Wie Menschen mit der Diagnose Krebs leben – und wie Gespräche sowie Geschichten wirkungsvoll Entlastung schaffen

„Persönliches Attentat auf mein Leben“

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Zuversicht nach einer Krebserkrankung ist eine Kraftquelle: (v.l.) Dr. Jutta Diederichs und Martina Siebenmorgen mit der Handpuppe „Sumser“.

Barnstorf - Von Anke Seidel. Dr. Jutta Diederichs ist Ärztin, 41 Jahre alt, Mutter von fünf Kindern – und hat Brustkrebs. Als ein „persönliches Attentat auf mein Leben“ empfindet sie diese heimtückische Krankheit: „Man ist nicht nur am Körper verwundet, sondern auch an der Seele!“, sagt die junge Frau. Kraft finden in diesem Ausnahmezustand – dabei hilft ihr zurzeit Martina Siebenmorgen in der Krebsberatungsstelle „Igel“ in Barnstorf.

Dort erfährt nicht nur die fünffache Mutter aus Goldenstedt, welche entlastende Wirkung Gespräche und auch Geschichten haben können: Von einem überraschenden, heilenden Effekt berichtet der 62-jährige Wolfgang Rensing (Name von der Redaktion geändet). Schwere Herzrhythmusstörungen und Schlaflosigkeit plagten ihn, weil er nach mehreren lebensbedrohlichen Schicksalsschlägen erneut ein Trauma verkraften muss: Seine Frau ist an Lungenkrebs erkrankt.

Psychopharmaka wollte der sorgengeplagte Ehemann und Familienvater nicht nehmen. Deshalb schickte ihn sein Hausarzt in die Krebsberatungsstelle. Eineinhalb Stunden lang dauerte das erste Gespräch mit Martina Siebenmorgen. Rensing staunt: „Meine Herzrhyhtmusstörungen waren danach weg!“

Martina Siebenmorgen weiß, wieviel Kraft das Annehmen und Bewältigen von lebensbedrohenden Schicksalsschlägen kostet. „Es sind Ausnahme-Situationen, in denen die Kraft, die jeder Mensch in sich hat, verschüttet ist“, sagt die Sozialarbeiterin und Heilpraktikerin für Psychotherapie, die außerdem eine Ausbildung in systemischer Therapie und Beratung hat. Zurzeit lässt sie sich zur Psychoonkologin qualifizieren. Es ist eine Mischung aus Fachwissen, menschlicher Wärme und Humor, mit der sie die Beratung gestaltet – und damit schnell einen Zugang zu ihren Klienten findet. Sie empfinden die Gespräche von Mensch zu Mensch als entlastend, lassen sich durch Geschichten mit viel Poesie und Lebensweisheit zum Nachdenken anregen – und spüren am Ende Zuversicht: Ja, dieser Schicksalsschlag lässt sich bewältigen!

Sowohl Wolfgang Rensing als auch Dr. Jutta Diederichs sind fest überzeugt: „Die Beratungsstelle in Barnstorf entlastet die Krankenkassen finanziell.“

„Ich war krank geschrieben“, so der 62-Jährige, „und hätte wohl weiter krank geschrieben werden müssen“. Doch das sei dank der Gespräche in der Krebsberatungsstelle nun nicht mehr nötig.

Rensing ist so außergewöhnlich belastet, weil die Krebserkrankung seiner Frau ein neuer Mühlstein in einer schicksalhaften Kette ist. 1982, im Alter von drei Jahren, erkrankte sein Sohn an Leukämie – und überstand die tückische Krankheit. Sechs Jahre später diagnostizierten die Ärzte einen Hirntumor bei dem Jungen. Auch diese lebensbedrohende Krankheit bewältigte er. „Mit Zwanzig erkrankte er an einer Psychose“, berichtet Rensing. „Ein halbes Jahr später hatte meine Frau eine schwere Hirnblutung.“ Die Prognosen seien sehr schlecht gewesen, „aber meine Frau hat überlebt“. Ihr schwerer Lungenkrebs ist jetzt ein Déjà-Vu. „Aber ich bin im Moment in der Lage, mit der Situation umzugehen. Ich kann meine Frau unterstützen“, so der 62-Jährige. Seinem Sohn gehe es gut.

Entlastung und Zuversicht hat auch Dr. Jutta Diederichs in der Krebsberatungsstelle gefunden. Zwar gebe es von der Krankenkasse finanzierte Psychoonkologen, aber die seien viel zu oft überlastet. Die Folge: Lange Wartezeiten.

Dass die Beratungsstelle in Barnstorf Krebspatienten mit akutem Gesprächsbedarf schnell, unbürokratisch und kostenlos hilft, bewertet Dr. Diederichs als unverzichtbares Angebot in der Region. Denn sie weiß, welche Fragen Menschen nach der Diagnose Krebs quälen: „Was passiert? Was wird die Zukunft bringen? Was wird aus der Familie?“

Für ihre fünf Kinder im Alter von vier bis 14 Jahren war die Erkrankung der Mutter ein Schock. Auch ihnen hilft Martina Siebenmorgen. Sie hat 2013 das Projekt „Familien-Stärken“ aufgebaut, das speziell für Kinder und Jugendliche von krebskranken Eltern entwickelt worden ist. Zuversicht vermittelt die Heilpraktikerin für Psychotherapie ihnen bei Bedarf auch mit der Handpuppe „Sumser“.

Die Nachfrage nach Beratungsgesprächen in Barnstorf ist groß. „Wir hatten im vergangenen Jahr 909 Beratungen“, berichtet Martina Siebenmorgen – der Bedarf ist ungebrochen, die Finanzierung der Beratungsstelle langfristig aber ein enormes Problem: Die Deutsche Krebshilfe zahlt Ende 2016 kein Geld mehr.

Aus einer 2009 als Abschubfinanzierung gedachten Förderung sind dann sieben Jahre geworden. Weil die Deutsche Krebshilfe die Finanzierung bereits um zehn Prozent reduziert hat, zahlt jetzt der Landkreis das fehlende Geld – bis Ende 2016. Ob bis dahin neue Finanzierungsmöglichkeiten gefunden werden oder die Beratungsstelle geschlossen werden muss, ist völlig offen.

Wolfgang Rensing und Jutta Diederichs fordern, dass die Krankenkassen zahlen. Denn sie würden durch die Beratungsstelle spürbar entlastet: Je schneller die Krebspatienten wieder arbeitsfähig seien, um so schneller würden sie auch wieder Krankenkassenbeiträge einzahlen.

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