Fatale Rückstände durch Fracking? / Schutzgebiete und Umweltverträglichkeitsprüfung gefordert / Initiative gegründet

Mineralbrunnen-Betreiber in großer Sorge

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670 Millionen Liter Mineralwasser und Erfrischungsgetränke werden im Landkreis Diepholz Jahr für Jahr abgefüllt. Die drei Mineralbrunnen-Unternehmen haben Angst vor vernichtenden Einträgen durch Fracking.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel · Die Betreiber der drei Mineralbrunnen im Landkreis Diepholz sind in großer Sorge, dass die Suche nach Erdgas ihre Existenz zerstören könnte – nämlich dann, wenn chemische Rückstände aus dem Fracking in das Mineralwasser geraten. Denn das unterliegt dem absoluten Reinheitsgebot.

„Wenn dort etwas hineinkommt, was von Natur aus nicht reingehört, dreht man uns den Schlüssel um!“, mahnt Dirk Lütvogt, Inhaber der Auburg-Quelle in Wagenfeld (120 Mitarbeiter, 80 Millionen Liter Jahresumsatz an Mineralwasser und Erfrischungsgetränken). Seine Quelle ist direkt betroffen, weil das Unternehmen Exxon Mobile unter dem Wagenfelder Ortsteil Ströhen per Fracking nach Erdgas suchen will. Das alarmiert in höchstem Maße auch die Verantwortlichen des Weyher Mineralbrunnens (73 Kilometer von Wagenfeld entfernt) und Vilsa-Brunnen (50 Kilometer). Die drei Mineralwasser-Unternehmen beschäftigen zusammengerechnet 560 Mitarbeiter und vermarkten unter dem Strich pro Jahr 670 Millionen Liter Mineralwasser und Erfrischungsgetränke – eine beachtliche wirtschaftliche Größe im Landkreis Diepholz.

Einen konkreten Antrag habe Exxon Mobile noch nicht gestellt, so Andreas Beuge als Pressesprecher des zuständigen Bergamtes in Hannover. Exxon Mobile betont immer wieder die Umweltverträglichkeit des Verfahrens, das in Deutschland schon seit 50 Jahren für die Stimulation von Erdgas genutzt werde. Deutlich weiter ist das Unternehmen Winters hall: Es erkundet zurzeit per Probebohrung (noch wird nicht gefrackt) Erdgasvorkommen bei Barnstorf und erwartet in einer Tiefe von mehr als 4 000 Metern bis zu 40 Milliarden Kubikmeter Erdgas.

In Wagenfeld hat sich mittlerweile das Aktionsbündnis „No Moor Fracking“ gegründet. Es beschreibt sich selbst als „Initiative für gesundes Wasser und gesunden Menschenverstand“. Deren Online-Petition haben bereits 445 Bürger aus dem gesamten Bundesgebiet unterzeichnet. Auf der Basis eines reformierten Bergrechts fordert das Bündnis das generelle Verbot von Fracking in Gebieten mit Trink- und Mineralwasservorkommen sowie in Naturschutzgebieten und Naturparks. Genauso will es eine Beteiligung der Wasser- und Naturschutzbehörden am Genehmigungsverfahren erreichen – vor allem aber eine verpflichtende Umweltverträglichkeitsprüfung. Die müsse jeder Landwirt beim Bau eines Schweinemaststalls vorlegen, so das Argument.

Der Landkreis hat als Untere Wasserbehörde nur begrenzt Einflussmöglichkeiten. „Wir können Veto einlegen, sollte das Grundwasser beeinträchtigt werden“, so Dieter Schmidt als stellvertretender Leiter des Fachdienstes Umwelt und Straße. Doch das im Vorfeld einer Bohrung zu beurteilen, sei so gut wie unmöglich. Dazu brauche es geologische Fachkompetenz, so Schmidt, „aber die Geologie gehört nicht zu unserem Rechtsbereich.“

Eine Umweltverträglichkeitsprüfung für Fracking ist für Dr. Michael Reinhardt, Geschäftsführer bei Vilsa-Brunnen, ein unbedingtes Muss. „Unser Ziel muss natürlich auch ein Wasserschutzgebiet sein.“ Mineralwasserleiter könnten durch das Fracking unmittelbar getroffen werden, befürchtet Dr. Reinhardt. Deshalb müsse die Politik Strategien entwickeln, um gegenzusteuern. Vilsa beschäftigt 320 Mitarbeiter und setzt pro Jahr 450 Millionen Liter Mineralwasser und Erfrischungsgetränke um.

