Corona-Ausbruch auf Spargelhof

Nach ZDF-Bericht: Herbe Kritik an Arbeitsbedingungen beim Spargelhof Thiermann

Die Verantwortlichen auf dem Spargelhof Thiermann im Landkreis Diepholz geraten nach einem Bericht von „Frontal 21“ unter Druck. Arbeiter sagen, sie wurden nicht bezahlt.

Kirchdorf – Es ist der 18. April 2021, als auf dem Spargelhof Thiermann im niedersächsischen Kirchdorf die ersten Coronafälle bekannt werden. Bis zum heutigen Tag sind es 130 positive Corona-Fälle, die auf dem landwirtschaftlichen Betrieb entdeckt worden sind. Das alles zieht inzwischen so weit Kreise, dass sich die positiven Coronafälle auf dem Spargelhof im Kreis Diepholz auch auf das Infektionsgeschehen im Nachbarlandkreis Nienburg auswirken. Die Arbeiter auf dem Spargelhof von Heinrich Thiermann, einer der größten Spargelproduzenten in ganz Deutschland, klagen indes über miese Arbeitsbedingungen, zu wenig Lohn, einige sprechen von Bedingungen „wie in einem Horrorfilm“.

Samtgemeinde in Niedersachsen:Kirchdorf
Fläche:47,76 Quadratkilometer
Einwohner:2.238 (Stand: 31. Dezember 2021)
Vorwahl:04273
Bürgermeister:Holger Könemann (parteilos)

Dass die Spargelernte Knochenarbeit ist, weiß wohl jede einzelne der Saisonarbeitskräfte, die regelmäßig nach Deutschland kommt, um hier das „weiße Gold Deutschlands“ aus dem Boden zu holen. Und auch, dass die Arbeit während der Corona-Pandemie auf dem Feld kein Zuckerschlecken sein wird. Viele von ihnen kommen seit Jahren im Frühjahr nach Deutschland, um hier Geld zu verdienen, das in der Heimat für die Familie dringend benötigt wird.

Arbeitsbedingungen bei Thiermann in der Kritik: „Es ist wie ein Arbeitslager mit Freiheitsberaubung“

Doch jetzt mehren sich die Stimmen, dass auf dem Spargelhof von Heinrich Thiermann mit den Saisonarbeitskräften nicht vernünftig umgegangen wird. Seitdem die ersten Fälle Mitte April bekannt wurden, wurde inzwischen eine sogenannte Arbeitsquarantäne erlassen. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter, die negativ auf das Coronavirus getestet wurden, weiterhin auf dem Feld stehen, um Spargel zu ernten.

Die Arbeitsbedingungen auf dem Beeren- und Spargelhof von Heinrich Thiermann in Kirchdorf stehen in der Kritik. (kreiszeitung.de-Montage)

„Es ist wie ein Arbeitslager mit Freiheitsberaubung“, klagt eine Erntehelferin aus Polen an. Einer anderen Erntehelferin ist die Hilflosigkeit ins Gesicht geschrieben. Auch sie steht unter Arbeitsquarantäne. „Ich habe viel geweint“, berichtet sie in der ZDF-Sendung „Frontal 21“. „Niemand vom Gesundheitsamt war da. Ich bekam nur ein Schreiben auf Deutsch, das ich nicht verstehe. Da stand etwas von Quarantäne und vom 18. Mai.“

In dem Schreiben teilt Thiermann seinen Mitarbeitern mit, dass das Gesundheitsamt des Landkreises Diepholz eine Arbeitsquarantäne bis zum 18. Mai verhängt hat. Somit dürfen sie zwar weiter arbeiten, aber sonst auch nicht viel. Eine Heimreise etwa ist untersagt. Und auch das Verlassen der Unterkunft ist strengstens verboten. Bedienstete eines Sicherheitsunternehmens überwachen dies.

