Verkünder des Wortes Gottes

Gerhard Sander: Vom „Schwarzarbeiter“ zum berufenen Lektor

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Gerhard Sander an seinem Schreibtisch in Rehden bei der Vorbereitung einer Andacht für einen Seniorennachmittag.

Rehden - Von Horst Benker. „Du musst dich auf besondere Situationen einstellen können, es gibt immer Überraschungen. In Barver zum Beispiel fiel einmal die Orgel aus. Da haben wir den Gottesdienst eben ohne über die Runden gebracht.“

Dies ist nur eines von vielen Ereignissen, dass Gerhard Sander aus Rehden aus seiner langen Zeit als ehrenamtlicher Lektor der evangelischen Kirche in Erinnerung geblieben ist und über das er noch heute schmunzelt. Offiziell war er am 23. Mai 25 Jahre als Lektor im Amt. „Doch davor war ich bereits sechs Jahre lang quasi als ,Schwarzarbeiter’ beschäftigt“, lacht der 73-Jährige.

Der Lektor im kirchlichen Bereich sei ein Laie, erläutert er. Lange habe die Kirche definiert, dass lediglich der Pastor mit Gott kommunizieren könne. Im Neuen Testament tauchten die Begriffe Lektor und Laie nicht auf. Bei Petrus 2,9 sei das erste Mal erwähnt, dass die Verkündigung des Wortes Gottes Aufgabe aller Gläubigen sei.

Dass er Lektor geworden sei, sei eher aus einer Not heraus geboren. Am 24. Mai 1987 habe ihn die Frau des damaligen Pastors Hedemann angerufen, dass ihr Mann erkrankt sei und deshalb der Gottesdienst ausfallen müsse. „Ich war zu dem Zeitpunkt bereits seit 29 Jahren im Kirchenvorstand engagiert. Ich ließ mir also die Predigt des Pastors geben und habe den Gottesdienst durchgezogen“, erinnert sich Sander.

38 Gottesdienste ohne Berufung

Ohne von der Amtskirche zum Lektor berufen worden zu sein, sei das sechs Jahre so weiter gegangen. In dieser Zeit habe er 38 Gottesdienste gehalten, und zwar im gesamten Kirchenkreis. Hinzugekommen seien Andachten bei Seniorennachmittagen und Seniorenkreisen. „Das Ganze war nicht abgedeckt von der Amtskirche, aber von der Bibel, siehe Petrus“, schmunzelt Sander.

„Was hat mich zu dieser Aufgabe befähigt?“, wirft er selbst die Frage in den Raum. Von jungen Jahren an habe er eine gute Verbindung zur Kirche gehabt. Sein Konfirmator Pastor Martin Wistinghausen in Rehden sei für ihn ein prägender Mensch gewesen. Nach der Konfirmation sei er dem Jugendkreis CVJM beigetreten. Es folgten die Jahre im Kirchenvorstand, darunter mehrere Jahre als Vorsitzender. 

„Ich hatte also schon früh mit Glaubensdingen zu tun. Sie haben mich in meinem Glauben gefestigt und mich tiefer in ihn einsteigen lassen“, sagt der Familienvater. Sein Vorteil sei gewesen, dass seine Frau Anni ihn stets in diesen Dingen unterstützt habe. Sie sei 23 Jahre lang Küsterin in der Kirchengemeinde gewesen, der christliche Glaube sei ihr also auch nicht fern gewesen.

Ein Autodidakt

Grundsätzlich sei ein Lektor dazu verpflichtet, an Aus- und Fortbildungen teilzunehmen. Der damalige Superintendent Haarmann habe das auch von ihm verlangt. Er habe abgelehnt, da er zu dem Zeitpunkt bereits 38 Gottesdienste gehalten habe. „Ich bezeichne mich als Autodidakt, der sich alles selber beigebracht hat“, betont Sander.

Das offizielle Recht zur Verkündigung des Wortes Gottes sei ihm am 23. Mai 1993 durch Pastor Sebastian Borghardt im Namen des Superintendenten erteilt worden.

Er darf Gottesdienste – auch mit Abendmahl und an hohen Feiertagen – und Andachten halten. „Wichtig ist, dass ich das, was ich zu sagen habe, für den Menschen verständlich rüberbringe“, sagt der gelernte Großhandelskaufmann, der lange Jahre Verwaltungsbeamter in der Bundeswehrverwaltung war.

Das Besondere an seiner Lektor-Tätigkeit sei für ihn, dass er am Menschen arbeiten und ihm helfen könne. Persönlich werde er noch heute im Glauben gefestigter. „Der Mensch hat ja auch noch Zweifel. Außerdem liegt mir das Rhetorische“, nennt Sander einen weiteren Grund, warum er gerne Lektor ist.

Themen durch Sonntage vorgegeben

Die Themen der Gottesdienste seien durch die Sonntage vorgegeben. Es könne auch schon mal vorkommen, dass er an einem Sonntag zwei Gottesdienste halte, da sei die Predigt dieselbe. Die Predigttexte wiederholten sich im Prinzip alle sechs Jahre. Die Zahl der Gottesdienste und Andachten in seiner „Karriere“ belaufe sich inzwischen auf mehr als 700. Derzeit seien es etwa noch 16, 17 Stück pro Jahr, stets in Vertretung für einen Pastor.

„Solange ich es kann, möchte ich es weiter machen“, sagt der Familienvater, der vor zwei Jahren mit seiner Frau goldene Hochzeit feierte. Sander ist nämlich noch Schiedsmann, betätigt sich kommunalpolitisch, sitzt im Seniorenbeirat und ist Vorsitzender des Heimbewohnerausschusses des Seniorenzentrums in Rehden.

Seine Vier Töchter und der Sohn seien durch seine Tätigkeit als Lektor auch mit geprägt worden. „Wir sind ein christliches Haus“, bringt es Gerhard Sander auf eine Kurzform und erzählt erfreut von zehn Enkelkindern und einem Urenkel.

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