Figuren des Schriftstellers Anton Tschechow führen am Vorwerk ein Eigenleben

Wie Mütterchen Russland

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Das Vorwerk als Kulisse für eine Probe von Theaterleuten aus Bremen. ·

Syke - Von Michael WalterSeltsame Dinge geschehen im Syker Vorwerk: Auffällig altmodisch gekleidete Leute treiben sich in den Ausstellungsräumen herum und führen merkwürdige Dialoge. Sie proben – für ein Theaterstück ohne Bühne.

Ein gutes Dutzend Mitglieder vom „Theater der Versammlung“ und der Bremer Uni haben sich gestern im ehemaligen Landrats-Wohnsitz am Rand des Friedeholz versammelt. Ihr Ziel: Figuren des russischen Schriftstellers Anton Tschechow zum Leben zu erwecken.

Regisseur Jörg Holkenbrink erklärt: Das Theater der Versammlung ist ein Bremer Profi-Theater, das eng mit der Bremer Uni zusammenarbeitet. Es hat keine Bühne, sondern geht dort hin, wo ohnehin Menschen zusammenkommen. „Daher auch der Name. Wir spielen in Restaurants, an Schulen, in Krankenhäusern und Museen.“

Und eben im Vorwerk. Eine speziell auf Syke und das Haus zugeschnittene Inszenierung sei das, die man da probe, so Holkenbrink. Protagonisten sind Figuren aus allen möglichen Stücken Tschechows.

„Der Witz ist“, sagt Holkenbrink, „dass wir behaupten: Diese Figuren sind irgendwann nach Tschechows Tod 1904 und vor der Russischen Revolution 1917 aus Russland ausgewandert und über Umwege in Syke gelandet. Und da literarische Figuren unsterblich sind, wohnen sie noch immer hier. Zuerst im Forsthaus, jetzt im Vorwerk.“

Mit von der Partie: Manfred Palm, der Vorsitzende des Syker Kunstvereins. Er ist seit rund einem Dutzend Jahren festes Mitglied des Ensembles und nimmt regelmäßig am Spiel- und Probenbetrieb teil. „Für dieses Stück ein Glücksfall“, sagt Regisseur Holkenbrink. „Denn da er in Syke lebt, kann er viele Fakten und  Informationen zur Geschichte der Stadt in das Stück einbringen, die wir anderen gar nicht kennen.“

Zum Beispiel gibt es eine reale Verbindung zwischen Syke und dem Russland der ausgehenden Zarenzeit: Um 1900 war die Grafschaft Hoya eine Hochburg der Schweinemast und der  Syker Bahnhof der Hauptumschlagplatz. „Das Futtergetreide wurde damals über Bremen aus Russland importiert“, weiß Palm. „Die russische Gerste konnte man nämlich kalt verfüttern. Fast alle Mühlen in der Gegend haben damals russische Gerste geschrotet.“

Auf den Pfaden des Futtergetreides ist das Tschechow-Völkchen seinerzeit nach Syke gekommen. Palm spinnt den Faden weiter: „Im Vorwerk fühlen sie sich so wohl, weil sie das Anwesen an die russischen Guts häuser erinnert.“ Und die Figur, die er selbst spielt, schätzt die Nähe zum Friedeholz ganz besonders. „Wegen der vorzüglichen Speisepilze.“

So weit das gedachte Szenario. Und was ist das nun für ein Stück, das da gerade geprobt wird? Jörg Holkenbrink erklärt: „Auch das Publikum spielt im wörtlichen Sinn eine Rolle. Die Zuschauer sind Hobby-Ethnologen, die das Tschechow-Völkchen erforschen wollen.“ Sie führen dazu eine regelrechte Expedition durch. Treffpunkt ist an der Bremer Uni. Von dort geht es per Bus nach Syke. Auf der Fahrt erläutert ein „Reiseführer“ grundsätzliches zum Tschechow-Völkchen. „Er gibt den Zuschauern quasi ein paar Spielregeln an die Hand und erklärt, worauf man achten sollte.“

Etwa, dass man den Figuren, denen man begegnet, Zeit gibt, auch wenn sie scheinbar gerade nichts tun.

Die Tschechow-Figuren benutzen in unterschiedlicher Konstellation prinzipiell alle Räume des Vorwerks. Die Zuschauer erleben also praktisch nie alle dasselbe Stück, da nicht alle immer gleichzeitig im gleichen Zimmer sind.

Im September hat das Theater der Versammlung schon zwei Aufführungen dieser Art im alten Forsthaus inszeniert und im Dezember zwei im Vorwerk. Die jetzigen Proben sind für zwei Aufführungstermine im April gedacht, die beide bereits ausverkauft sind. Holkenbrink: „Im Juni gibt es dann noch zwei Aufführungen speziell für Syker.“

http://www.tdv.uni-bremen.de

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