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„Wladimir, mir graut vor dir“

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Von: Frank Jaursch

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Galina Gerasimenko (v.l.), Maja Schachowa und Gönna Obsen haben den Austausch ins Leben gerufen.
Die Initiatorinnen des Austausches (v.l.): Galina Gerasimenko, Maja Schachowa und Gönna Obsen. © Juraj Sivulka

Syke – Ihr Name steht wie kein anderer für den jahrzehntelangen freundschaftlichen Austausch zwischen den Gymnasien in Syke und Nischni Nowgorod: Gönna Obsen war Lehrerin am Gymnasium Syke, als 1990 die ersten Kontakte zu der russischen Millionenstadt geknüpft wurden, die damals noch Gorki hieß. Über Jahrzehnte organisierte sie den Austausch zwischen den Gymnasien der beiden Städte. Die aktuelle Entwicklung Russlands beobachtet die mittlerweile pensionierte Lehrerin „tief traurig und schwer enttäuscht“, wie sie im Gespräch mit der Kreiszeitung betont.

Gönna Obsen: „Tief traurig und schwer enttäuscht“

„Wir haben seit 1990 in der Zuversicht gelebt, dass Russland ein friedliches Land ist“, sagt Obsen. Der Angriff russischer Truppen auf die Ukraine hat für sie die Möglichkeit einer „menschlichen Verständigung im Moment zerstört“.

Im Gespräch mit der Pädagogin wird mehrmals erkennbar, wie sehr die Situation sie mitnimmt. Obsen hat mit ihrem Engagement dafür gesorgt, dass ganze Generationen von Syker Schülern Einblicke in eine andere Kultur erhalten, Verständnis für eine andere Art zu leben entwickelten – alles unter der Prämisse eines friedlichen Miteinander. „Ich habe dort viele gute Freunde“, sagt sie. Aber nun werde offenkundig, dass es „unterschiedliche Einschätzungen darüber gibt, was richtig und was falsch ist“.

Schon 2014, als Russland die Krim annektierte, habe sich ein bedrückender Schleier über den damaligen Besuch gelegt, erinnert sich Gönna Obsen. „Wir merkten schon, dass viele Russen damit sehr zufrieden waren.“ Die Zahl skeptischer Stimmen sei hingegen überschaubar gewesen. Schließlich sei die Ukraine „urrussisches Gebiet“, so das Argument, das sich mit den jüngsten Aussagen von Wladimir Putin deckt. Vom russischen Präsidenten hält Obsen angesichts seiner jüngsten Aussagen und Entscheidungen nichts. „Wladimir, mir graut vor dir!“, sagt sie und lacht bitter.

Beim letzten Besuch aus Nischni Nowgorod im Jahr 2017 führten deutsche und russische Teilnehmer gemeinsam einen russischen Tanz auf.
Beim letzten Besuch aus Nischni Nowgorod im Jahr 2017 zeigten deutsche und russische Teilnehmer gemeinsam einen russischen Tanz. © Juraj Sivulka

Gönna Obsen: Russische Staatsmedien beeinflussen Meinung der Menschen negativ

Obsen zeigt sich überzeugt, dass auch heute in Deutschland viele Russen diese Haltung hätten – und auch den Angriff auf die Ukraine befürworteten. Einen Grund sieht sie in der Darstellung der Situation in den russischen Staatsmedien. „Ihnen wird gesagt: ,Der Westen hat uns lange genug an der Nase herumgeführt‘“, ist sie sich sicher. Im russischen Fernsehen liefen Schilderungen von Massakern an russischen Bürgern in der Ukraine und angebliche Ankündigungen der Ukrainer, russische Kinder an Strommasten aufzuhängen. „Und Putin hofft, die Bevölkerung wird das glauben.“

Mit dem Angriff Russlands auf seinen Nachbarstaat sieht Gönna Obsen ihr schulisches Vermächtnis in Gefahr. „Wer will denn jetzt noch sein Kind nach Russland schicken?“ Dabei würde sie sich wünschen, dass die guten Beziehungen eines Tages für eine Fortsetzung sorgen. „Der Austausch liegt mir sehr am Herzen.“

Trotz der tiefen Differenzen angesichts der aktuellen Lage ist Gönna Obsens Hoffnung groß, dass viele persönliche Beziehungen zwischen Deutschen und Russen auch über den Konflikt hinaus bestehen bleiben. Und sie hat eine interessante Parallele im eigenen Freundeskreis: „In den USA habe ich auch Freunde, die ganz liebe Menschen sind. Aber sie waren und sind glühende Trump-Anhänger.“

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