Neue Interessengemeinschaft gegründet

„Null Kilowatt“: Bürger kämpfen

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Stefan Seltmann ist Sprecher der neuen Interessengemeinschaft „Null Kilowatt“.

Bassum - Von Anke Seidel. Nein, das wollen Besitzer von Solaranlagen nicht mehr hinnehmen: Für einen realen Strompreis von nicht mal 50 Cent sollen sie jährlich 72 Euro zahlen – wie Gerd Rohlfs aus Syke-Sörhausen, der seinen Fall öffentlich machte (wir berichteten). Für den Jahresverbrauch von nur einem Kilowatt, verursacht durch den Bereitschaftsbetrieb eines Wechselrichters an seiner Solaranlage, schickte ihm die Eon eine Rechnung über 52,74 Euro für neun Monate. Das Versorgungsunternehmen beruft sich auf eine neue gesetzliche Vorgabe.

Dass etliche Solaranlagen-Besitzer das gleiche Problem haben, bewies die Flut von Leserbriefen in dieser Zeitung nach dem Bericht über den Sörhauser und seine Zahlungsverpflichtung – darunter auch die Zuschrift von Stefan Seltmann aus Bassum. Er ist Sprecher der neuen Interessengemeinschaft „Null Kilowatt“, die sich in Bassum gegründet hat. Initiatoren sind die Verfasser besagter Leserbriefe, die untereinander Kontakt aufgenommen haben.

„Ich hatte nach meinem Leserbrief zwischen zehn und fünfzehn Anrufe“, blickt Stefan Seltmann zurück. Anderen sei es ähnlich ergangen. Deshalb vereinbarten die Betroffenen einen gemeinsamen Termin, um ihre Erfahrungen mit der Eon und ihre Informationen auszutauschen. Rund zehn Betroffene setzten sich in Bassum an einen Tisch. Stefan Seltmann nennt sie „genervte Eon-Zwangskunden“, von denen jeder andere Erfahrung mit dem Konzern gemacht habe: „Die Call-Center von Eon scheinen mit der Thematik überfordert zu sein.“ Auf Widersprüche der Betroffenen habe es entweder keine Antwort oder nicht die passenden Textbausteine in der elektronischen Telefonansage gegeben.

Kuriose Tatsachen sind laut Seltmann bei dem Treffen ans Tageslicht gekommen. Er berichtet von einem älteren Ehepaar, das nach dem Wechsel des Grundversorgers in seinem Gebiet sogar zwei Rechnungen von zwei verschiedenen Versorgern erhalten habe: „Das Paar hat nicht mal einen PC und weiß nicht, wie es sich wehren soll.“

Seltmann will nicht ausschließen, dass die „Zwangskundschaft“ der Solaranlagen-Besitzer noch andere Gründe hat: „Der Konzern mit den meisten Kunden ist Grundversorger, und der hat am Markt gewisse Vorteile“, erklärt der 49-Jährige, der bereits seit 1992 eine Solaranlage betreibt. Hier gehe es möglicherweise um 4000 Kunden.

Im Landkreis gebe es etwa 4500 Solaranlagen – wobei nicht klar sei, wieviele die Grundgebühr zahlen müssten, sagt der Sprecher.

Unabhängig davon: „Die Clearingstelle Erneuerbare Energien Gesetz empfiehlt, den Wechselrichter-Standby-Strom bei Anlagen bis zur Leistung von 30 Kilowatt vereinfacht durch rücklaufende Netzeinspeisezähler zu zählen“, berichtet Seltmann – und stellt fest: „Dieser Empfehlung entsprechen noch heute zahlreiche Netzbetreiber. Eon/Avacon hat aber in den letzten Jahren massiv die rücklaufenden Netzeinspeisezähler gegen die sogenannten Zweirichtungszähler ausgetauscht.“

Wenn man überlege, dass ein Drehstromzähler rund 50 Kilowattstunden Eigenverbrauch im Jahr habe, „erscheint einem die Maßnahme, den Standby-Verbrauch des Wechselrichters in Höhe von einer Kilowattstunde pro Jahr mit 72 Euro zu berechnen, ziemlich sinnfrei zu sein.“

Deshalb will die neue Interessengemeinschaft „Null Kilowatt“ weitere Mitstreiter gewinnen, um sich auszutauschen „und nach Lösungen für einen diskriminierungsfreien Netzzugang zu suchen“, formuliert es ihr Sprecher. Interessierte können sich per E-Mail melden (thomas-meyer-bramstedt@t-online.de). Die Interessengemeinschaft will „ein Netzwerk gegen den Monopolmissbrauch auf die Beine stellen und den Solarstromproduzenten Mut machen, sich zu wehren“.

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