, nicht aber seine Frau.
  • Besuche im Krankenhaus nur zu den wichtigsten Ereignissen erlaubt.

Landkreis Diepholz – „Das war psychisch ziemlich hart. Ein einschneidendes Erlebnis“, sagt die 32-Jährige Ronja aus Schwaförden. Ihr Mann beschreibt es mit den Worten: „Es war ein Marathon.“ Am 26. März wurde ihr Sohn Joran im Krankenhaus Vechta geboren. Mitten in der ersten Welle der Corona-Krise. „Ich kam 20 Minuten vor dem Spektakel“, sagt Steffen.

Landkreis:Diepholz
Fläche:1.988,14 km2
Einwohner:217.089 (31. Dez. 2019)
Kreisgliederung:45 Gemeinden
Landrat:Cord Bockhop (CDU)

Vor dem Geburtstermin waren die beiden dreimal im Krankenhaus. Beim ersten Termin am 21. März durfte Steffen mit in den Kreißsaal. Zwei Tage später musste er vor dem Kreißsaal warten. Beim dritten Termin am 25. März, als die Geburt eingeleitet wurde, durfte er das Krankenhaus gar nicht mehr betreten. Er habe in der Zeit im Auto gewartet. „Dann kam sie raus und hat Bescheid gesagt, dass sie bleiben muss“, erinnert sich der 29-Jährige. Im Auto zu warten, fand Steffen nicht schlimm. „Das kann man schon verstehen.“

Nach der Geburt durfte der Vater nur zwei Stunden bei Frau und Sohn bleiben

Durch ein Schild, das vor dem Kreißsaal hing, habe Ronja am Tag der Geburt erfahren, dass ihr Mann nur bei der Pressphase dabei sein dürfe. „Dabei heißt es doch, der Mann soll beruhigend sein.“ Sie sagt weiter: „Ich war vorher schon sehr aufgeregt und hatte tierische Angst.“ Gegen 20 Uhr habe Ronja Krämpfe bekommen. Das Personal habe ihr gesagt, dass es nichts Geburtsrelevantes sei. Dann kamen die Wehen. Von 22 bis 23.30 Uhr lag sie alleine am Wehenschreiber, berichtet sie. „Ich habe zwar Schmerzmittel bekommen, aber die haben nicht so geholfen“, erinnert sie sich.

Zu Beginn der Corona-Krise konnten Partner noch mit in de Kreißsaal, zwischenzeitlich jedoch nichteinmal mehr das Krankenhaus betreten.

Nachdem sie die PDA (Rückenmarks-Narkose) bekommen hatte, durfte sie Steffen anrufen. „Die Hebamme hat mir vorher gesagt, dass er sich Zeit lassen kann, weil es noch nicht soweit ist.“ Um 1.45 Uhr war Steffen im Krankenhaus, um 2.05 Uhr kam Joran zur Welt. Nach der Geburt durfte er nur zwei Stunden bei seiner Frau und seinem Sohn bleiben. „Die Tage danach durfte er gar nicht kommen“, schildert die 32-Jährige. Insgesamt zehn Tage war sie im Krankenhaus, weil Joran auf die Intensivstation musste. „So hat man es sich nicht vorgestellt. Und diese Ungewissheit. Ich war alleine, und die haben mein Kind weggenommen“, schildert sie. „Ich war nur noch am Weinen.“ Kontakt zu ihrem Mann war nur übers Telefon möglich.

„Aus Geburtsvorbereitungskursen und Büchern kennt man es anders“

An Tag sechs durfte Steffen sein Kind besuchen – und das erst, nachdem Ronja beim Personal nachgefragt hatte. „Ich dachte mir: Nach sechs Tagen kann es ja nicht sein, dass der Vater seinen Sohn nicht gesehen hat.“ Ein zweischneidiges Schwert: Steffen freute sich, seinen Sohn zu sehen. Doch seine Frau durfte er nicht besuchen.

Ronja: „Es war alles anders geplant. Aus Geburtsvorbereitungskursen und Büchern kennt man es anders.“ Trotz allem betont sie: „Ich mache Vechta keinen Vorwurf. Ich würde da immer wieder entbinden.“ Steffen stimmt ihr zu: „Es war relativ frisch alles zu dem Zeitpunkt. Das Krankenhaus was etwas überfordert, jeden Tag gab es etwas Neues.“

Coronavirus und der Kreißsaal: Mit Maske bei der Geburt

„Der Tag der Geburt war eine Katastrophe“, beschreiben es Sophie* und ihr Freund Jan* (*Namen von der Redaktion geändert) aus Sulingen. Das war nicht nur Corona geschuldet, es kamen mehrere Faktoren zusammen. Sohn Felix* wurde am 5. Juni im Krankenhaus Vechta geboren. Im Mai hatte Sophie ein Vorgespräch mit einer Ärztin. „Da ist mir gesagt worden, dass ich bei der Geburt eine Maske tragen muss“ – und dass ihr Freund nur dabei sein dürfe, wenn es richtig losgehe. „Ich hatte Panik. Vor allem mit der Maske bei der Geburt. Das hat mir Angst gemacht.“

Ziel aller Maßnahmen, auch im Kreißsaal, sei der Schutz der Patienten und des Personals.

Dazu schreibt der Geschäftsführer des St. Marienhospitals Vechta, Aloys Muhle: „Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass eine Geburt mit Mundschutz kaum realisierbar ist – wenn es möglich ist, sollten aber alle Anwesenden einen Mundschutz tragen.“ Ziel sei es, Hebammen und Ärzte zu schützen, „weil sonst Geburten nicht mehr stattfinden können“.

