Dr. Andreas Schlüsche aus Hemsloh überlebt Anschlag in Afghanistan unverletzt und leistet als Notarzt wichtige Hilfe

Einsätze an der Grenze der Belastbarkeit

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Im Hilfseinsatz: Andreas Schlüsche bei der Versorgung eines verletzten Soldaten.

Rehden - Von Heinrich Klöker. Es ist ein heißer Tag Mitte des Jahres 2009 in der Region Feyzabad im Nordosten Afghanistans. Andreas Schlüsche sitzt mit einem Kameraden in einem Geländewagen, sie fahren in der Mitte eines Konvois auf Patrouille. Plötzlich gibt es einen Knall. „Ich habe zuerst gedacht, wir haben einen Motorschaden“, erinnert sich der Hemsloher. Rasch wird ihm jedoch klar, dass unter ihrem Fahrzeug eine Zehn-Kilo-Bombe explodierte. Ferngesteuert per Handy von einem Taliban-Kämpfer.

Dank der guten Panzerung des Fahrzeugs bleiben Schlüsche und sein Kamerad unverletzt, am Geländewagen entsteht Totalschaden. „Es fühlt sich bescheiden an, wenn man weiß, dass ein Anschlag auf einen selbst verübt wurde“, schildert der 40-Jährige. Angst um Leben und Gesundheit habe er jedoch nicht gehabt, schließlich sei er in vielen Lehrgängen auf die Situation vorbereitet worden.

Dr. Andreas Schlüsche, seit 2011 im Rehdener Ärztehaus als Allgemeinmediziner tätig, war 16 Jahre bei der Bundeswehr und absolvierte dabei vier Auslandseinsätze. Von Mai bis Juli 2009 war der Oberfeldarzt (Oberstleutnant) als Notarzt in Afghanistan aktiv. Auf Veranstaltungen in der Region berichtet er in Vorträgen von dieser Zeit, jüngst bei der Delegiertentagung des Kyffhäuser-Kreisverbands Altkreis Diepholz in Dörpel. Dieser Zeitung erzählte Schlüsche nun von seinen Erlebnissen, Erfahrungen und was die Einsätze ihm persönlich brachten.

Afghanistan war Schlüsches dritter Auslandseinsatz. „Dort herrschte Bürgerkrieg, und die afghanische Regierung hat die Nato um Hilfe gebeten, um Schutz und Wiederaufbau zu gewährleisten. Es war also kein Kriegseinsatz“, erklärt Schlüsche.

Er war als Notarzt der deutschen Soldaten tätig, begleitete diese auf Patrouillen und Sicherungseinsätzen. Darüber hinaus gewährleistete Schlüsche die medizinische Versorgung von afghanischen Soldaten und Zivilisten.

„Die Schuss- und Sprengverletzungen waren am Schlimmsten“, berichtet der gebürtige Oldenburger. Durch diese seien auch Amputationen von Gliedmaßen notwendig geworden.

Auch mit in Deutschland ausgerotteten Krankheiten hatte der zweifache Familienvater zu tun. So behandelte Schlüsche Patienten mit Tollwut. Ein afghanischer Soldat sei trotz intensivster Behandlung an Tetanus gestorben. Dazu kam die Versorgung von Brandopfern. „Zahlreiche kleine Kinder kamen mit Verbrennungen zu uns. Mädchen zählen dort gar nichts und werden oft in die Feuerstelle gestellt, wenn sie nicht gehorchen“, berichtet der Mediziner und ergänzt: „Einmal kam ein Mädchen zu uns, deren Füße nur noch Klumpen waren, alle Zehen waren verbrannt. Da fragt man sich, wie Menschen so grausam sein können.“

Kamelspinnen springen zwei Meter hoch

Dazu kamen beispielsweise schwere Verletzungen durch Bisse von Kamelspinnen. „Die können zwei Meter hoch springen“, erklärt der Mediziner.

