1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Diepholz
  4. Rehden

Verlockende Angebote: Photovoltaikanlagen statt Getreide?

Erstellt:

Von: Melanie Russ

Kommentare

Photovoltaik-Zellen soweit das Auge reicht: Freiflächen-PV-Anlagen wie diese würden auswärtige Unternehmen gerne in Hemsloh errichten. Allerdings sind noch viele Fragen offen.
Photovoltaik-Zellen soweit das Auge reicht: Freiflächen-PV-Anlagen wie diese würden auswärtige Unternehmen gerne in Hemsloh errichten. Allerdings sind noch viele Fragen offen. © Russ

In Rehden und Hemsloh locken Investoren Flächeneigentümer mit hohen Pachtzahlungen, um an Flächen zu gelangen, auf denen Photovoltaik-Anlagen gebaut werden soll. Eine gute Sache, möchte man meinen. Doch es gibt neben Nachteilen wie dem Verlust an Ackerflächen auch noch viele offene Fragen.

Rehden – Nahrungsmittelanbau oder nachhaltige Energie? Vor dieser Wahl stehen derzeit mehrere Eigentümer landwirtschaftlicher Flächen in Hemsloh. Auswärtige Unternehmen haben ihnen ein verlockendes Angebot gemacht: Sie bieten hohe Pachtzahlungen im vierstelligen Bereich mit langer Laufzeit von 20 bis 30 Jahren und wollen Freiflächen-Photovoltaikanlagen errichten.

Bei vielen Einwohnern löst diese Nachricht Besorgnis aus. Sie fürchten im großen Stil mit PV-Anlagen „zugepflasterte“ Felder. Einige Pachtverträge sind wohl auch schon unterschrieben, doch noch ist völlig unklar, ob derartige Vorhaben künftig in der Region überhaupt umsetzbar sind. Nach jetziger Rechtslage sind sie es eher nicht. Die Samtgemeinde Rehden und Gemeinde Hemsloh, die die planungsrechtlichen Voraussetzungen schaffen müssten, sind bei der Thematik noch zurückhaltend, Dr. Jochen Thiering, Geschäftsführer des Landvolk-Kreisverbands Diepholz, warnt Pächter vor übereilten Vertragsabschlüssen.

Noch keine Anträge bei der Verwaltung

Dass es ein Interesse an der Errichtung von PV-Anlagen gibt, bestätigt der Landkreis Diepholz auf Nachfrage der Kreiszeitung. In den vergangenen Monaten hat es demnach mehrere Anfragen von Grundstückseigentümern und Unternehmen gegeben. „Dabei handelte es sich sowohl um generelle Anfragen zu den Anforderungen an eine Planung für Freiflächen-PV-Anlagen als auch um Anfragen zur Eignung konkreter Flächen in verschiedensten Teilen des Landkreises, darunter auch für Flächen in der Samtgemeinde Rehden“, erklärt Detlef Tänzer, Fachdienstleiter Kreisentwicklung. „Nähere Ausführungen, beispielsweise zur Größe von Freiflächen-PV-Anlagen wurden bei diesen unverbindlichen Voranfragen nicht gemacht. Anträge liegen aktuell beim Landkreis Diepholz nicht vor.“

Da Freiflächen-PV-Anlagen im Gegensatz zu Windenergieanlagen im Außenbereich nicht privilegiert sind, ist ihre Errichtung ohne Bauleitplanung in Form zum Beispiel eines Bebauungsplanes nicht möglich, wie Tänzer erläutert. Zudem dürfen landwirtschaftlich genutzte und nicht bebaute Flächen, die im Raumordnungsplan der Landwirtschaft vorbehalten sind, nicht für Freiflächen-PV-Anlagen genutzt werden. Sprich: Würde die Gemeinde Hemsloh die Aufstellung eines Bebauungsplans anstreben, würde sie von der Unteren Landesplanungsbehörde des Landkreises Diepholz voraussichtlich keine Zustimmung erhalten.

Konkrete Planungen diesbezüglich gibt es allerdings momentan auch nicht, wie Samtgemeindebürgermeister Magnus Kiene auf Nachfrage erklärte. Auch ihm ist zu Ohren gekommen, dass Unternehmen Interesse an der Errichtung von Freiflächen-PV-Anlagen in Hemsloh bekunden. Auf die Verwaltung sei bislang aber noch niemand zugekommen.

