Visionär, Unternehmer, Kunstliebhaber

Elastogran-Gründer Dr. Gottfried Reuter war ein Pionier der Polyurethan-Chemie

Dr. Gottfried Reuter, Gründer der Elastogran in Lemförde
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Dr. Gottfried Reuter wäre am 6. August 2021 hundert Jahre alt geworden.

Erfinder, Unternehmer, Visionär, Kunstliebhaber – Dr. Gottfried Reuter, Pionier der Polyurethan-Chemie und Gründer der Elastogran (heute BASF) in Lemförde, war ein Mann mit vielen Facetten. Am 6. August 2021 jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal.

Lemförde ‒ Dr. Franz Gottfried Reuter erblickte am 6. August 1921 als Arbeiterkind in Wülscheid/Rheinland das Licht der Welt. Da seine Eltern ihm das Schulgeld nicht bezahlen konnten, musste er es sich durch Obstbaumverkäufe aus der Baumschule seines Onkels dazuverdienen. Nach dem Abitur und während des Zweiten Weltkriegs studierte er – mit Wehrdienstunterbrechungen – Chemie in Göttingen und promovierte bei dem Nobelpreisträger Prof. Adolf Windaus. Während des Studiums lernte er am chemischen Institut auch seine Frau Erika kennen. Sie heirateten 1944.

Nach Ende des Krieges arbeitete Gottfried Reuter zunächst in einer Schelllackfabrik in Bremen, um dann bei der Firma Phoenix in Hamburg zum ersten Mal mit Polyurethan in Berührung zu kommen – einem 1937 entwickelten Kunststoff, der nach dem Krieg einen steilen Aufschwung erlebte. Dort machte er die Bekanntschaft von Dr. Jürgen Ulderup – dem Inhaber der Lemförder Metallwaren. Phoenix habe ein Problem für Ulderup gelöst und sein Vater sei maßgeblich beteiligt gewesen, berichtet Gottfried Reuters Sohn Peter. Ulderup holte den Chemiker daraufhin nach Lemförde, wo dieser sich nach anfänglicher Zusammenarbeit mit Ulderup den Traum von der Selbstständigkeit erfüllen konnte.

In einer ehemaligen Knopffabrik produzierte Gottfried Reuter zunächst den Werkstoff Vulkollan der Bayer AG. Da dieser in vielen Anwendungen einsetzbar war und nach dem Krieg ein hoher Bedarf bestand, wuchs sein Unternehmen rasant. „Polyurethan war ein Wertstoff, an dem zu dieser Zeit außer der Bayer AG niemand wirklich arbeitete“, weiß Peter Reuter. Doch sein Vater erkannte dessen Potenzial.

Dr. Gottfried Reuter meldete rund 100 Patente an

Gottfried Reuter produzierte nicht nur, er entwickelte auch. Rund 100 Patente für die verschiedensten Anwendungen hat er angemeldet. Neben Vulkollan wurden sehr schnell auch andere Polyurethane in Form von Elastomerschaumteilen, Hart- und Weichschaum-Systemen und ähnlichem hergestellt. Das geschah zunächst in vielen eigenen Firmen, die schließlich unter dem Dach der 1962 gegründeten Elastogran GmbH zusammengeführt wurden.

Gleichzeitig hatte Gottfried Reuters Ehefrau Erika den Grundstock für die Lemförder Orchideenzucht gelegt, indem sie in einem kleinen Gewächshaus Orchideen kultivierte. Von diesen Pflanzen begeistert, arbeitete das Ehepaar dann im großen Stil in den 1963 neu errichteten Gewächshäusern an der Zucht und Kultivierung zahlreicher neuer Orchideen. Die Orchideenzucht war für Gottfried Reuter laut seinem Sohn auch ein Ort, an dem er Entspannung vom fordernden Unternehmeralltag fand.

Große Leidenschaft für Porzellane des 18. Jahrhunderts

Der Chemiker hatte auch eine Leidenschaft für Porzellane entwickelt und eine bedeutende Sammlung europäischer Porzellane des 18. Jahrhunderts zusammengetragen. Hier regten sich ebenfalls seinen Unternehmer- und Forschergeist an. Er wollte mit dem von ihm gegründeten Keramikinstitut München Echtheitsbestimmungen an und Handel mit Keramiken betreiben.

Diese Aktivitäten musste Reuter jedoch zurückstellen, als es nach dem Verkauf der Elastogran-Gruppe an die BASF im Zuge der Übernahme zu einem jahrelangen Rechtsstreit kam. Sein Unternehmen sei so schnell so stark gewachsen, dass der Finanzierungsbedarf nicht mehr von einer Person allein habe getragen werden können, erläutert Peter Reuter, warum sein Vater die Gruppe 1971 verkaufte. Der Rechtsstreit endete erst durch den plötzlichen Tod von Dr. Gottfried Reuter während einer Geschäftsreise in Ost-Berlin am 4. Dezember 1986.

Dr. Gottfried Reuter war seiner Zeit in vielen Dingen voraus

Sein Tod beendete auch einen Teil seiner vielfältigen Aktivitäten abseits seines Kerngeschäfts. Er habe mit jemandem von der Uni Aachen an Knotenrechnern in Netzwerken gearbeitet und sich mit Spracherkennung beschäftigt, nennt Peter Reuter zwei Beispiele für die vielen Projekte, die sein Vater nicht weiterverfolgte, weil sie zu der Zeit keine unternehmerische Perspektive boten, die er aber vielleicht später wieder aufgenommen hätte.

Er beschäftigte sich ebenso mit der somatischen Hybridisierung – der Kreuzung von Pflanzen, die normalerweise nicht kreuzbar sind wie Kartoffel und Tomate, mithilfe von Zellfusion. Die Theorie hinter dem Versuch: Pflanzen zu schaffen, die Stickstoff aus der Luft aufnehmen und darum keine Düngung benötigen. Diese Versuche gab er allerdings schnell wieder auf.

Ein anderer Teil der Aktivitäten von Gottfried Reuter ist in der von ihm gegründeten Firma Neopur erhalten. Sie beschäftigt sich unter anderem mit von Dr. Reuter entwickelten Isocyanat/Wasserglas-Reaktionen. Die Neopur wie auch die Lemförder Orchideenzucht werden von der Familie weitergeführt. „Seine außerordentliche Kreativität und Weitsicht hätten sicher noch viele richtungsweisende Entwicklungen ermöglicht“, ist sich Peter Reuter sicher.

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