Unterwegs in Afghanistan mit Kampfmittelbeseitigern vom Diepholzer Fliegerhorst

Qisilabad: Auf Raketen gebaut

Ein Stückchen Heimat in Afghanistan: Das Ortseingangsschild von Diepholz steht vor dem Einfahrtstor zur Kampfmittelbeseitigung. Auch Kampfmittelspürhunde aus Diepholz sind im Einsatz.

Diepholz - Die Bundeswehr bleibt für ein weiteres Jahr in Afghanistan, hat der Bundestag am Donnerstag beschlossen. Auch Soldaten aus Diepholz sind am Hindukusch im Einsatz – darunter Kampfmittelbeseitiger vom Objektschutzregiment der Luftwaffe. Über ihre Aktion „Holz gegen Raketen“ berichtet Oberstabsfeldwebel Klaus Sattler vom Presse- und Informationszentrum des Einsatzgeschwaders in Mazar e Sharif.

In einer Wolke von Staub bewegt sich die Fahrzeugkolonne schnell vorwärts. Der Fahrer des Transportpanzers „Fuchs“ kennt den Weg genau. Der MG-Schütze in der Dachluke muss sich mit einem Schal vor dem Gesicht gegen den Staub und Sand schützen. Die Fahrer der nachfolgenden Fahrzeuge sind hochkonzentriert, damit sie die Piste überhaupt richtig erkennen. Qisilabad ist das Ziel des Kampfmittelbeseitigungstrupps – ein kleines, verschlafenes Nest im Norden Afghanistans, unweit der Stadt Mazar e Sharif. Qisilabad ist im wahrsten Sinne des Wortes auf Raketen gebaut.

Die Kampfmittelbeseitiger der 10. Staffel des Objektschutzregimentes der Luftwaffe vom Fliegerhorst in Diepholz sind seit Jahren hier im Norden Afghanistans im Einsatz. Ihre Heimat ist das Camp Marmal, dort wo mit über 2000 deutschen Soldaten der größte Anteil des Bundeswehrkontingentes im Rahmen der ISAF-Mission stationiert ist. Und sie haben mehr als genug Arbeit.

„Holz gegen Raketen“ heißt das Programm, bei dem die Kampfmittel-Experten Raketen gegen Bauholz tauschen. „In vielen Dörfern, wie in Qisilabad, benutzen die Einheimischen alte russische Raketenteile als Baumaterial“, erklärt Oberleutnant Andre B., der Zugführer des Kampfmittelbeseitigungszuges in Mazar e Sharif. 16 Männer unterstehen dem Offizier dort im Einsatz, darunter auch Hauptfeldwebel Holger K. und Oberfeldwebel Ronny P., die heute als Kampfmittelbeseitiger mit von der Partie sind.

Ehe die Diepholzer Soldaten ausrücken konnten, waren einige Vorbereitungen zu treffen. Oberleutnant B. erklärt das Konzept der deutschen Soldaten im Camp Marmal: „Jedem Dorf in der Sicherheitszone rund um das Camp Marmal und den Flugplatz ist ein sogenannter Dorffeldwebel zugeordnet.“ Diese sind regelmäßig in „ihren“ Dörfern und halten Verbindung mit der Bevölkerung, vor allem mit dem Malik, dem Dorfältesten, vergleichbar mit einem Bürgermeister. „Bei einem dieser Gespräche in Qisilabad hat der Dorffeldwebel erfahren, dass ein Hausbesitzer eine der als Fenstersturz genutzten Raketen ausgebaut und abgelegt hat“, erklärt Zugführer Andre B., der daraufhin eine Kampfmittelmeldung von dem Dorffeldwebel erhält. Anhand von Fotos wird der explosive Fund von den Experten identifiziert und eingestuft. Ehe die Diep holzer ausrücken können, müssen Termine mit den Objektschützern und dem Beweglichen Arzttrupp abgesprochen werden, denn „wenn wir zu einem Einsatz herausfahren sind neben einer Sicherungskomponente auch immer Sanitäter mit dabei.“ Eine Vorsichtsmaßnahme, die in Afghanistan Leben retten kann.

Als Qisilabad nach rund 20 Minuten erreicht ist, nehmen sich die Soldaten erst einmal Zeit. Auf dem Dorfplatz werden sie vom Malik freundlich begrüßt. Ein Sprachmittler, der immer dabei ist, sorgt dafür, dass man einander versteht. Das Verhältnis zwischen den Dorfbewohnern und den Soldaten ist durchaus vertrauensvoll, über Jahre gewachsen. „Ich bin jetzt zum vierten Mal hier im Einsatz“, so Oberleutnant B., „und hier in Qisilabad kenne ich mich mittlerweile gut aus.“ Mit dem Malik gehen er und seine Männer durch die staubigen Straßen, begutachten einige der zum Teil völlig verfallenen Häuser, die oft trotzdem noch bewohnt sind. Immer wieder finden sie gefährliche Hinterlassenschaften aus der zehnjährigen Besatzungszeit der Sowjet-Armee. Holger K. und Ronny P. untersuchen die Fundstücke. „Wichtig ist natürlich festzustellen, ob die Raketen leer sind, oder ob sich noch Sprengstoff oder gar die Zünder darin befinden“, so Andre B.

Eine gute Stunde später wird auf dem Dorfplatz der Holzbalken aus einem der Fahrzeuge geladen und gegen die abgelegte Rakete getauscht. Das Fundstück ist sicher, davon haben sich Holger K. und Ronny P. vorher überzeugt. Eine Gefahr bedeutet die unscharfe Waffe trotzdem noch für die Soldaten der ISAF in Afghanistan. „In den falschen Händen ist eine solche Raketenhülse der richtige Grundstoff für eine Sprengfalle“, erklärt Oberleutnant B.

Wenige hundert Meter Luftlinie von Qisilabad entfernt finden die Diepholzer Soldaten einen geeigneten Platz, um die brisante Fracht zu sprengen. Eine Stunde später sind sie zurück im Camp Marmal.

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