Fallstricke beachten! Landvolk bietet rechtliche Beratung vor Vertragsabschluss an

Landwirten, die einen Vertrag zur Verpachtung eigener Flächen an eine Betreiberfirma für PV-Anlagen abschließen möchten, bietet das Landvolk eine Beratung an. Der Vertragsentwurf könne von Experten auf rechtliche und steuerliche Nachteile hin überprüft werden, sagt Dr. Jochen Thiering, Geschäftsführer des Landvolk-Kreisverbands Diepholz: „Wir empfehlen, sehr vorsichtig mit einer Unterschrift zu sein.“ Denn es gebe viele Fallstricke. Als ein Beispiel nennt er steuerliche Freibeträge. „Da kann es aufgrund einer hohen Pacht Abzüge geben, die man nicht auf dem Schirm hat.“ Außerdem müsse man aufpassen, im Pachtvertrag keine Rechte abzugeben, die man gar nicht abgeben wolle. „Und was ist mit der Fläche nach dem Ende der Vertragslaufzeit, wenn die PV-Anlage zurückgebaut wird? Kann sie dann so genutzt werden wie vorher?“, stellt der Geschäftsführer eine weitere wichtige Frage.

„Wir müssen auf jeden Fall etwas machen“, nennt Kiene seine persönliche Meinung zum Ausbau erneuerbarer Energien. Die Frage, ob große PV-Anlagen das Richtige sind, ist aber auch für ihn offen. Viele Fragen müssten noch geklärt werden. Eine offizielle Position der Samtgemeinde gibt es noch nicht. „Das ist sehr neu für uns und sehr schnell gekommen“, so Kiene. „Wir sind gerade in der Findungsphase und informieren uns über die Möglichkeiten.“ Der Samtgemeindebürgermeister geht auch davon aus, dass es seitens des Bundes in den kommenden Monaten neue Vorgaben geben wird.

Der Landkreis Diepholz erarbeitet laut Detlef Tänzer unterdessen ein regionales Erneuerbare Energienkonzept (EEK), das auch zu dem Teilbereich der Photovoltaik Aussagen machen wird. Es sollen Flächenkulissen dargestellt werden, die für die Entwicklung von Freiflächen-PV-Anlagen besonders geeignet sind. Erste Entwürfe zu diesen Flächen sollen im Herbst im Rahmen einer Sitzung des Kreisentwicklungsausschusses vorgestellt werden.

Kontroverse Diskussion unter Landwirten

Unter den Landwirten werden Freiflächen-PV-Anlagen durchaus kontrovers diskutiert, weiß Dr. Jochen Thiering. Das zeigt sich auch in Hemsloh. Wer selbst Landwirtschaft betreibe, sei „schön dumm“, wenn er seine Fläche für PV-Anlagen verpachte, sagt ein Hemsloher Landwirt, dem selbst eine Pachtanfrage eines Unternehmens ins Haus flatterte, die er nach eigener Aussage nicht annehmen wird.

Hemslohs Bürgermeister Detlef Mackenstedt, der selbst Landwirt ist, findet: „Auf jedes Dach muss eine PV-Anlage.“ Auf guten Ackerflächen sei das nicht so schön. Wenn, dann sollten solche Anlagen aus seiner Sicht auf leichten Sandböden errichtet werden, die bei Trockenheit schwerer zu bewirtschaften seien. Er sagt aber auch: „Es ist legitim, wenn ein Verpächter so ein Angebot annimmt.“

Jochen Thiering sieht es ähnlich. „Aus unserer Sicht ist wichtig, dass nicht die produktiven landwirtschaftlichen Flächen genutzt werden, sondern die, die weniger ertragreich sind.“ Da sei man auch schnell im Randbereich der Moore. Möglicherweise seien dort sogar Synergieeffekte möglich, indem die Wiedervernässung durch die Verpachtung von Flächen für PV-Anlagen finanziert werde – sofern das aus naturschutzrechtlicher Sicht möglich sei so der Kreisgeschäftsführer des Landvolks Diepholz.

Landvolk plädiert für Wertschöpfung vor Ort

Thiering kann Befürworter und Kritiker verstehen. Für den ein oder anderen könne eine Verpachtung an einen PV-Anlagen-Betreiber in der für Landwirte momentan sehr unsicheren Gemengelage eine sichere zusätzliche Einnahmequelle sein. Das Landvolk plädiere aber immer dafür, möglichst viel Wertschöpfung in der Region zu behalten, sagt er. Aus seiner Sicht wäre überlegenswert, ob Landwirte, die ihre Flächen für Photovoltaik zur Verfügung stellen wollen, nicht selbst eine Betreibergesellschaft gründen können.

Wie viele Pachtangebote in jüngerer Vergangenheit an die Landwirte der Region gegangen sind, weiß Thiering nicht. „Aber mein Gefühl ist, dass es in anderen Bereichen in Niedersachsen mehr sind.“ Denn hier gebe es nicht viele Flächen, auf denen raumordnerisch größere PV-Anlagen zulässig seien. Ob sich das vor dem Hintergrund der mit dem Ukraine-Krieg rasant gestiegenen Bedeutung von erneuerbaren Energien ändert, werden wohl die kommenden Monate zeigen.

Auch interessant

Kommentare