Landwirte warten noch auf Details zur Tierwohl-Initiative

Mehr Platz im Stall – rechnet sich das?

Blick in einen Schweinestall der Region. ·
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Blick in einen Schweinestall der Region. 

Sulingen - Von Anke Seidel. Geld verdienen mit dem Tierwohl – das verspricht die gleichnamige Initiative interessierten Landwirten. Denn allein der Lebensmittel-Einzelhandel will rund 100 Millionen Euro in diese Initiative investieren, die Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Handel gemeinsam tragen (wir berichteten). Aber die Landwirte in der Region sind skeptisch.

„Grundsätzlich ist das eine gute Idee. Auch, dass der Lebensmittel-Einzelhandel in die Pflicht genommen wird“, sagt Kreislandwirt Wilken Hartje, „aber wie es umgesetzt wird, das wird der Verbraucher bei seiner Kaufentscheidung nicht sehen“. Außerdem müsse das Ganze für alle kostendeckend sein, „der Kreis muss sich schließen“. Allein nach den 18 Kriterien, nach denen der Landwirt künftig Geld für das Tierwohl erhält, könne er nicht rechnen. In nicht wenige Ställe müssten die Landwirte erst einmal investieren, um überhaupt an der Initiative teilnehmen zu können, sagt Wilken Hartje über die geforderten Voraussetzungen. Erst dann lässt sich nach den Kriterien rechnen. Bietet ein Landwirt beispielsweise in der Ferkelaufzucht nachweislich 40 Prozent mehr Platz, erhält er dafür 4,40 Euro pro Tier. Zusätzliches Beschäftigungsmaterial im Aufzuchtstall bringt noch einmal 1,15 Euro, die „Kastration mit wirksamer Schmerzausschaltung“ 1,50 Euro. Bei Mastschweinen wird die Erweiterung des Platzangebotes um 40 Prozent mit acht Euro vergütet. Zusätzliches Beschäftigungsmaterial bringt einen Euro und die Jungebermast 1,50 Euro pro Tier. Letztere war über Jahrhunderte verpönt, weil das Fleisch wegen seines strengen Geruchs als ungenießbar galt. Heute ist das Geschichte, weil viele Jungeber vor der Geschlechtsreife geschlachtet werden.

Ob sie mit der Initiative tatsächlich adäquat Geld verdienen können, ist für viele Landwirte noch unklar. „Es fehlen noch Detailbestimmungen, es ist noch nichts festgezurrt“, beschreibt Rudolf Fuchs als Leiter der Landwirtschaftskammer-Außenstelle Sulingen den aktuellen Stand.

Der Tierwohl-Initiative stehen die Landwirte auch deshalb skeptisch gegenüber, weil dadurch der Eindruck entstehen könnte, als hätten Landwirte bisher nichts dafür getan. Aber das Gegenteil sei der Fall, stellt Hartje klar: „Ein Tier, das sich nicht wohlfühlt, vermehrt sich nicht.“ Will heißen: Die Fruchtbarkeit würde leiden, aber die sei ja ein wichtiges Wirtschaftskriterium für die Landwirte.

Gert Lüschow, Vorsitzender der Landberatung, formuliert das so: „Es gibt nur einen Parameter für das Tierwohl – das ist der Tierhalter selbst.“ Lüschow setzt auf einen intensiven Dialog mit den Verbrauchern, der das gegenseitige Verständnis wachsen lässt. Denn er ist fest davon überzeugt: „Keiner von uns Landwirten kann auf Dauer gegen die Gesellschaft arbeiten.“ Gleichwohl sei die Wirtschaftlichkeit ein lebenswichtiger Faktor.

Glasklar geht aus den Statistikheften „Landwirtschaft in der Region Diepholz/Nienburg“ hervor, dass die Betriebe im vergangenen Jahr im Schnitt mit 631 statt bisher 616 Schweinen pro Betrieb Frischfleisch für die Verbraucher produzierten. Erfasst sind darin 381 080 Mastschweine in landwirtschaftlichen Betrieben. Hinzu kommen noch die Mastschweine aus gewerblicher Haltung (ohne Flächennachweis). Offizielle Zahlen dazu habe die Landwirtschaftskammer nicht, so Henrich Meyer zu Vilsendorf als Leiter der Bezirksstelle Nienburg. Aber nach Kammer-Berechnungen auf Grundlage des Nährstoffberichtes, also des Gülle-Aufkommens, werden im Landkreis Diepholz etwa 503 000 Schweine gemästet.

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