Spargel- und Obsthof Dehlfing in Rehden

Protest von rumänischen Erntehelfern - Betriebsleiter „Wir haben uns bedroht gefühlt“

Polizei auf dem Spargel- und Obsthof Dehlfing in Rehden. Dort gab es eine Protestaktion rumänischer Erntehelfer. Zu den Gründen gibt es unterschiedliche Darstellungen. Foto: Jansen
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Polizei auf dem Spargel- und Obsthof Dehlfing in Rehden. Dort gab es eine Protestaktion rumänischer Erntehelfer. Zu den Gründen gibt es unterschiedliche Darstellungen.

Rehden - Heftigen Ärger gab es auf dem Spargel- und Obsthof Dehlfing in Rehden. Eine Gruppe von rumänischen Erntehelfern startete eine mehrstündige lautstarke Protestaktion und versammelte sich auf dem Hof an der B 214 vor dem Betriebsbüro. Zu den Gründen der Aktion gibt es unterschiedliche Darstellungen. „Wir haben uns definitiv bedroht gefühlt“, sagte der stellvertretende Dehfing-Betriebsleiter Heiko Olberding im Gespräch mit unserer Zeitung: „Das haben wir so noch nicht erlebt und wollen es auch nicht noch einmal erleben.“

Nach seiner Darstellung hatte es damit begonnen, dass 17 der derzeit insgesamt etwa 60 rumänischen Erntehelfer kurzfristig in ihre Heimat zurück wollten. Sie verlangten eine Lohnabrechnung. Diese habe der Familienbetrieb aus personellen Gründen aber nicht sofort erstellen können. Noch größeres Problem des Arbeitgebers: Wegen der Coronakrise hätten die Erntehelfer laut Vorschrift auf demselben Weg in ihre Heimat zurückkehren müssen, wie sie gekommen waren – nämlich mit einem Charterflug. Doch das sei von einem auf den anderen Tag nicht zu organisieren gewesen, sagte Heiko Olberding. Die Situation eskalierte vergangene Woche.

Laut der Dehlfing-Betriebsleitung habe die Beraterin der gewerkschaftsnahen Einrichtung „Arbeit und Leben“ (AuL), Daniela Reim, die Erntehelfer aufgestachelt. Dehlfing hat die AuL-Beraterin für Mobile Beschäftigte aus Oldenburg wegen Hausfriedensbruchs angezeigt. Sie habe ohne die geforderte Anmeldung den Hof betreten und in den „Tunneln“ – eine Art Feld-Gewächshäuser für Erdbeeren – Erntehelfer aufgefordert, die Arbeit niederzulegen und sich an der Protestaktion zu beteiligen.

Das wies Daniela Reim gegenüber unserer Zeitung zurück. Sie habe in den Tunneln nur Fotos gemacht.

Helfer aus Polen, die der Spargel- und Obsthof ebenfalls beschäftigt, hätten bei der Aktion nicht mitmachen wollen und weitergearbeitet, so Dehlfing.

Während der Streikaktion und nach einem Hinweis war auch der Zoll vor Ort. Beamte kontrollierten den Betrieb nach dem Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz. Es sei eine normale Überprüfung gewesen, sagte ein Sprecher des Zoll in Osnabrück. Zum Ergebnis machte der Zoll wie üblich keine Angaben.

Beamte der Polizei Diepholz warteten in einem Streifenwagen auf dem Hof an der B 214. „Zur Sicherheit“, wie ein Polizist sagte.

Nach Gesprächen mit Behörden durften die später insgesamt 25 Rumänen, die kurzfristig nach Hause wollten, am Abend mit Kleinbussen in ihre Heimat zurückfahren. Bei den Abrechnungen mit den Saisonkräften einzeln im Büro habe es keine Probleme mehr gegeben, hieß es von Seiten des Rehdener Obst- und Spargelhofes.

Daniela Reim von der AuL-Beratungsstelle für Mobile Beschäftigte erhob hingegen schwere Vorwürfe gegen Dehlfing. Der Betrieb habe Erntehelfer aus Rumänien nicht wie diesen angekündigt bezahlt, sondern etwa 700 Euro pro Monat für verschiedene Leistungen einbehalten, sodass der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn praktisch gekürzt worden sei. Reim sprach von „Abzügen ohne Ende“. Darüber seien die Menschen bei der Anwerbung nicht informiert worden, sagte die auch Rumänisch sprechende Beraterin.