Eine weitere Herausforderung waren die extremen klimatischen Bedingungen. War es im Winter eisig kalt, erwärmte sich die Luft im Sommer auf bis zu 60 Grad Celsius. „Dann mit Splitterschutzweste, Rucksack, Waffe und medizinischem Equipment unterwegs zu sein, erfordert absolute Fitness“, weiß Schlüsche, der auch ehrenamtlich als Mannschaftsarzt der Regionalliga-Fußballer des BSV Rehden tätig ist.

Auch die landschaftlichen Gegebenheiten mit Einsätzen in bis zu 4000 Meter hohen Bergen gestalteten sich anspruchsvoll. Zudem gab es keine asphaltierten Straßen, und bei Überschwemmungen mussten die Einsatzkräfte sich selber Wege suchen. Bisweilen gingen ganze Gerölllawinen herunter und verschütteten kleine Dörfer. Schlüsche: „Da gerieten Mensch und Maschine an die Grenzen der Belastbarkeit.“

Während die deutschen Soldaten bei ihren Einsätzen sich zum Beispiel um den Aufbau von Schulen, den Bau von Brunnen, die Räumung von Minen und die Sicherung von Gebieten kümmerten, stellte Schlüsche nach eigenen Angaben die medizinische Versorgung sicher, nahm Operationen in einem Kleinkrankenhaus vor oder richtete truppenärztliche Sprechstunden aus. Auch Nachtwachen am Lager musste Schlüsche halten. Er sagt: „Die Tätigkeiten waren sehr abwechslungsreich.“

Schlüsche trug selbst stets ein Gewehr G36 und eine Pistole P8 zur Selbstverteidigung bei sich. Gebrauch musste er von seinen Waffen glücklicherweise nicht machen.

Psychische Probleme trug der 40-Jährige von diesem Einsatz nach eigenen Worten nicht davon. „Ich habe mich untersuchen lassen, brauchte aber keine psychologische Hilfe“, erzählt der Arzt. Dabei seien ihm die Erfahrungen aus vorherigen Auslandseinsätzen zu Gute gekommen. „Die meisten Soldaten verarbeiten die Ereignisse gut. Acht bis zehn Prozent haben laut Studien der Bundeswehr Probleme bei der Bewältigung“, sagt Schlüsche.

Auch er leistete in Afghanistan Erst- und Notfallversorgung bei posttraumatischen Belastungsstörungen, nachdem er zuvor spezielle Schulungen erhalten hatte. Der Mediziner schildert: „Die Bedrohung und Lebensgefahr können zu psychischen Folgen führen. Zudem wirkt der Tod eines Kameraden häufig belastend.“ Betroffene würden während und nach dem Einsatz Hilfe erhalten. Während des Einsatzes kämen eine medikamentöse Behandlung, Gesprächstherapie oder die Betreuung durch den Truppenpsychologen oder Militärpfarrer in Betracht.

Ein Auslandseinsatz kommt für Schlüsche, der noch Reserveoffizier ist, nicht mehr in Frage. Allerdings bereut er seine Dienste nicht: „Das ist das, warum man zum Militär gegangen ist, um seine Fähigkeiten zu beweisen.“ Die Einsätze seien Grenzerfahrungen gewesen, die ihn im Leben weitergebracht hätten. Der Vater zweier Töchter erläutert: „Es waren alles positive Einsätze, wir kamen nicht als Aggressor und konnten vielen Menschen helfen – in Gebieten, in die sich andere Organisationen gar nicht trauen.“

Allerdings seien ihm, der seit zwei Jahren mit seiner aus Rodemühlen stammenden Ehefrau Anne-Kristin die Praxis in Rehden in Gemeinschaft betreibt, auch durch die Einsätze und den Anschlag die Aspekte bewusst geworden, die wirklich wichtig im Leben für ihn sind: „Meine Familie sehen zu können, Zeit für Hobbys zur Verfügung zu haben und eine schöne Natur vorzufinden.“

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