„Solange es kein hundertprozentig sicheres Verfahren gibt, sollte Fracking nicht genehmigt werden. Die Langzeitfolgen sind ja nicht absehbar“, mahnt Michael Behrends, Betriebsleiter beim Weyher Mineralbrunnen (120 Mitarbeiter, rund 140 Millionen Liter Umsatz).

„Man sollte sich besser Gedanken über alternative Energieversorgung machen“, schlägt Behrends vor. Das sei in jedem Fall nachhaltiger, als auch noch die allerletzten Gasreste aus der Tiefe zu pressen.

Wie funktioniert Fracking?

Beim Fracking (Hydraulic Fracturing) werden in Tiefen bis zu 5000 Metern durch das Einpumpen der Frac-Flüssigkeit unter hohem Druck kontrolliert Risse im Gestein erzeugt. Um die Risse offen zu halten und so dem Gas Fließwege zu verschaffen, wird Quarzsand in die Gesteinsrisse eingebracht. Zu diesem Zweck wird der Quarzsand mit Wasser gemischt und so ebenfalls in das Gestein gepresst. Darüber hinaus sind dem Gemisch in geringem Maße Additive beigemischt, die dafür sorgen, dass sich der Quarzsand mit dem Wasser vermischt und keine Bakterien in die Lagerstätte gelangen. Horizontalbohrungen können Lagerstätten in mehreren Kilometern Länge erschließen. Um den Gasfluss zum Bohrloch zu stimulieren, wird das Steigrohr mit Löchern mit einem Durchmesser von bis zu 40 Millimetern perforiert. Durch diese Löcher wird unter hohem Druck (bis zu 1000 bar) das Gemisch aus Wasser, Quarzsand und chemischen Zusätzen in das Gestein gepresst. Durch diesen enormen hydraulischen Druck entstehen die Risse im unterirdischen Gestein. Durch diese Risse (bis zu 100 Meter lang und bis zu mehrere Meter hoch) kann das Gas bis zum Bohrloch fließen. Quarzsand und Teile des Fracking-Fluids bleiben zunächst in der Lagerstätte. Erst danach strömen Gas und Wasser dem Bohrloch zu. n Quellen: Exxon Mobile und Bundesumweltamt

Wie handelt die Politik?

In einem Entschließungsantrag wollen CDU und FDP im Landtag die Modernisierung des Bergrechts und die Einführung von Umweltverträglichkeitsprüfungen bei Fracking fordern. FDP-Landtagskandidat Marco Genthe plädiert für Mineralwasserschutzgebiete. Seine Kreistagsfraktion hat beantragt, dass der Landkreis alle rechtlichen Möglichkeiten zum Schutz des Wasser nutzen soll. „Die Brunnenbetreiber sollten sich zusammentun“, so der CDU-Landtagsabgeordnete Karl-Heinz Klare. Er fordert in jedem Fall Umweltverträglichkeitsstudien. Der Vize-SPD-Kreistagsfraktionschef Günter Brockhoff hält Umweltverträglichkeitsprüfungen für zwingend. Es gebe zu viele Unsicherheiten im Verfahren. Die müssten ausgeräumt und der Einfluss des Landkreises gestärkt werden. Ulf Schmidt, Fraktionschef der Grünen im Kreistag, sieht die Politik in einer Doppelverantwortung. Einerseits sei die Qualität des Mineralwassers zu schützen, andererseits zählten die Belange der ortsansässigen Betriebe. Die Fraktion habe noch nicht getagt. Schmidt persönlich fordert Schutzgebiete und Umweltverträglichkeitsprüfungen. Rudolf Dyk, Kreistagsabgeordneter der Linken, lehnt Fracking kategorisch ab: „Giftstoffe könnten in den Boden kommen!“ Die Freien Wähler haben sich noch nicht mit dem Thema befasst. Fraktionschef Heinz Riedemann steht dem Verfahren „äußerst skeptisch gegenüber“.

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