Schweinemäster Friedrich Lührs: „Wir fühlen uns wie Freiwild"

Rehdener Landwirt zwischen Preisdruck und Tierwohl

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Schweinzuechter Armin Lührs.

Rehden - Von Martina Schwager. Landwirt Friedrich Lührs aus Rehden steht die Empörung noch immer ins Gesicht geschrieben. Der 58-Jährige, seine Frau Christine (50) und sein Sohn Armin (25) züchten und mästen Schweine. Neulich abends in einer Gaststätte war es wieder soweit.

Tischnachbarn verwickelten ihn in eine Diskussion über Tierhaltung. „Es kommen immer die gleichen Vorwürfe“, sagt Lührs: „Wir betrieben Massentierhaltung und seien Tierquäler. Dabei haben die Leute doch gar keine Ahnung davon, wie es in unseren Ställen aussieht und mit wie viel Aufwand wir dafür sorgen, dass es unseren Tieren gutgeht.“ Den Lührs weht wie derzeit den meisten konventionellen Landwirten in Deutschland der Wind scharf ins Gesicht. Tierschutzorganisationen und Medien prangern das Schreddern von männlichen Eintagsküken an. Tierärzte verweisen auf leidende Kühe, die mit Eiweißfutter zu immer höherer Milchleistung gebracht werden. Nicht mehr nur grüne Minister fordern ein Ende von betäubungsloser Kastration und Ringelschwanz-Kupieren. Immer mehr Verbraucher wettern dagegen, dass Kühe, Schweine und Hühner in zu engen Käfigen und Ställen gehalten werden. „Wir fühlen uns wie Freiwild, das von allen Seiten gejagt wird“, sagt Lührs.

Verbraucher wettern dagegen, dass Schweine in zu engen Käfigen und Ställen gehalten werden.

Wurden die Bauern früher als Ernährer des Volkes geachtet, so werden sie heute als Tierquäler beschimpft, sagt Ludger Rolf, Leiter eines der drei landwirtschaftlichen Sorgentelefone in Niedersachsen: „Das nagt an ihrem Selbstbewusstsein.“ Häufig sei das einer der Gründe, weshalb Landwirte auch psychisch in Schwierigkeiten gerieten. „Viele fühlen sich unter Druck und zu Unrecht angegangen, weil sie doch immer das produziert haben, was der Verbraucher will.“ Das bestätigt auch Clemens Dirscherl, Beauftragter für agrarsoziale Fragen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): „Die Landwirte sehen sich in einer Zwickmühle zwischen dem Verlangen nach billigem Fleisch einerseits und Rufen nach artgerechter Tierhaltung andererseits“. Viele Bauern fühlten sich nicht nur von der Gesellschaft, sondern auch von der Kirche im Stich gelassen, der sie traditionell sehr verbunden seien. Die habe sich im Sinne der Bewahrung der Schöpfung auf die Seite der Öko-Landwirte geschlagen. „Wir dürfen als Kirche aber nicht unser Leitbild vor uns hertragen und die Mehrheit der konventionellen Landwirte ausschließen“, warnt Dirscherl. Christine Lührs, die in der Synode der hannoverschen Landeskirche sitzt, machte dort kürzlich ihrem Ärger Luft, als eine entsprechende Resolution verabschiedet werden sollte: „Ich bin aufgestanden und habe gesagt, ich glaube, ich gehöre hier gar nicht mehr dazu.“

Den Lührs weht wie derzeit den meisten konventionellen Landwirten in Deutschland der Wind scharf ins Gesicht.

