Wandernde Weltenbummler in Gessel / „Ich würde nicht mehr leben, wenn uns damals niemand aufgenommen hätte“

Pilger-Herberge bei Gerta Schmidt

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Gerta Schmidt blättert in dem Gästebuch, in das sich die Pilger, die bei ihr übernachten, eintragen können. ·

Syke - Von Alena StaffhorstGESSEL · „Ich würde nicht mehr leben, wenn uns bei der Flucht 1945 aus Polen keine Menschen bei sich aufgenommen und uns Milch und Brot gegeben hätten“, sagt Gerta Schmidt aus Gessel. Ihre Konsequenz: Seit 2006 bietet sie Pilgern für ein bis zwei Nächte ein Dach über dem Kopf an – und hört dabei die spannenden Geschichten der Weltenbummler.

„Der Teilabschnitt von Bremen nach Osnabrück des Jakobspilgerwegs führt genau durch Gessel“, erklärt die 68-Jährige, die zusammen mit ihrem Mann seit gut 40 Jahren in dem Syker Ortsteil lebt.

Der Pilgerweg wurde 2006 eröffnet, und seitdem hat Gerta Schmidt immer eine offene Tür für Pilger aus aller Welt. „Aus Bremen kommend, ist hier dann meist die erste Station, das sind etwa 20 Kilometer. Wobei ich auch mal einen Schweizer hier hatte, der am Tag 40 Kilometer geschafft hat.“

Als sie von dem Pilgerweg erfuhr, meldete sich die gelernte Verwaltungsangestellte sofort als Pilgerunterkunft an. „Heute geht es mir so gut, da möchte ich den Menschen auch was zurückgeben.“ Im Sommer hat sie fast jede Woche einen Pilger zu Gast, im Winter ist es eher selten, dass sie wandernden Besuch bekommt: „In dem Jahrhundertwinter vor zwei Jahren kam ein paar Tage vor Weihnachten eine Neuseeländerin durch den Schnee gestapft“, erinnert sich Schmidt. „Sie wollte am nächsten Tag gleich weiter, aber ich habe sie dann überredet, noch einen Tag länger zu bleiben, um sich etwas zu erholen.“

Dabei sind es deutlich mehr Frauen als Männer, die die kostenlose Unterkunft nutzen. „Ob allgemein mehr Frauen pilgern oder ob es daran liegt, dass ich eine Frau bin, weiß ich nicht.“ Pilgern macht süchtig, da ist sich Gerta Schmidt sicher, auch wenn sie es selbst noch nicht ausprobiert hat. „Ein Ehepaar, wo beide an Krebs erkrankt waren, konnte es einfach nicht lassen zu pilgern. Es war sozusagen eine Erfüllung für sie, auch wenn ihre Krankheit es ihnen sicherlich erschwert hat“, erzählt Schmidt.

Auch auffällig: Die meisten Pilger sind alleine unterwegs. „So können sie ihren eigenen Rhythmus leben und sind unabhängiger“, erklärt die Gesselerin.

„Doch ich merke auch, dass es sie freut, hier abends reinzukommen und die Gelegenheit zu haben, sich zu unterhalten. Häufig sitzen wir hier noch lange zusammen, trinken ein Glas Wein, und die Pilger berichten von ihren Erlebnissen.“

Kaltes Abendbrot, einen Schlafplatz und Frühstück – so sieht der Service der Familie Schmidt aus. „Geld nehmen wir dafür nicht. Wer unbedingt was zahlen möchte, für den habe ich eine Spendendose.“

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