Verpflichtende Gruppenhaltung

Sauenhalter im Kreis Diepholz: Landwirte reagieren auf Kastenstand-Aus

Nadine und Heinrich Henke, Sauenhalter aus Bruchhausen-Vilsen mit 1.250 Sauen (Stand Juli 2020).
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Nadine und Heinrich Henke, Sauenhalter aus Bruchhausen-Vilsen mit 1.250 Sauen (Stand Juli 2020).

Hat die Schweinezucht noch eine Zukunft? Diese Frage stellen sich viele Sauenhalter im Landkreis Diepholz seit dem 3. Juli zunehmend. Mit der Zustimmung des Bundesrats zu einer Novelle der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung hat ein jahrelanges Ringen um eine neue Kastenstand-Regelung ihr vorläufiges Ende gefunden. Acht Jahre (15 im Abferkelbereich) bleiben Haltern von Zuchtschweinen für die Umstellung auf Gruppenhaltung. Dann endet die Übergangsfrist. Die Stimmen der Landwirte aus dem Landkreis:

Anneke Kreißig, Fachberaterin Unternehmungsberatung für Rindvieh- und Schweinehalter Hunte-Weser: Viele Halter haben sich bereits Gedanken gemacht, sie sind bereit Veränderungen umzusetzen. Um die neuen Vorgaben zu erfüllen, braucht es aber Zeit, nicht nur für die Genehmigungen und Investitionen, sondern auch weil zum Beispiel im Bereich Tierschutz noch viele Fragen offen sind: Wie kann man Verletzungen der Sauen zum Zeitpunkt der Rausche – also der Brunft – so weit wie möglich verhindern? Wie schaffe ich am besten Rückzugsmöglichkeiten für die Tiere? Leider werden in der medialen Berichterstattung die Vor- und Nachteile des jetzigen und des zukünftigen Systems nur unzureichend beleuchtet.

Zu viele Unklarheiten in Tierschutzfragen kritisiert Anneke Kreißig. Bei den Landwirten erkennt sie eine grundsätzliche Bereitschaft zu Veränderungen.

Hauke Meyer-Husmann (33), Groß Lessen, 200 Sauen: Erst 2013 mussten wir aufgrund neuer Auflagen im Deckzentrum den Bestand um ein Drittel reduzieren. Ohne Umbaumaßnahmen, die sehr kostenintensiv sind, werden wir die neuen Regeln nicht umsetzen können. Frustrierend ist, dass man nicht weiß, ob es nicht noch immer mehr neue Auflagen werden. Man hat das Gefühl, dass es gewissen Gruppen nicht um einen Umbau, sondern um die Abschaffung der Tierhaltung geht. So ist kein Ende abzusehen.

Hauke Meyer-Husmann (33), Sauenhalter aus Groß Lessen.

Felix Klare (30), Mellinghausen, 300 Sauen: Dass der Kastenstand keine Zukunft hatte, war uns klar. Jetzt müssen wir uns überlegen, wie wir mit den neuen Anforderungen umgehen. Die Sauenhaltung aufzugeben und dann die Ferkel eben zu importieren, ist eine mögliche Option für uns.

Armin Lührs (30), Rehden, 220 Sauen: Unser Stall ist gerade neun Jahre alt, die Sauen sind eine Woche im Kastenstand. Wir werden jetzt sehen müssen, wie wir die neuen Regeln umsetzen können. Längere Übergangsfristen wären dazu auf jeden Fall sinnvoll. Ebenso muss sichergestellt sein, dass wir die entsprechenden Baugenehmigungen bekommen und neue Auflagen nicht die Kosten in die Höhe treiben.

Hans-Henning Mohrmann (59), Sulingen, 165 Sauen: Wir werden die Sauenhaltung nach der Übergangszeit einstellen. Nicht nur, dass die Investitionen sich für uns kaum lohnen würden, sondern ich befürchte, auch dass immer neue Auflagen auf uns zu kommen. Daher überlegen wir, nur noch auf Mastschweine zu setzen. Die Ferkel kommen dann von woanders.

Jan-Philipp Kortenbruck (36), Brockum, 220 Sauen: Wir suchen nach Möglichkeiten, die neuen Vorgaben umzusetzen. Momentan fehlt dazu einfach Platz. Eine Baugenehmigung wird wegen des ortsnahen Standortes sicherlich schwierig. Eventuell fehlt der Platz für etwa ein Drittel der Sauen. Wir haben schon länger im Auge, mehr in Tierwohl zu investieren, doch uns fehlen die Abnehmer für die Tiere, die dann mehr kosten. Anscheinend hat der Handel wenig Interesse an teurerem Fleisch.

Jürgen Langhorst (54), Diepholzer Bruch, 240 Sauen: „In der sogenannten Rausche – während der Empfängnisbereitschaft der Tiere – bespringen sich ohne Kastenstand die Sauen gegenseitig, zudem gibt es Rangkämpfe. Diese Unruhe bedeutet Stress und Gefahren für die Tiere. Die Verletzungen werden mehr. Im Abferkelbereich werden mehr Ferkel erdrückt. Es ist zweifelhaft, ob die Politik das bedacht hat.

Jürgen Langhorst (54), Sauenhalter aus Diepholzer Bruch.

Nadine und Heinrich Henke, Bruchhausen-Vilsen, 1 250 Sauen: Diese Veränderungen stellen uns Sauenhalter vor eine große Herausforderung, und dennoch sind wir froh, dass es endlich entschieden ist. Denn wir haben uns in den letzten Jahren im rechtlichen Nirwana befunden. Wir haben jegliche Investitionen nach hinten gestellt, weil uns schlichtweg die rechtliche Grundlage fehlte, um längerfristig planen zu können.

Reaktionen aus Tierschutzverbänden und Politik:

Der Landestierschutzverband Niedersachsen im Deutschen Tierschutzbund kritisiert die Regelung massiv. Primär wird hervorgehoben, dass Übergangsfristen dazu eingerichtet werden, rechtmäßige Zustände, die in Zukunft rechtswidrig würden, noch eine Zeit lang zu dulden. Die Kastenstände hätte aber schon lange dem Tierschutz widersprochen. Dieter Ruhnke, Vorsitzender des Landesverbandes, äußert sich deutlich: „Letztendlich handelt es sich um die Legitimierung jahrzehntelanger Rechtsverstöße, denen Winkeladvokatenzüge anhaftet. Einmal mehr geht es bei einem politischen Beschluss im Tierschutz nicht um die Belange der Tiere, sondern um die Wettbewerbsfähigkeit der Schweinehalter.“

Kritik äußert auch Thomas Blaha, stellvertretender Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz. Die Übergangsfrist nennt er „Unfug“, schließlich gebe es praxisreife Haltungsformen ohne Kastenstand. Doch er ergänzt: „Die Leistungen, die die Landwirte für die Gesellschaft erbringen sollen, werden vom Markt nicht bezahlt.“ Den Transformationsprozess sollte die Gesellschaft daher unterstützen.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hatte dafür eine verpflichtende Fleischabgabe angeregt. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU)nahm hingegen die Verbraucher in die Pflicht, die an der Kasse beweisen müssten, dass sie es mit Tierwohl ernst meinen.  

Statistik

Betriebe mit Schweinehaltung: 2019 = 467, 2018 = 490, 2009 = 857

Betriebe mit Zuchtschweinen: 2019 = 111, 2018 = 120, 2009 = 322

Anzahl an Sauen bei den Zuchtschweinehaltern: 2019 = 22243, 2018 = 22.908, 2009 = 36360

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