Ihr Sohn Armin schreitet im grünen Overall und Gummistiefeln durch den Schweinestall. Auf einem Klemmbrett notiert der Junglandwirt und angehende Chef des Lührsschen Familienbetriebs Auffälligkeiten: Ist ein Ferkel schlapp oder hat eines eine Wunde? Dann muss er einschreiten und eventuell Medikamente geben.„Wenn irgendetwas nicht stimmt, spüre ich das eigentlich sofort“, sagt Lührs junior. Ist alles normal, wie an diesem Tag, dann braucht er morgens und abends jeweils rund drei Stunden zur Kontrolle der 2.000 Ferkel und 220 Sauen. Alles andere funktioniert automatisch: Futterzuteilung, Wasserbereitstellung, Temperaturregelung, Frischluftzufuhr, Ventilation. Zu 15 bis 20 Tieren laufen die Ferkel in ihren rund 16 Quadratmeter großen Buchten umher, quieken aufgeregt und kauen alles an, dessen sie habhaft werden können - auch Ferkelringelschwänze. Das ist eines der Reizthemen in der Ferkelhaltung. Seit Jahrzehnten ist es üblich, dass Züchter die Schwänze der wenige Stunden alten Ferkel bis auf einen kurzen Stummel abschneiden. „Ansonsten beißen sich die Tiere gegenseitig die Schwänze blutig“, sagt Lührs senior. Manchmal entzündeten sich die Wunden bis ins Rückenmark. „Dann schleppen sich die Tiere querschnittsgelähmt durch den Stall. Das ist dann wirklich Tierquälerei.“

Friedrich Lührs mit seinem Sohn Armin.

Tierschützer wenden ein: Die Tiere beißen sich nur, weil sie Langeweile haben, auf zu engem Raum gehalten und mit eiweißhaltigem Kraftfutter gefüttert werden. Sie fordern unter anderem Auslauf ins Freie, Raufutter wie Gras oder Heu und Stroheinstreu statt Spaltenböden. Es sei schwer, bei den insgesamt niedrigen Preisen für Fleischprodukte immer neue Tierschutzauflagen zu erfüllen, sagt Armin Lührs. Seine Familie erwirtschaftet einen Gewinn von 15 Cent pro Kilo Schwein. Jüngst habe er neue Böden mit nur wenige Millimeter schmaleren Spalten verlegen müssen. Für einen Stallneubau sind die finanziellen Reserven draufgegangen, die für das Altenteil gedacht waren. Die Lührs sind überzeugt, dass es ihren Tieren gutgeht. Dafür haben sie in den vergangenen Jahrzehnten durchaus einiges verändert und investiert. Sie ziehen nur noch eigene Ferkel auf, damit nicht von außen Krankheiten in den Bestand hineingetragen werden. Die Tiere können sich in ihren Buchten frei bewegen. Die männlichen Ferkel werden seit kurzem nicht mehr kastriert: „Unseren Schweinen geht es heute besser als vor 20 Jahren“, sagt Friedrich Lührs.

Die Forderungen der Verbraucher kämen dagegen einer Quadratur des Kreises gleich: „Die wollen einen idyllischen Bauernhof mit einer Handvoll Tieren wie vor 50 Jahren und kaufen gleichzeitig ihr Billig-Schnitzel beim Discounter.“ An dieser Misere seien die Medien mitschuldig, die häufig einseitig berichteten. Michael Busch von der agrarsozialen Gesellschaft in Göttingen sieht aber auch die Landwirte selbst in der Pflicht: „Es muss Transparenz in der Produktion geschaffen werden, Landwirte müssen mit den Verbrauchern sprechen und ihnen erklären, warum sie so handeln, wie sie es tun.“ einige Junglandwirte sind bereits in die Offensive gegangen. Sie stellen kleine Filme und sogar Kameratagebücher ins Internet, die Einblick in die Ställe gewähren. Agrarwissenschaftler Achim Spiller von der Uni Göttingen warnt allerdings davor, zu glauben, es gebe nur ein Informationsdefizit in der Bevölkerung. „Wenn sich in punkto Tierwohl nichts ändert, wird der Blick in den Stall die Verbraucher nur noch mehr schockieren.“ Er ist Mitautor eines Gutachtens für das Bundeslandwirtschaftsministerium über „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“.

In jedem Fall sei es aber wichtig, die Landwirte mitzunehmen und ihnen neue Gesetze nicht einfach überzustülpen, sagt Spiller. Und: Die Politik müsse es den Landwirten auch finanziell ermöglichen, Tiere artgerecht zu halten. Denn die meisten seien durchaus zu Veränderungen bereit. Friedrich Lührs spielt den Ball an die Verbraucher weiter: „Wenn sie wollen, dass unsere Tiere mehr Platz haben, dann sollen sie auch dafür bezahlen.“ epd

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