Vater wartet im Auto - Mutter läuft alleine in den Kreißsaal

Am 5. Juni kam das Paar frühmorgens im Krankenhaus an. Alleine musste Sophie zum Kreißsaal laufen – mit geplatzter Fruchtblase. Jan wurde mitgeteilt, er dürfe nicht im Krankenhaus warten. Dann ging er zum Auto. Im Laufe des Vormittags begannen die Wehen. Im Kreißsaal bekam Sophie die Info, sie solle später wiederkommen. Dreimal insgesamt lief Sophie alleine von ihrem Zimmer im Erdgeschoss in den Kreißsaal ins dritte Obergeschoss. „Ich habe mich während der Schmerzen allein gefühlt.“

Das Krankenhaus dazu: „Wenn nicht klar ist, ob die Geburt tatsächlich schon unmittelbar bevorsteht und es deshalb nur zu einer Untersuchung in den Kreißsaal geht, versuchen wir, den Kreis der Beteiligten so klein wie möglich zu halten.“ Leichte Wehen, die Schmerzen verursachen, bedeuten nicht zwingend, dass die Geburt anstehe. „Es wäre sicher hilfreich gewesen, wenn die werdende Mutter die Schmerzsituation an die Pflegekräfte beziehungsweise an die Hebammen übermittelt hätte.“

Wenn Kinder geboren werden, ist das für ihre Eltern ein besonderes Erlebnis, in Corona-Zeiten kann es jedoch zu sehr belastenden Situationen kommen.

Zwischendrin durfte Jan seine Freundin 15 Minuten sehen, um ihr die Tasche zu bringen. „Es war schrecklich, dass er wieder gehen musste.“ Gegen Mittag wurde Sophie im Rollstuhl von einer Schwester in den Kreißsaal gebracht. Da sie ihre Maske nicht gefunden hatte, musste sie während der Geburt keine tragen. Dann durfte sie ihren Freund anrufen.

Kurz nach der Geburt muss das Kind in einer andere Klinik verlegt werden

Um 19.29 Uhr war Felix auf der Welt. Kurz nach der Geburt musste er auf die Intensivstation. „Er war blau angelaufen, sie mussten ihn an ein Beatmungsgerät anschließen“, so Jan. „Das war die Hölle.“ Nach zwei Stunden durften sie zu ihrem Sohn auf die Kinderintensivstation. Wenig später die nächste Nachricht: Felix muss in ein anderes Krankenhaus verlegt werden. „Die Kinderklinik hatte nicht genügend Beamtmunsgeräte“, schildert Jan fassungslos.

Laut Klinik sei nicht die Anzahl der der Beatmungsgeräte das Problem gewesen, sondern die Zahl der Pflegekräfte. „Es gibt Vorgaben, die bei beatmeten Kindern eine Quote von 1:1 vorsehen. Wenn schon mehrere Kinder beatmet auf der Station sind, muss ab einer gewissen Zahl die Verlegung in eine andere Kinderklinik erfolgen.“ So war es auch bei Felix. Ärzte aus dem Krankenhaus Osnabrück holten ihn ab. Sophie wurde etwas später von den Maltesern dorthin gefahren. In Osnabrück durfte Jan seine Freundin und seinen Sohn öfter besuchen. An die Vechtaer Klinik denkt er mit ungutem Gefühl zurück: „Wir haben dort keine guten Erfahrungen gemacht.“

Krankenhaus sieht Anwesenheit des Partners bei der Geburt als Notwendigkeit

Der Geschäftsführer des St. Marienhospitals Vechta, Aloys Muhle, schreibt, dass es seit Mitte März immer wieder Veränderungen bei den Besuchsregelungen gab, auch in der Geburtshilfe. „Wir sehen es als absolute Notwendigkeit, dass die Schwangeren, die zur Entbindung zu uns ins Haus kommen, ihren Ehemann / Lebenspartner bei der Geburt selber an ihrer Seite haben – dies gilt auch im OP, wenn die Geburt per Kaiserschnitt erfolgen muss. In der Phase nach der Geburt können die Partner in der Regel bei der Mutter bleiben und können diese auch besuchen.“

Geburten während der Corona-Pandemie sind mit einigen Schwierigkeiten und zusätzlichen Verunsicherungen verbunden.

Das Personal bitte jedoch die Schwangeren, die in den Wochen vor der Geburt kommen, ihre Partner nicht mitzubringen, um die Zahl der Menschen im Krankenhaus auf das Nötigste zu beschränken. „Die Akzeptanz dieser Regelung ist durchgängig gut – die Schwangeren haben in der Regel Verständnis für diese Situation“, so Muhle.

Ziel aller Maßnahmen sei laut Krankenhaus der Schutz von Patienten und Mitarbeitern

Die Regelung, dass der Partner Frau und Kind nicht besuchen durfte, galt im März für einige Tage. Muhle: „Sollte es sich dennoch zutragen, dass einem Vater der Zutritt verwehrt wird, möge die Mutter diese Situation mit unserem Stationsteam besprechen, die dann die Besuchsmöglichkeit regelt.“

Ziel aller Maßnahmen sei es, Patienten und Mitarbeiter zu schützen „und dementsprechend möglichst wenige Besucher, deren Infektionsstatus wir nicht kennen, im Krankenhaus zu haben“. Seit mehreren Wochen teste das Personal zudem alle Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden - also auch Schwangere zur Entbindung - im Rahmen der Aufnahme mit einem Schnelltest auf eine Infektion mit Covid-19.

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