Großes ehrenamtliches Engagement

Ein Leckerli extra: Weihnachten auf dem Tierschutzhof Dickel

+
Die Vorsitzende des Tierschutzvereins, Silke Fraune, erzählt einem Besucher von der sportlichen ­Vergangenheit des Schimmels, der mit 22 Jahren seinen Lebensabend in Dickel auf der Weide genießt.

Dickel - Von Petra Schlemm. Im Weihnachtsevangelium steht: „…denn sie hatten keinen Raum in der Herberge.“ Aber anders als in der Geschichte schaffen Silke Fraune und Anne Novak immer irgendwo noch Platz für Tiere in Not.

Jeden Zentimeter des Hofgeländes nutzen die beiden Frauen – die Vorsitzende des Tierschutzvereins Diepholz und die Leiterin des Tierschutzhofes in Dickel – für ihre Arche Noah, auf der es jetzt im Winter wieder besonders eng wird. Selbst der Archivraum ist vorübergehend ein Katzenquartier. 

Lisa und Marie sitzen dort, denn sie dürfen wegen einer für Menschen ungefährlichen Leukose-Erkrankung keinen Kontakt zu anderen Katzen haben. „Aber von hier können sie wenigstens aus dem Fenster sehen und miteinander spielen.“ 

Keine Weihnachtsfeier 

Eine Tannengirlande am Tor, ein geschmückter Weihnachtsbaum auf der Deele des Tierschutzhofes – zum zweiten Advent waren Besucher eingeladen: Tag der offenen Tür mit Basar und Tombola in der großen Scheune zugunsten der Tiere. Die Käfige der Hunde im Außengehege sind festlich dekoriert. 

„Aber man muss das realistisch sehen. Wir machen Heiligabend keine Weihnachtsfeier für die Tiere“, sagt Silke Fraune. „Die Tiere schätzen ihre Routine. Und die Mitarbeiter haben an den Festtagen eher noch mehr Arbeit als sonst, weil keine Besucher kommen, die an anderen Tagen mit Hand anlegen.“ 

Gefühle werden trotzdem durchschimmern an diesen Tagen. „Es wird dann immer noch ein bisschen mehr gestreichelt als sonst, und es gibt auch ein Leckerli extra.“ Silke Fraune kennt den Tierschutzhof seit siebzehn Jahren und ist fast ebenso lange im Vorstand des Tierschutzvereins. Der hat den alten Hof vor knapp 30 Jahren aus den Mitteln einer großzügigen Erbschaft gekauft und umgebaut.

Als Hunde-Spaziergängerin angefangen

Die Juristin hat als ehrenamtliche Hunde-Spaziergängerin angefangen, als sie für ein Projekt an der Uni Vechta Richtung Norden zog. „Damals hatte ich noch viel Zeit nach Feierabend.“ Kürzlich ist ihr Mann aus Köln nachgekommen, und sie kümmert sich neben der Arbeit an der Uni um die Verwaltung und Büroarbeit für den Tierschutzverein. 

In Dickel geht es zu wie bei „Old Mac Donald“, denn der Tierschutzhof ist eines von wenigen Tierheimen in Norddeutschland, die auch landwirtschaftliche Nutztiere aufnehmen. Die beiden Gänse, die dort wegen eines Umzugs der Besitzer ausgelagert waren, sind gerade wieder abgeholt worden. Aber es gibt neben den Hunden und Katzen auch Hühner, zwei Pferde und zwei Schweine.

Minischweine bleiben Dauergäste

Die beiden rosaweißen Grunzer sind nicht so berühmt wie „Pauline“, die vor Jahren als Gast in der Fernsehsendung „hundkatzemaus“ aufgetreten ist – und natürlich sofort vermittelt wurde. Die beiden Göttinger Minischweine – die aber ganz schön groß sind – haben eine kompliziert zu behandelnde Augenkrankheit und werden deshalb wohl noch länger bleiben. 

Die Göttinger Minischweine fühlen sich in Dickel offensichtlich wohl.

„Aber wir können nicht alle Tiere behalten. Wir sind kein Gnadenhof, sondern suchen neue Besitzer für alle unsere Schützlinge.“ 

Ehrenamtliche Helfer 

Und das ist ein großes Stück Arbeit für die neun Mitarbeiter um Anne Novak als Leiterin. Die Diepholzerin hat außerdem Unterstützung von rund 20 ehrenamtlichen Helfern, die zu unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlich oft kommen, manche einmal im Monat, andere zwei- bis dreimal pro Woche. 

Die 15 Hundeboxen am Tierschutzhof sind alle belegt. Für 35 Katzen ist das Tierheim ausgelegt, mindestens genau so viele sind in Pflegestellen ausgelagert. In die Katzenarbeit sind auch fast alle Vorstandsmitglieder aktiv eingebunden: ­Bärbel ­Januschewski, seit 15 Jahren die Kassiererin, hat als „Katzentüddlerin“ angefangen, die stellvertretende Vorsitzende Karin ­Berger-Meyer hat etliche Samtpfoten bei sich zu Hause. 

Füttern und tränken, Ställe säubern, pflegen, Medikamente geben – „die Arbeit am Tierschutzhof bedeutet vor allem viel Putzen“, so Novak. Zeit ist knapp und doch so notwendig, etwa zum Spazierengehen mit den Hunden oder zum „Betüddeln“ der Katzen, die oft sehr scheu sind und lange brauchen, bis sie zutraulich werden. 