Das weist Dehlfing weit von sich: „Wir ziehen nur fünf Euro pro Tag für die Unterkunft ab, inklusive Nebenkosten.“ Alles andere stimme nicht. Daniela Reim hatte zudem erklärt, die Arbeitskräfte seien teilweise nicht nach Stundenlohn bezahlt worden, sondern hätten Akkordlohn bekommen: „70 Cent pro geerntetem Kilo Spargel.“

Die Information der AuL-Beraterin, es würden beispielsweise zwei Euro pro Tag für eine Reinigungskraft vom Lohn abgezogen, erklärt Heiko Olberding so: Einige der Rumänen waren in diesem Jahr in Gruppen-Ferienhäusern am Dümmer untergebracht, weil die Unterkünfte auf dem Hof wegen der Coronakrise mit weniger Menschen belegt werden durften. Da es in einem Haus in Lembruch zu Sauberkeits-Mängeln gekommen sei, hätten die Nutzer dem Vorschlag zugestimmt, dass eine Frau die Reinigung übernimmt und jeder dafür pro Tag einen Euro zahlt. Das sei intern in der Gruppe der Bewohner geregelt worden. Aus dieser Gruppe heraus habe sich später der Protest entwickelt.

Möglicherweise basierte der heftige Unmut einiger der insgesamt etwa 60 rumänischer Erntehelfer auch auf Missverständnissen: Summen, die im Verlauf der Arbeitswochen als Vorschuss gezahlt worden waren – zum Einkaufen oder um das Geld bereits nach Rumänien an die Familien zu überweisen – wurden bei der Abrechnung ebenso abgezogen wie der Mietbeitrag. Das war offenbar so nicht allen klar gewesen. Geschenkt habe Dehlfing den Helfern den Inhalt des Kühlschrankes mit Lebensmitteln für die ersten Tage nach der Ankunft.

Jeder Erntehelfer aus Rumänien habe einen Arbeitsvertrag, betonte Dehlfing: „Sonst hätten sie gar nicht nach Deutschland einreisen dürfen.“ Aus der Aktion hat der Betrieb gelernt: In Zukunft sollen die Arbeitsverträge mehrsprachig – also auch in Rumänisch – sein. Bislang bedient sich Dehlfing eines Dolmetschers zur Erläuterung der Vereinbarungen.

Durch die mehrtägige Protestaktion mit Arbeitsniederlegung und die vorzeitige Abreise der Erntehelfer mitten in der Saison sei dem Hof ein hoher finanzieller Schaden entstanden, so die Dehlfing-Betriebsleitung. Anfang dieser Woche kamen Menschen aus Rumänien als Ersatzkräfte auf dem Hof in Rehden an.

Der Betrieb ist bislang nicht negativ aufgefallen – auch nicht beim Landkreis Diepholz. „Bei den regelmäßig vom Landkreis durchgeführten bauordnungsrechtlichen Kontrollen und den mit den aus der Niedersächsischen Verordnung über infektionsschützende Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus resultierenden Kontrollen hinsichtlich der Tätigkeit und Unterbringung von Saisonarbeitskräften hat es beim Hof Dehlfing keine Auffälligkeiten gegeben“, so der Landkreis Diepholz auf Anfrage unserer Zeitung. Auch habe der Betrieb die Arbeitsaufnahme der für ihn tätigen Saisonarbeitskräfte freiwillig und unaufgefordert gegenüber dem Gesundheitsamt angezeigt.

„Wir wissen immer noch nicht so wirklich, was die Gründe für diesen großen Zirkus waren“, sagte Heiko Olberding. Das habe ihm auch die AuL-Beraterin nicht erklärt. Mit den Saisonarbeitern, von denen viele schon seit Jahren nach Rehden kommen, pflege man in dem kleinen Betrieb ein familiäres Verhältnis und kläre Probleme in Gesprächen. Die 17 Kräfte, die vorzeitig nach Hause wollten, seien neu gewesen.

Die Aktion der rumänischen Erntehelfer auf dem Hof an der B  214 drehte übrigens ein Kamerateam des Bayerischen Rundfunks für eine längere Fernseh-Reportage über Gastarbeiter in Europa.

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