3200 Kilometer entlang des Jakobsweges liegen hinter Burkard Meyendriesch

In Santiago angekommen

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Burkard Meyendriesch, hier beim Überschreiten der 3000 Kilometer-Marke an Tag 97, fotografiert von einem Mitpilger auf dem Abschnitt zwischen Ponferrada und Vega de Valcarce.

Scholen/Santiago - Von Sylvia Wendt. 101 Tage, 3200 Kilometer: Nackte Zahlen, die so gar nichts darüber aussagen, was alles passiert ist. 101 Tage hat es gedauert, bis Burkard Meyendriesch das spanische Santiago de Compostela, Wallfahrtsort am Ende des Jakobsweges, erreicht hat.

Losgegangen ist er in seinem Wohnort Scholen, in der Samtgemeinde Schwaförden. 101 Tage mit einer täglichen Wanderleistung zwischen 20 und 55 Kilometern und nur drei tagen Pause – Hochzeitstag und den 60. Geburtstag feiern mit der Liebsten.

101 Tage raus sein aus dem beruflichen Alltag, dem familiären Umfeld, keine Abende mit Freunden, sondern nur per Internet schreiben und Bilder schicken – was macht das mit einem? Antworten wird Meyendriesch liefern, wenn er wieder in der Region ist und die Erlebnisse sortiert hat. Geplant ist ein Abend, an dem er von dieser besonderen Weitpilger-Tour erzählt. Ein Datum steht noch nicht fest. Dank Internet aber ist jetzt bereits ein erstes Interview möglich.

Angekommen in Santiago: Was waren Ihre Gedanken beim Erreichen der Stadtgrenze?

Burkard Meyendriesch: Mein erster Gedanke war: Für das Erreichen eines so lange und entbehrungsreich angestrebten Ziels ist das Ankommen in einer 100000-Einwohner-Stadt mit ihren unattraktiven Randgebieten schrecklich banal. Mein zweiter Gedanke: Schnell zur Kathedrale und ein Selfie für meinen Blog machen! Mein dritter: Das ist alles nicht wahr, ich bin noch gar nicht da, ich träume das alles nur. So eine weite Reise kann und darf nicht so plötzlich und so banal zu Ende gehen! Kein roter Teppich, kein Empfangskomitee, nix!

Nach 101 Tagen auf dem Jakobsweg: Wie kann die Umstellung gelingen, nicht mehr jeden Tag zwischen 20 und 50 Kilometern zu laufen?

B.M.: Tja, das weiß ich auch noch nicht. Der erste Tag ohne das gewohnte Gehen war einfach furchtbar! Heute geht's schon etwas besser, obwohl ich noch immer unruhig und unzufrieden bin und nicht weiß, wohin mit meiner Energie.

Ich versuche, mich in den verkehrsärmeren Randzeiten von der Stadt inspirieren zu lassen und Orte zu finden, an denen ich mich wohlfühle.

Können Sie die Unterschiede auf den Etappen in Deutschland, Frankreich und Spanien benennen? Rein technisch und emotional?

B.M.: Ich würde meinen Weg in vier Etappen mit unterschiedlichem Charakter einteilen: 1. Deutschland, von Scholen über Trier bis Lothringen: Hier hat der Pilger bis auf die Städte vom Ruhrgebiet bis Köln vor allem Ruhe und Einsamkeit; in Deutschland habe ich keinen einzigen Pilger getroffen. Die Landschaft ist schön und abwechslungsreich, der Jakobsweg hinreichend ausgewiesen und die Verständigung in der Regel problemlos. Nur Lebensmittelversorgung und Übernachtungsmöglichkeiten sind manchmal nervenaufreibend dünn gesät.

2. Lothringen bis Le Puy-en-Velay: Ruhe und Einsamkeit fand ich auch hier. Auch die Landschaft hat mir gut gefallen, lediglich die endlosen Weinberge der Côte d'Or fand ich auf die Dauer öde. Der Jakobsweg ist hier nicht durchgängig so gut ausgeschildert, dass ich ihn ohne weitere Hilfsmittel gehen würde. Die Versorgung mit Essen und Trinken erschien mir einfacher als in Deutschland, weil es selbst in den winzigsten Orten meist eine Einkaufsmöglichkeit gibt. Das Übernachten gestaltete sich ähnlich schwierig wie in Deutschland, zusätzlich war es noch teurer. Die Verständigung ohne Französischkenntnisse ist unmöglich. Niemand versteht oder spricht englisch oder gar deutsch.

3. Via Podiensis: Wunderschön! Streckenweise traumhaft schöne Landschaft mit viel Romanik darin. Perfekte Infrastruktur für Fußgänger, ideale Ausschilderung des GR65. Insbesondere den Streckenabschnitt von Le Puy-en-Velay bis Moissac kann ich nur jedem Pilger wärmstens empfehlen.

Allerdings verlangt diese Strecke dem Wanderer auch die meiste Kondition ab. Erschreckend fand ich anfangs die schiere Menge der Pilger, die plötzlich ab Le Puy-en-Velay unterwegs waren; mit mir zusammen haben morgens über 80 Mitpilger die Kathedrale verlassen! Mit der Einsamkeit und Ruhe war's ab hier vorbei.

4. Camino Francés: Landschaftlich fand ich dieses letzte Viertel des Weges über weite Strecken unattraktiv. Und die Zahl der Pilger hatte sich gegenüber der Via Podiensis nochmals verzehnfacht. Insbesondere waren viele Pauschaltouristen unterwegs, die dem Weg und den Übernachtungen durch ihre Anspruchshaltung einen ganz anderen – eben typisch touristischen – Charakter gaben. Gesteigert wurde die Kommerzialisierung und Banalisierung nur noch ab Sarria. Dort nahm die Pilgerzahl nochmals drastisch zu, kaum jemand trug noch sein Gepäck selbst, in den Bars herrschte Ballermann-Atmosphäre. Wer Ruhe und Abgeschiedenheit sucht, ist hier definitiv nicht gut aufgehoben!

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