Erste Weyher Haltestelle nach der Weserbrücke besteht seit fast 130 Jahren

„Schaffner, wie viele Kinder hast du?“ – „Dreye, Dreye“

+
Seit rund 130 Jahren halten in Dreye Züge in Dreye. Das 1955 errichtete Stationsgebäude ist längst der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Es gibt immerhin einen Unterstand. ·

Dreye - Von Heiner BüntemeyerDie Eisenbahnstrecke zwischen Osnabrück und Bremen wurde zwar schon, wenn auch zunächst nur eingleisig, 1873 eröffnet, doch erst zwölf Jahre später, am 1. Juli 1885 erhielt auch Dreye eine Haltestelle.

Den Wunsch nach einer eigenen Haltestelle richteten Dreyer Bürger zunächst erfolglos an das „Königliche Eisenbahn-Betriebsamt“. Erst als sie ihrem Wunsch mit einer Eigenbeteiligung in Höhe von 3 000 Mark Nachdruck verliehen, wurde dem Antrag entsprochen.

Aber es war zunächst nur eine Haltestelle und kein Bahnhof. Von Kundenfreundlichkeit keine Spur, wie ein Leserbrief in der Syker Zeitung am 30. Dezember 1885 beweist: „Wenn wir mit Gespann zur Haltestelle fahren, müssen wir in Wind und Wetter auf offener Straße halten und können nicht mal ausspannen. Unsere Pferde sind das Gerassel und Pfeifen der Züge nicht gewöhnt. (…) Es dürfte daher dringend zu wünschen sein, bei der Haltestelle Dreye so bald wie möglich eine Wirthschaft mit Stallung einzurichten. (…) Wenn auch an und für sich in Dreye selbst Wirthschaften mehr wie zu viel sind, so dürfte aber eine solche bei der Haltestelle einzurichten, ein großes Bedürfniß sein.“

Wie Gemeindearchivar Wilfried Meyer in seinen Büchern „Eisenbahnen im Landkreis Diepholz“ und „Weyhe im Wandel der Zeit, Band 3“ berichtet, wurde das angemahnte Gasthaus mit Sommergarten, (später Gasthaus Riekers) 1886 von Segelke Ahrens eingerichtet. Im Jahr 1995 hat der letzte Betreiber die Pforten geschlossen.

Die Bahn errichtete auch ein „Stationsgebäude“, es handelte sich dabei allerdings nur um eine Bretterbude, die erst 1955 durch ein massives Gebäude ersetzt wurde. Darin waren Dienstzimmer, Warteraum und eine Wohnung untergebracht. Bis 1985 wurde das Haus bewohnt, inzwischen ist es abgerissen worden.

Aus dem täglichen Einerlei des Eisenbahnbetriebes ragten Ereignisse heraus, die den Menschen unserer Heimat früher einen Hauch „der großen, weiten Welt“ vermittelten. Am 23. April 1890 berichtete die „Syker Zeitung“, dass „von Oldenburg über Bremen kommend heute nachmittag 1 1/2 Uhr Seine Majestät der Kaiser mittels Sonderzuges unseren Bahnhof passirt“.

Eine weitere Reise des Kaisers beschreibt die „Syker Zeitung“ am 7. Juni 1897 wie folgt: „Der Kaiser passirte gestern früh um 5 Uhr mittels Sonderzuges unsere Station auf der Reise von Bonn nach Cuxhafen. Trotz der frühen Morgenstunden waren verschiedene Einwohner auf dem Bahnhofe (in Syke) erschienen, um womöglich einen Blick seiner Majestät aufzufangen. Sie wurden aber leider enttäuscht. Die Fenster des Wagens waren verhangen und gestatteten keinen Einblick in das Innere.“

Richtig majestätisch ging es im Jahre 1901 zu. Die „Syker Zeitung“ berichtete am 23. September, dass „der Kaiser von Rußland gestern mittag um 12.45 Uhr auf der Reise von Frankreich nach Kiel unsere Station passirte. Der kaiserliche, aus elf vierachsigen Wagen bestehende Sonderzug war mit zwei Lokomotiven bespannt, auf denen außer dem regelmäßigen Personal noch der technische Dezernent der Betriebsinspektion Münster sowie ein Werkmeister Platz genommen hatten. Für die Zeit des Passirens des kaiserlichen Sonderzuges waren ganz besondere Maßregeln getroffen worden. Der Perron war vollständig abgesperrt und außerdem waren bereits seit dem frühen Morgen sämtliche Bahnübergänge mit Doppelposten besetzt“.

Dramatische Ereignisse brachten die Kriegsjahre, als zwar eigentlich die Eisenbahnbrücke das Ziel zahlreicher Bomben- und Tieffliegerangriffe war, aber Fehlabwürfe zahlreiche Häuser in Dreye zerstörten, Menschen töteten und verletzten. 1945 wurde die Weserbrücke so stark beschädigt, dass der Eisenbahnverkehr über die Kleinbahn Bremen-Thedinghausen umgeleitet werden musste.

Erst 1951 war die Brücke wieder uneingeschränkt befahrbar. Zu dieser Zeit riefen die Zugbegleiter noch bei jedem Halt die Stationen aus. Mitreisende machten sich dann oft einen Spaß daraus, kurz vor dem Halt in Dreye laut aus dem Waggonfenster zu rufen: „Schaffner, wie viele Kinder hast du?“, und wenn der dann pflichtgemäß „Dreye! Dreye“ rief, hatten sie ihr billiges Vergnügen.

Das könnte Sie auch interessieren

Straßburger Angreifer hat laut Zeugen "Allahu Akbar" gerufen

Straßburger Angreifer hat laut Zeugen "Allahu Akbar" gerufen

4.000 Puten verenden bei Feuer in Großenkneten

4.000 Puten verenden bei Feuer in Großenkneten

Beide Koreas überprüfen Abrüstung von Grenzkontrollposten

Beide Koreas überprüfen Abrüstung von Grenzkontrollposten

Mit über 1.000 km/h über Salz und Sand: Die verrückte Jagd nach Geschwindigkeitsrekorden

Mit über 1.000 km/h über Salz und Sand: Die verrückte Jagd nach Geschwindigkeitsrekorden

Meistgelesene Artikel

Nach Straßburg-Anschlag: Kontrolle von französischem Auto ergibt keine Hinweise

Nach Straßburg-Anschlag: Kontrolle von französischem Auto ergibt keine Hinweise

Realitätsnahe Feuerwehr-Übung nach Abrissparty in Heiligenfelde

Realitätsnahe Feuerwehr-Übung nach Abrissparty in Heiligenfelde

„Westnetz“ investiert rund halbe Million Euro in Erweiterung des Standorts Sulingen

„Westnetz“ investiert rund halbe Million Euro in Erweiterung des Standorts Sulingen

Finanzausschuss gegen Einweihungs-Event für Skulptur „Mensch“ und Hochzeitspavillon

Finanzausschuss gegen Einweihungs-Event für Skulptur „Mensch“ und Hochzeitspavillon

Kommentare