Das Geschäft der kreiseigenen AWG mit dem eigenen Kraftwerk birgt durchaus Risiken

Müllgebühr langsam runter

Bassum - Sie haben wenige Tage zuvor noch ihren Dienst versehen, die Schälchen aus Kunststoff, die im Küchenschrank standen, seit ewigen Zeiten dort standen und häufig hervorgeholt wurden. Und zugegebenermaßen immer unansehnlicher ausschauten. Und jetzt war ihre letzte Stunde gekommen.

Ganz schnörkellos, jetzt im Frühjahr, wo man sich schon mal kurzentschlossener von Dingen trennt, die ihre besten Zeiten hinter sich haben. Ende, Aus, ab in den Müll. Die letzte Stunde? Nein, einen Dienst wird dieses Stück Kunststoff noch versehen, und mit ihm tonnenweise all das andere, das nicht mehr gebraucht wird.

Ob Textilien, Papier, Holzteile oder eben und vor allem Kunststoff: Wertlos ist dieser Müll nicht, er dient als Brennstoff. Von Bassum aus wird er zum Heizkraftwerk Blumenthal kutschiert und dort zu Wärme und Strom gemacht. Seit sieben Jahren betreibt die in Klövenhausen ansässige Abfallwirtschaft (AWG) dies Kraftwerk, ein damals eher risikofreudiger Schritt. Inzwischen beginnt sich die Investition zu rechnen. „Wir arbeiten mit wirtschaftlichem Erfolg,“ sagt Matthias Kühnling von der AWG. Und das bekommt durchaus auch der Gebührenzahler zu spüren. „Die Müllgebühren mussten seit sieben Jahren nicht angehoben werden, zweimal haben wir sie sogar senken können.“ Allerdings hat die Weiterverwertung von schlichtem Müll den Anstrich des Öko-Exoten verloren. Ökologisch sinnvoll ist es auch heute noch, aber längst hat sich die Müll-Entsorgung vom reinen Nischengeschäft zur Boombranche entwickelt. Dem durchaus scharfen Wettbewerb sieht sich auch das landkreiseigene Unternehmen ausgesetzt. Das Auf und Ab der Konjunktur pflegt bis an den Fuß des Bassumer Utkieks durchzuschlagen.

Knapp 100.000 Tonnen Restmüll karren die Müllfahrzeuge Jahr für Jahr aus dem Raum zwischen Lemförde und Leeste, zwischen Varrel und Varel zusammen. Nur noch ein ganz geringer Anteil wandert in die Deponie, das allermeiste dessen, was Menschen nicht mehr brauchen, kommt in die Weiterverwertung. Tonnenweise wird der Müll zunächst maschinell grob vorsortiert, ehe er zunächst vorzerkleinert und dann gesiebt wird. Metall verabschiedet sich in Richtung Recycling-Container, die kleineren Müllteile, die immerhin noch zu einem Berg von rund 40.000 Tonnen Gewicht pro Jahr anwachsen, werden vorort vergoren, ehe sie schließlich das Gas für das ebenfalls in Klövenhausen installierte Blockheizkraftwerk absondern. Nur der erdähnliche Rest kommt noch in die Deponie.

Der deutlich größte Anteil des Restmülls freilich landet in Blumenthal, jene Bestandteile nämlich, die mindestens eine Größe von 60 Millimetern aufweisen. Gut 50.000 Tonnen sind das pro Jahr, rund zehn Lkw mit Anhänger sind Werktag für Werktag in Richtung Bremen Nord unterwegs, um das Heizkraftwerk am Laufen zu halten. Der beträchtliche Aufwand macht Sinn. Diese Müllbestandteile weisen einen Heizwert immerhin ähnlich der Braunkohle auf. „Schon seit zehn Jahren beschäftigen wir uns mit der alternativen Energieerzeugung, das Heizkraftwerk Blumenthal hat uns einige Schritte vorwärts gebracht,“ sagt Kühnling.

Dass die AWG überhaupt in den Besitz der Anlage gekommen ist, verdankt sie der Neuausrichtung der Bremer Wollkämmerei. Das Traditionsunternehmen aus dem Jahr 1883 wurde nach der Jahrtausendwende völlig umstrukturiert, das Steinkohle-Heizkraftwerk war plötzlich über. Einige Umbauten und Umweltschutzmaßnahmen später konnten die Flammen neu entzündet werden. Kontinuierlich liefert es jetzt Wärme für umliegende Abnehmer und Strom fürs Netz. Die Blumenthaler Elektrizitäts-Sparte ist in der Lage, den Bedarf von rund 25.000 Menschen in 6000 Haushalten zu decken. Mehr als 30 Millionen Kilowattstunden sprudeln Jahr für Jahr in die Fernleitungen. Der Betreiber, die Bassumer AWG, wird derweil nicht müde, den ökologischen Nutzen des so genannten Ersatzbrennstoff-Monokraftwerks hervorzukehren. Es ersetze jährlich circa 22 Millionen Liter Heizöl, was eine Menge von 860 vollbeladenen Heizöltankzügen ausmache, oder einen Kohle-Zug von gut sechs Kilometern Länge.

Allerdings sprengt die Dimension der Anlage das tatsächliche Restmüllaufkommen. Gut 50.000 Tonnen hat die AWG zur Verfügung, etwa 65.000 Tonnen werden aber für einen ganzjährigen Betrieb benötigt. Und das birgt Risiken. Zurzeit läuft ein Abnahme-Vertrag mit einem benachbarten kommunalen Müll-Entsorger, doch die Zulieferer sind umworben. „Die vergangene Wirtschaftskrise ist durchaus auch bei uns zu spüren gewesen,“ räumt Kühnling ein. Ein Großteil des Restmülls nämlich stammt aus Industriebetrieben, deren Abfallmenge hat namhafte Volumen erreicht. „Wenn dann nicht so viel produziert wird, und die Abfallmenge sinkt, dann verschärft sich der Wettbewerb der Abnehmer.“ Klartext: Die Preise purzeln. Allerdings kamen die Bassumer nach eigenem Bekunden weitgehend ungeschoren davon. Kühnling: „Wir haben die schwierigen Monate vergleichsweise gut überstanden.“

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