„Spezialisten“ sind gefragt

Umso gefragter sind „Spezialisten“ wie die Fachfrau für Kleintiere, die regelmäßig vorbeischaut. „Die richtet uns die Hamsterkäfige so her, wie sich ein Hamster das nur wünschen könnte“, berichtet Silke Fraune. Oder die Hundetrainerin, die in ihrer Freizeit einmal im Monat mit verhaltensauffälligen Hunden arbeitet. „Sie hat uns mit ihrem Wissen schon viel geholfen.“ 

„Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück“, so steht es in manchen altmodischen Poesie-Alben. Viele ehrenamtliche Helfer im Tierschutzhof leben diesen Spruch. ­Christian Pinkert arbeitet wochentags als Fluggerätemechaniker am Fliegerhorst. Jedes Wochenende hilft er am Tierschutzhof. Im April wurde der Thüringer nach Diepholz versetzt, und als Alleinstehender in der Fremde hat er Anschluss gesucht.

Alleskönner in der Pflege willkommen

„Ich liebe Tiere und hier hat alles gepasst.“ ­Christian macht sich nützlich, wo er kann. Bei handwerklichen Arbeiten, beim Säubern der Hundeboxen, Pflegen der Katzen, Waschen der Wäsche oder in der Küche. „Wo ich eben gebraucht werde.“ 

Oder Anke Reinke: Sie führt eine der vielen Pflegestellen, die dem Tierschutzhof angeschlossen sind. In ihrer Wohnung in Bakum kümmert sie sich um Babykatzen. Zur Zeit sind vier Kleine bei ihr, es waren auch schon mal acht. Kleinen Katzen beim Wachsen zuzusehen, das liebt die junge Frau. 

„Das bringt mir Power für den ganzen Tag“, genießt sie das Kümmern um die Jungkatzen. Die Bakumerin ist Sinnbild für eine Win-Win-Situation: Sie nimmt dem Tierheim Arbeit ab, die dort aus zeitlichen Gründen gar nicht geleistet werden könnte und der Tierschutzhof finanziert etwa Futter oder Arztkosten, die bei ihr für eigene Katzen „nicht drin“ wären. 

Abgeben fällt schwer

„Es fällt mir immer schwer, die Katzen zum Tierschutzhof zu bringen, wenn sie größer geworden sind, obwohl sie es dort gut haben. Ich bin froh, wenn ich eine in eine Familie privat abgeben kann.“ Gerade jetzt ist sie in Hochstimmung, denn sie konnte zwei Schützlinge an ein junges Paar aus Bremen vermitteln. „Die kamen zuerst nicht zum verabredeten Zeitpunkt. Da sank mir schon wieder das Herz, und ich hatte Angst, dass die einen Rückzieher gemacht haben. 

Aber dann waren sie doch da“, strahlt die junge Frau mit ihren zwei „Brillis“ an Oberlippe und Kinn um die Wette. Zu Weihnachten ein Tier als Geschenk? Das ist keine gute Idee, finden Silke ­Fraune und Anne Novak und haben deshalb schon vor drei Tagen das Tierheim für Besucher an den Feiertagen geschlossen.

Silvester ist zur Eingewöhnung ein schlechter Zeitpunkt

„Nicht Weihnachten darf der Anlass sein, sondern der Entschluss, ein Tier zu übernehmen. Und Weihnachten mit viel Besuch und Hin- und Herfahren und Unruhe überall ist ohnehin der schlechteste Zeitpunkt, um ein neues Familienmitglied aufzunehmen“, sind die beiden sicher. 

Weil Silvester mit Raketen und Radau noch weitaus ungünstiger ist, werden zwar Reservierungen aufgenommen, aber abgegeben werden die Tiere erst, wenn das neue Jahr begonnen hat. „Wir können das Verschenken von lebenden Wesen nicht verhindern und ich kann mir vorstellen, wie die Kinderaugen leuchten würden, aber ein Tier ist eine Verantwortung, die gut überlegt sein will“, sagt ­Silke Fraune.

Der Tierschutzhof in Dickel

Tierschutzhof Dickel und ­Tierschutzverein Diepholz 

Mitglieder: etwa 430 

Jahresbeitrag: 21 Euro 

Spendenkonto: TSV Diepholz, KSK Diepholz, IBAN: DE03256513250000006916, BIC: BRLADE21DHZ 

Adresse: Strothestraße 3, 49453 Dickel, Telefon: 05445-761 

Besuchszeiten: 14 bis 17 Uhr, außer montags und an Feier­tagen 

Mehr Infos unter: www.tierschutzhof.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Rettungswagen mit hochschwangerer Frau kippt um

Rettungswagen mit hochschwangerer Frau kippt um

So gelingt die perfekte Pasta

So gelingt die perfekte Pasta

Der BMW X4 M40d im Autotest

Der BMW X4 M40d im Autotest

Trump räumt russische Einmischung in US-Wahl ein

Trump räumt russische Einmischung in US-Wahl ein

Meistgelesene Artikel

Tour de Meeresmüll: Weyherin Kea Hinsch will auf Umweltsünden hinweisen

Tour de Meeresmüll: Weyherin Kea Hinsch will auf Umweltsünden hinweisen

Twistringer Schützenkommers feiert Glückspilz Kathmann

Twistringer Schützenkommers feiert Glückspilz Kathmann

Schlechte Noten von Stiftung Warentest: Vilsa-Wasser auf drittletztem Platz

Schlechte Noten von Stiftung Warentest: Vilsa-Wasser auf drittletztem Platz

Trend-Urlaub in Niedersachsen: Landtourismus hoch im Kurs

Trend-Urlaub in Niedersachsen: Landtourismus hoch im Kurs

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.