„Wir sind Mädchen für alles“

Schäfer im Landkreis Diepholz: Viel Arbeit, wenig Anerkennung

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Schäferin Lina Offergeld von der Schäferei Ulenhof steht auf einer Moorfläche mit Diepholzer Moorschnucken. Der Ulenhof ist Stammzuchtbetrieb für die beiden Schafrassen Bentheimer Landschaf und weiße hornlose Heidschnucke.

Rehden - Von Elmar Stephan. Allzu kalt ist es nicht, aber der Wind pfeift ganz schön auf diesem Acker und bohrt sich selbst durch die dickste Jacke. Auch Schäfermeisterin Lina Offergeld fröstelt es, obwohl sie das ganze Jahr über draußen ist. Ihrer Herde mit Diepholzer Moorschnucken hingegen macht die steife Brise nichts aus.

Die kleinen zotteligen Tiere stehen auf einem eingezäunten Stück Wiese, zwei Herdenhunde geben auf sie während der Nacht Acht. Die Einzäunung und die Hunde müssen sein, sie sollen die Schafe vor dem Wolf schützen. "Das klappt hier ganz gut", sagt Offergeld. Ihr Chef Mathias Dreyer hat schon vor drei Jahren Hirtenhunde angeschafft. Wahrscheinlich halten sich die Wölfe bei ihrer Herde auch deshalb zurück, weil die Hunde bereits das Revier markiert haben, sagt Offergeld.

„Schafe sind tolle Tiere“, sagt die aus dem Ruhrgebiet stammende Frau. Die Arbeit ist abwechslungsreich – wenn die Tiere Junge bekommen, ist sie Hebamme, sie muss auch mal Futterraufen selber bauen, sie ist das ganze Jahr über in der Natur. „Wir sind Mädchen für alles“, beschreibt die 34-Jährige ihre Tätigkeit.

Bei der Wolle zahlen die Schäfer drauf

Nur: Trotz der Sieben-Tage-Wochen und der vielen Arbeit wird sie mit dieser Tätigkeit nie reich werden. „Für das Schaffleisch bekommen wir heute genauso viel wie vor 40 Jahren“, sagt ihr Chef.

Auch bei der Wolle zahlen die Schäfer drauf: 20 bis 30 Cent bekommt er für das Kilo, aber allein die Schur eines Tieres kostet 2,50 Euro, sagt Dreyer. Und dann kommt die Arbeitszeit: Mindestens 3000 Arbeitsstunden leistet ein Schäfer im Jahr. Umgerechnet auf den Verdienst liege das Einkommen unterhalb des Mindestlohnes, sagt Dreyers Kollege Michael Seel, der rund zehn Kilometer weiter westlich am südlichen Dümmer-Ufer einen Schäferhof betreibt. „Wir finden keine motivierten jungen Leute mehr, die Engagement mitbringen für den Beruf“, sagt Seel. In ganz Norddeutschland gibt es derzeit nur um die zehn Auszubildende.

Rückkehr des Wolfes lässt viele aufgeben

Seitdem der Wolf wieder zurück ist, ist die Situation für die Schäfer noch angespannter geworden. Denn um die Weidetiere zu schützen, müssen die Schäfer kräftig in Schutzzäune oder in Hirtenhunde investieren. Zwar erstatte das Land 80 Prozent der Erstausstattung– aber die inzwischen drei Jahre alten Zäune müssen irgendwann auch erneuert werden.

Und bei den Hunden ist die Anschaffung noch der geringste Kostenfaktor, sagt Dreyer. „Ein Hund verursacht zwischen 1000 und 1400 Euro Kosten im Jahr“, rechnet er vor. Futter, Versicherung, Tierarzt – und das mal zwölf, denn seine Herden aus Bentheimer Landschaf und Diepholzer Moorschnucke schützen zwölf Hunde.

Gerade wegen des Wolfes werden wohl in den nächsten Jahren viele Schäfer in Niedersachsen aufgeben, befürchtet Joachim Rehse. Der Schäfer aus dem Kreis Uelzen ist der Vorsitzende des Landesschafzuchtverbandes Niedersachsen. Denn die Zeit, die die Schäfer in die Wolfsvorsorge stecken, fehlt bei der Betreuung der Herden – dadurch leiden die Betriebsergebnisse.

Weniger Schafe

„Wenn ich keine Lämmer habe, kann ich auch keine verkaufen“, sagt Rehse. Die Zahlenkurve weist nach unten: 2006 gab es in Niedersachsen noch mehr als 255 .000 Schafe und 3615 schafhaltende Betriebe, 2016 waren es nur noch rund 168 .000 Schafe und rund 1000 Schafhalter.

Dabei sind Schafe wichtig für den Erhalt von Landschafts- und Naturschutzflächen, und auch der Deiche. Die Hochmoorlandschaft in der Diepholzer Moorniederung lasse sich nur mit der Beweidung der Flächen mit Schafen erhalten, betont Dreyer.

Auch die Lüneburger Heide gäbe es nicht mehr, wenn keine Schafe weiden würden. Und damit die Deiche feststehen, ist laut Rehse die Beweidung mit Schafen unersetzbar. „Wir wollen die Kopfprämie“, sagt er.

Gemeint ist damit eine Prämie für die Weidetierhaltung, die sich nicht nach der Fläche berechnet, sondern nach der Zahl der Muttertiere. Den Spielraum dafür gäbe es, denn in 22 EU-Staaten werden ihm zufolge Schafe über eine Kopfprämie gefördert. Zwar müssten dann Ackerbauern ein bisschen von ihren Fördergeldern abgeben. „Für sie ist es nicht existenzbedrohend, aber uns würde das sehr helfen“, sagt Rehse.

Und die Politik? 

Die zunehmend schwierigere wirtschaftliche Lage der Schafhalter sei ihr bewusst, sagt Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU): „Ich erkenne die Leistungen der Schafhaltung für die Gesellschaft und die Natur an und weiß um die hohe Arbeitsbelastung der Schäferinnen und Schäfer, die Tag und Nacht, bei Wind und Wetter für ihre Tiere da sind.“ Der Umgang mit dem Wolf müsse gemeinsam mit Umweltminister Olaf Lies (SPD), dem Bund und der EU überprüft werden.

Eine gezielte Unterstützung der Schafhalter in Niedersachsen für die besonderen Leistungen und den Wolfsschutz halte sie für ebenso wichtig wie eine deutlich stärkere Nachfrage der hochqualitativen Produkte aus heimischer Schafhaltung durch den Verbraucher, sagt die Politikerin.

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