Frauenselbsthilfe nach Krebs Diepholz hilft seit nunmehr 30 Jahren

„Davor ziehe ich den Hut!“

Ursula Dell sprach deutliche Worte in puncto teils fehlender Kompetenz von Ärzten bei psychosozialer Betreuung. - Fotos: Brauns-Bömermann

Düversbruch - „Ihr fangt Betroffene und euch selbst auf, informiert euch und gebt Infos weiter, nehmt euch in den Arm und seid für einander da und das alles schon 30 Jahre. Davor ziehe ich den Hut“, betonte Heide Lakemann, Frauenselbsthilfegruppe Diepholz Nordkreis, und hatte den Chapeau mit grüner Schärpe dabei und zog ihn symbolisch zum 30. Jahr der Frauenselbsthilfe Gruppe Diepholz nach Krebs im Gasthaus Nüßmann-Neumeier in Düversbruch.

Zur Besinnung, Auswertung und Vorschau trafen sich Mitglieder, Gäste, Vertreter der Stadt Diepholz und Kirche und neben Lakemann auch die Landesvorsitzende Wilma Fügenschuh. Die Gruppe, die sich am 1. April 1986 mit Anni Didem aus Lembruch gründetet und heute von Heidrun Scholz, Heidrun Heßlau und Karin Gefe geleitet wird, hielt in den Grußworten inne und reflektierte die vergangenen 30 Jahre.

Wie wichtig die Selbsthilfe bei Krebs immer noch ist, das blieb zweifelsfrei der Mittelpunkt in den Grußworten. „Gerade diejenigen unter uns, die lange dabei sind, wissen, was sich für Krebserkrankte getan hat. Sie haben eine definierte Überlebenschance und viele Tabus wurden gebrochen“, so Scholz. Dennoch berührte die stehende Schweigeminute, die den Patienten galt, die gerade „heute“ ihre Diagnose erhielten. „Wir haben der gerade verstorbenen Künstlerin Henrikje Fitz eines voraus: Wir haben uns“, unterstrich Scholz für ihre Gruppe, denn über den Austausch in sozialen Netzwerken hinaus, sei man in Diepholz persönlich füreinander da. „Für die Diepholzer Gruppe ist das Küsschen rechts und Bussi links mehr als eine Begrüßung unter uns“, fasste es Diethild Peinz, die 22 Jahre die Gruppe vor Scholz leitete, zusammen.

Die genähten und angesteckten Stoffherzen erzählten: Mit diesem Herz zeigen wir, das „Wir“ unter den Erkrankten, Gesundeten und Wiedererkrankten. Wie ernst und existenziell das Thema Krebs ist, schwang bei jedem Grußwort mit. „Wir haben viele von uns verloren. Doch wir sitzen nicht nur da und trauern, wir leben und ertragen“, so Scholz. Die Diagnose Krebs sei auch heute unvermindert bei aller Aufklärung eine seelische und finanzielle Belastungsprobe, die Folgen der Chemotherapie begleiten lange und die Betroffenen brauchen Zuwendung und Hilfe. „Armut und Altersarmut befördern die Probleme“, darauf wies Landesvorsitzende Fügenschuh hin.

„Das ist ein Jubiläum mit ganz viel Herz“, damit meinte der stellvertretende Diepholzer Bürgermeister Hans-Werner Schwarz nicht das Stoffherz am Revers, sondern insbesondere die Gruppe, die er als „Gruppe, die im wahrsten Sinne des Wortes, lebt!“ empfand. Er erlaubte sich für die Stadt Diepholz zu fragen: „Was wäre, wenn wir Sie nicht hätten?“ Das war ein Dankeschön an die Frauenselbsthilfegruppe nach Krebs.

Ursula Dell von der KIBiS Selbsthilfe-Kontaktstelle im IGEL (Interessengemeinschaft Gesundes Leben) in Barnstorf formulierte drastischer immer wiederkehrende Erfahrungen mit Ärzten: „Brust ist ab, sie sind geheilt, was wollen sie noch mehr?“. Solche männlichen Ärzte bräuchte man nicht in der Situation. Zwar habe sich die Arbeit der elf Landesverbände, 36 Selbsthilfegruppen in Niedersachsen und bundesweit rund 350 Gruppen etabliert, die Arbeit dürfe aber nicht zur Selbstverständlichkeit verkommen.

Pastor Lutz Korn der Kirchengemeinde St. Nicolai Diepholz, in dessen Gemeindehaus die Treffen der Selbsthilfe regelmäßig stattfinden, hatte ein Bild einer besonderen Abendmahlszene des Malers Sieger Köder dabei: „Den Menschen auf dem Bild ist eins gemein: Die Suche nach dem lebendigen Du in all ihrer Individualität“, definierte er die bunt zusammengewürfelte Abendmahlgruppe.

Zum gemeinsamen Lied zur Gitarre von Rosie Schröder „Danke für diesen guten Morgen“ dichteten die Damen drei Strophen hinzu, die Essenz daraus: „Danke für unseren großen Mut, danke für die liebe Kraft, danke für all die Wärme, Nähe, damit man es schafft“.

Ein Austausch bei gemeinsamen Essen im Landgasthaus Nüßmann rundete das Jubiläum ab. - sbb

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