Arbeitsbedingungen bei Thiermann in der Kritik: Polnischer Generalkonsul schaltet sich ein

Das Ganze zieht mittlerweile so weit Kreise, dass sich das polnische Generalkonsulat in Hamburg in die ganze Geschichte einmischt. Erntehelfer haben den Generalkonsul Paweł Jaworski um Hilfe gerufen. Doch auch er bekommt keinen direkten Kontakt zu den polnischen Erntehelfern, Handyvideos belegen das Ganze. Er kann nur durch einen Zaun mit seinen Landsleuten sprechen. Die beschweren sich, dass sie nichts zu essen hätten: „Kein Wasser, kein Brot, keine Butter ... Nichts!“ Viel kann der Generalkonsul an diesem Tag aber auch nicht auswirken. Er verspricht, dass man das Ganze im Auge behalten werde: „Das ist noch nicht vorbei“, so Jaworski.

Doch die Arbeits- und Quarantänebedingungen scheinen nur eine Seite auf der Medaille zu sein. Jetzt mehren sich auch noch die Vorwürfe, dass Mitarbeiter kein oder zu wenig Lohn erhalten hätten. Zwar hatte Spargelbauer Thiermann im Interview mit der Kreiszeitung noch gesagt, dass seine Mitarbeiter selbstverständlich den Mindestlohn beziehen würden, einige würden sogar mehr verdienen.

Arbeitsbedingungen auf Spargelhof: Erhalten die Erntehelfer tatsächlich den Mindestlohn?

Doch ob dies wirklich der Warheitheit entspricht, darf inzwischen zumindest angezweifelt werden. Von Stundenlöhnen in Höhe von 6,80 Euro ist aus den Reihen der Erntehelfer die Rede, der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland liegt derzeit bei 9,50 Euro pro Stunde. Etliche Erntehelfer haben inzwischen sich bietende Möglichkeiten genutzt, um aus Kirchdorf zu verschwinden und wieder in die Heimat zu reisen.

Auch sie wollen ihren Lohn für die erbrachte Arbeit erhalten. Sie werfen Thiermann vor, dass sie viel mehr haben arbeiten müssen, als ursprünglich vereinbart gewesen sein. Laut einer Vereinbarung, die „Frontal 21“ vorliegt, sollten durchschnittlich 34 Stunden wöchentlich gearbeitet werden, verteilt auf sechs Tage zum Mindestlohn. Laut Aussage einer Mitarbeiterin sei sich aber daran nicht gehalten worden. Sie habe viel länger arbeiten müssen und weniger verdient, als ursprünglich zugesagt worden sei. „Ich habe an sieben Tagen gearbeitet, und zwar von 7:00 Uhr bis 18:00 Uhr“, berichtet sie im Interview. Manchmal habe sie sogar bis 21:00 Uhr arbeiten müssen. Nach drei Wochen hatte sie die Nase voll, da sie auch nur 35 Euro Lohn pro Tag erhalten haben will. Versprochen waren ihr im Vorfeld mindestens 70 bis 80 Euro pro Tag. Es soll sogar die Rede von 100 bis 120 Euro am Telefon die Rede gewesen sein.

Nach Corona-Ausbruch: Gewerkschaftsprojekt „Faire Mobilität“ schaltet sich ein

Bei dem gewerkschaftsnahen Projekt „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes sind die Vorfälle auf dem Spargelhof in Kirchdorf bekannt. Das Projekt kümmert sich vornehmlich um gerechte Löhne und faire Arbeitsbedingungen für Beschäftigte aus den mittel- und osteuropäischen EU-Staaten auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Auch hier gibt es die Befürchtung, dass die Erntehelfer am Ende nicht nur unter Corona leiden könnten, sondern sogar auch noch ohne Lohn dastehen. Denn einige Erntehelfer sind bereits ohne Bezahlung vor den Arbeits- und Lebensbedingungen in Kirchdorf wieder in ihre Heimat geflüchtet.

„Diese Erntehelfer können natürlich ihren Lohn geltend machen“, erklärt Dominique John, Leiter von Faire Mobilität, im Gespräch mit kreiszeitung.de. Doch ganz einfach ist das natürlich nicht. Vor allen Dingen dann, wenn die Arbeiter bereits wieder in ihr Heimatland gereist sind. Wichtig sei, dass die Arbeitszeiten genau dokumentiert würden, ergänzt John. * kreiszeitung.de und nordbuzz.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © dpa/Bodo Schackow

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