In Angelse fielen die Kisten vom Pferdewagen

Leester Frachtfahrer transportieren „Adler“-Zwillingslok „Pfeil“

Ein Nachbau des „Adlers“ vor einem ICE 3. Die Fahrt der Dampflok hatte vor 175 Jahren Maßstäbe fürs Eisenbahnwesen gesetzt. Die Schwesterlok „Pfeil“ blieb dagegen stets im Schatten des berühmten Bruders.

Leeste - Sie war die erste Dampflokomotive in Deutschland und startete zu ihrer Jungfernfahrt von Nürnberg nach Fürth im Dezember vor 175 Jahren. Gemeint ist der legendäre „Adler“. Diese berühmte Lok hatte einen Zwilling – den weniger bekannten „Pfeil“. Und die Spuren dieser Lok führen nach Weyhe.

Die Vorfahren der Leester Familie (Schulten-)Ahrens haben nämlich den „Adler“-Zwilling „Pfeil“ nach Nürnberg transportiert. Während die Geschichte des „Adlers“ in zahlreichen wissenschaftlichen Werken, Dissertationen und Büchern aufgearbeitet worden ist, stand „der Pfeil“ stets im Schatten seines berühmten und älteren Bruders.

Vom „Adler“ ist bekannt, dass er in 19 Kisten von England nach Rotterdam verschifft worden ist. Die Geschichte der Schwesterlok dagegen weniger.

Frachtpapiere der „Adler“-Zwillingslok „Pfeil“ befinden sich im DB-Museum Nürnberg

Dr. Rainer Mertens, Leiter Sammlungen, Ausstellungen und Öffentlichkeitsarbeit des Bahnmuseums in Nürnberg, bestätigt zumindest, dass der „Pfeil“ seinerzeit über Bremerhaven nach Deutschland gekommen sei. Um mehr zu erfahren, müsste man schon vor Ort tief in die Recherche einsteigen: „Die Frachtpapiere befinden sich in unserem Museum, und zwar im Archiv der damaligen Eisenbahn-Gesellschaft, der Ludwigsbahn.“

Pferd und Wagen transportieren erste Loks

Rückblick: Die ersten Loks wurden mühsam per Pferd und Wagen transportiert. „Als solche Waren per Achse befördert wurden, bildeten Frachtfuhrleute wie mein Ur-Ur-Ur-Großvater Claus Schulte eine große Gilde mit eigenen Sitten und Gebräuchen“, berichtet der Leester Landwirt Karl-Heinz Ahrens. Sein Vorfahre – fünf Generationen zuvor – erhielt eben den Auftrag, mehrere Kisten von Bremerhaven nach Nürnberg zu bringen.

Zentrale der Frachtfahrer in Nürnberg: Was das Wort „gehänselt“ bedeutet

Zu jener Zeit war Nürnberg die Zentrale der Frachtfahrer. Nur wer da wie Claus Schulte „gehänselt“ war, was geschah, wenn ein Frachtfahrer zum ersten Mal in die fränkische Metropole kam, war ein „rechter Fuhrmann“, also ein anerkannter Spediteur.

Hafenarbeiter helfen in Weyhe aus

Als solcher konnte man auch einen kleinen Unfall locker verschmerzen. Denn in Angelse war ein Wagen unter dem Gewicht der Kisten der „Pfeil“ zusammengekracht. Was tat man in einem solchen Fall? Mobile Schwerlastkräne gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. Der erfahrene Fuhrmann wusste Rat. Er bat Arbeiter vom Hafen in Bremen, um ihm beim Umladen zu helfen. Da dieses „Missgeschick“ gewissermaßen direkt vor der Haustür passierte, wurde diese Anekdote hartnäckig von Generation zu Generation erzählt.

Die Unterlagen wurden bei einem Umbau des alten Leester Bauernhauses in den 60er Jahren entsorgt. Über die Lok selbst wissen die Eheleute so gut wie nichts.

Der „Pfeil“ war die letzte für die Ludwigseisenbahn bei Robert Stephenson & Co. in Newcastle upon Tyne bestellte Lok. Weitere Lokomotiven wurden in Deutschland gebaut und kamen von Henschel und Maffei.

„Adler“ und „Pfeil“ zum Schrottwert verkauft

Die Ludwigsbahn verkannte die historische Bedeutung des „Adlers“ für das Eisenbahnwesen. Folglich erging es dem „Pfeil“ nicht besser. Beide Lokomotiven wurden für den Schrottwert verkauft. Der „Adler“ wurde 1857 und der „Pfeil“ 1853 ausgemustert. 1922 stellte schließlich auch die Ludwigsbahn ihren Betrieb ein.

Weshalb die erste Eisenbahn in Deutschland ausgerechnet zwischen Nürnberg und Fürth verkehrte? Man baute die nur 6,4 Kilometer kurze Strecke im Jahr 1835 entlang der geraden und ebenen Fürther Chaussee, welche die meist frequentierte überörtliche Straße in ganz Bayern war. Ideale Voraussetzungen also für eine einfach zu bauende und Rendite versprechende Demo-Eisenbahn. Neun Minuten dauerte die Fahrt des Dampfzuges, der mit 24 bis 29 Kilometern in der Stunde fuhr. Zum Vergleich: Der heutige ICE 3 donnert schon mal mit Tempo 300 übers Land. Die Spurweite der Gleise betrug die in England üblichen 4 Fuß 8 1/2 Zoll, was im metrischen System 1435 Millimetern entspricht, der noch heute in Europa üblichen „Normalspur“, auf der der ICE ebenfalls unterwegs ist.

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