Vom Büro in den Schafstall

Keinen Bock auf Bürojob: Julian Korupka wird Schäfer

Julian Korupka hat zunächst Sozialarbeit studiert, aber gemerkt, dass ein Bürojob nichts für ihn ist. Nach einem Fernsehbeitrag und einem Praktikum, entschied er sich schließlich für eine Ausbildung zum Tierwirt.

  • Vorstellung vom Beruf des Schäfers ist oft nicht mehr zeitgemäß - es gibt ein Leben jenseits der Schäferei.
  • Nur noch zwei Berufsschulen in Deutschland, Hauptbestandteil ist aber praktische Arbeit auf dem Hof.
  • Kein Betrieb trage sich noch allein über den Verkauf von Fleisch und Wolle.

Hemsloh – Dichtes Schneetreiben auf dem Weg zum Ulenhof in Hemsloh. Die Landschaft, ganz in Weiß getaucht, lässt Gedanken an idyllische Schäfer-Romantik aufkommen. Doch schon auf der Zufahrt zum Hofgelände wird Dank mit Argusaugen wachenden russischen Herdenschutzhunden die arbeitsreiche Wirklichkeit des Schäferalltags deutlich. Mittendrin Schäferin Lina Offergeld, die seit vergangenem Sommer als Schäfermeisterin die Geschicke des von der Dr. Jürgen und Irmgard Ulderup-Stiftung unterstützten Hofes leitet – und ihr Auszubildender Julian Korupka.

Bundesland:Niedersachsen
Landkreis:Diepholz
Samtgemeinde:Rehden
Einwohner:540 (31. Dez. 2019)

Auszubildende wie den 24-jährigen gebürtigen Paderborner, der den Beruf des Tierwirts in der Schäferei erlernt, gibt es nicht mehr viele. Was bewegt junge Menschen, solch einen in den Köpfen Außenstehender mit Romantik oder Knochenarbeit behafteten Beruf zu ergreifen?

„Ich habe vorher Sozialarbeit studiert, doch das war mir zu abstrakt und ich hab gemerkt, dass solch ein Bürojob für mich nichts ist“, erklärt Julian Korupka. Ein Fernsehbeitrag über den Landschaftsschutz in den Niederlanden habe sein Interesse am Schäferwesen geweckt. Nach einem Praktikum stand für den jungen Mann fest, dass er diesen Beruf erlernen wolle. Durch Bekannte landete er auf dem Hemsloher Ulenhof.

Julian Korupka hat mit der Ausbildung zum Tierwirt in der Ulenhof-Schäferei seinen Traumjob gefunden.

„Es ist die Mischung aus Natur, Regelmäßigkeit und Freiheit zugleich, die mich hierher führte“, sagt er. „Die meisten Menschen haben keine Vorstellung von diesem Beruf. Rund ein bis zwei Prozent ist Idylle und Romantik, wenn du mit deiner Herde draußen bist. Alles andere ist ehrliche Arbeit, bei der man am Ende des Tages sieht, was man geleistet hat.“

Ein Leben jenseits der Schäferei: Julian Korupka findet seinen Ausgleich in der Musik

Schäferin Lina Offergeld: „Man macht es aus Leidenschaft – oder lässt es.“ Viel Arbeit und im Vergleich dazu wenig Lohn: „Wobei wir mit zwei Fachkräften und Julian als Lehrling gut aufgestellt sind.“ Das Bild vom einsamen Schäfer, der sich 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr um seine Herde kümmert, wackele: „Auch in diesem Beruf sind 80 Wochenstunden, keine Freizeit und kein Urlaub nicht mehr zeitgemäß. Es gibt auch für uns ein Leben jenseits der Schäferei.“

Julian Korupka findet als Sänger und Gitarrist Ausgleich in der Musik. Noch dazu teilt seine Freundin seine Leidenschaft für diesen Beruf. Denn sie selbst ist ebenfalls Schäferauszubildende im benachbarten Freistatt. Auch für gemeinsame Unternehmungen mit Freunden ist Zeit genug. „Das kriegen wir im Dienstplan schon hin“, sagt Lina Offergeld. „Auszeiten braucht jeder, um sich die Motivation und die Liebe für diesen Beruf zu erhalten.“

Kein Betrieb trägt sich mehr über den Verkauf von Fleisch und Wolle

Rund zehn Berufsschäfer gibt es heute noch im Landkreis Diepholz, schätzt die 37-jährige, die ihren Traumberuf gefunden hat und versucht, dass, was sie an diesem liebt und schätzt, an ihre Auszubildenden weiterzugeben – die Wertschätzung im Umgang mit diesen ganz besonderen Lebewesen.

Schäferin Lina Offergeld ist mit ihrem Auszubildenden Julian Korupka sehr zufrieden.

„Ich habe einen Beruf, der mich ausfüllt einer guten Bezahlung vorgezogen, denn ich will ihn ja noch einige Jahrzehnte machen“, sagt Julian Korupka. Er hoffe, nach Ende der dreijährigen Ausbildungszeit übernommen zu werden. Ohne Unterstützung wie die Ulenhof-Schäferei sie durch die Ulderup-Stiftung erfährt, sei eine derartige Betriebsführung heute nicht mehr möglich. „Wir verdienen unser Geld mit der Landschaftspflege, kein Betrieb trägt sich mehr über den Verkauf von Fleisch und Wolle“, sagt die Schäfermeisterin.

Nach der Ausbildung Erfahrung sammeln und Verantwortung lernen

Haltungsformen, Fütterung, Krankheiten, Anatomie, etwas Landwirtschaftstechnik, Hundeausbildung und -einsatz, dazu etwas Allgemeinwissen wie Deutsch, Politik und Soziologie seien die Hauptbestandteile der Ausbildung. „Deutschlandweit gibt es nur noch zwei Berufsschulen, unsere Auszubildenden müssen nach Halle an der Saale“, erläutert sie. Doch die Hauptausbildung erfolge über die praktische Arbeit auf dem Hof.

Erst wenige Tage alt: Rund 200 Lämmer sind in den letzten zwei Wochen bereits auf die Welt gekommen.

Rund 700 Mutterschafe zählt die Hemsloher Schäferei. Rund acht Stunden seien sie als Hütebetrieb täglich mit den Mooschnucken und neun Herdenschutzhunden im Rehdener Geestmoor unterwegs. Die jetzt beginnende Lammzeit stelle dies ein wenig auf den Kopf. Diese sei eine der schönsten und auch schlimmsten Zeiten zugleich. „Momentan sind wir fast rund um die Uhr im Einsatz, sind Hebamme, Amme, Mediziner, Fütterer und vieles mehr zugleich“, sagt die Schäferin. „In keiner Zeit lernt man mehr, aber dann auch meistens alles auf einmal.“ Das bringt die Natur so mit sich. Jedes gesund geborene Lamm bereite Freude. Aber auch mit dem Verlust von Tieren oder wenn man eine Nottötung durchführen muss, wenn man nicht mehr helfen kann, müsse man umgehen und leben lernen.

Daher sei es gut, wenn Lehrlinge nach der Ausbildung zunächst in einer Schäferei eine Anstellung fänden, bevor sie sich selbstständig machen. „Man muss Erfahrung sammeln, Verantwortung lernen. Denn wir laufen mit viel Geld von unserem Chef durch die Gegend. Und es sind Lebewesen, für die wir Verantwortung tragen, keine produzierten toten Waren oder Gegenstände.“

Rubriklistenbild: © Anja Schubert

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