Hoffen auf Pfingsten

Nicht mal alleine Tretboot fahren? Notbremse-Regeln für Touristiker am Dümmer nicht nachvollziehbar

Anselm Höfelmeier, Vorsitzender des Tourismusverbands Dümmer, in einem Tretboot der Bootsvermietung Godewind.
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Für ein Pressefoto darf Anselm Höfelmeier, Vorsitzender des Tourismusverbands Dümmer, in einem Tretboot Platz nehmen. Damit auf den See rausfahren dürfte er wegen der Corona-Notbremse nicht.

Viele Touristiker am Dümmer haben kein Verständnis mehr für die aus ihrer Sicht nicht schlüssigen Regelungen der Corona-Notbremse und des Lockerungs-Stufenplans des Landes.

Hüde/Lembruch – Verstehen muss man sie nicht. Kann man auch nicht. Da sind sich die Touristiker am Dümmer einig, wenn das Gespräch auf die Corona-Notbremse kommt. Die Laune sinkt sofort in den Keller, der Ärger über inhaltlich nicht schlüssige Regeln steigt. „Wir haben ein Jahr durchgehalten, wir können nicht mehr“, sagt Anselm Höfelmeier, Vorsitzender des Tourismusverbands Dümmer, der selbst einen Dauercampingplatz betreibt und Ferienwohnungen vermietet.

Bei vielen Touristikern, die die Corona-Beschränkungen im vergangenen Jahr noch mitgetragen haben, weil die Gesundheit eben wichtiger war, geht die Akzeptanz inzwischen gegen Null. Einschränkungen – ja, die sind nachvollziehbar. Aber kompletter Stillstand wegen eines begrenzten Corona-Ausbruchs auf einem Fruchthof 40 Kilometer entfernt? Eine Notbremse, die in den kommenden Wochen jederzeit wieder greifen könnte und den Touristikern somit keine sichere Perspektive bietet. Beschränkungen bei der Unterbringung in Ferienhäusern, die für Touristen gelten, nicht aber für gewerblich Reisende, obwohl die Gegebenheiten aus virologischer Sicht die gleichen sind? Touristen, die sich bei gutem Wetter auf dem Deich drängen, aber sich nicht mit Abstand auf die Terrasse eines Restaurants setzen dürfen?

Eine weitere dieser nicht ganz schlüssigen Regelungen, die auch nach Ende der Notbremse noch gilt: Inhaber eines Dauercampingplatzes oder eines Ferienhauses aus Nordrhein-Westfalen dürfen laut Höfelmeier am Dümmer Urlaub machen, weil sie als Zweitwohnsitz gelten, andere Gäste aus dem Nachbarland dagegen nicht. Er selbst musste darum gerade die Buchung eines älteren Ehepaars – beide vollständig geimpft – stornieren. Da seien einfach mal 700 Euro weg. Die Regelung, dass bei hoher Inzidenz nur Gäste aus Niedersachsen beherbergt werden dürfen, trifft den Dümmer besonders hart. Denn sein Haupteinzugsgebiet ist nicht der Norden, sondern Ostwestfalen und das Ruhrgebiet.

Notbremse-Regeln: Frustration übersteigt das Verständnis

„Wir sind im Tourismusverband an einem Punkt, wo die Frustration das Verständnis übersteigt“, beschreibt Höfelmeier die allgemeine Stimmung. Dass andere Wirtschaftszweige trotz Notbremse weiter arbeiten dürfen – unter anderem besagter Fruchthof in Kirchdorf –, der Tourismus aber komplett auf Eis gelegt wird, dafür findet er kaum Worte. „Man fühlt sich allein gelassen und geopfert.“

Jochen Piening betreibt ebenfalls einen Campingplatz in Hüde, allerdings nicht in erster Linie für Dauercamper. Er steht aktuell vor der Herausforderung, die Belegung zu planen und zu entscheiden, welche Buchungen er storniert. So hat er für die nächsten Wochen erstmal allen Campern, die nicht aus Niedersachsen kommen, abgesagt. „Einige Camper buchen auch doppelt oder dreifach und halten sich bis kurz vor dem Urlaub alles offen“, so Piening. Das erschwert die Planung zusätzlich.

Hoffnungen der Touristiker liegen auf Pfingsten

Als Gastromon steht er vor einer weiteren Herausforderung. In den vergangenen Monaten hat er das Restaurant seiner Familie grundlegend saniert und müsste die „Dümmerperle“ nun eigentlich dringend eröffnen, damit etwas Geld in die Kassen fließt. Denn langsam wird es eng. Pienings Hoffnungen liegen derzeit auf Pfingsten, dem letzten der Feiertage im Frühjahr, an denen die Gastronomen eigentlich das Geld verdienen, das sie durch den Winter bringt.

Weil sich die Rahmenbedingungen so schnell ändern, ist es auch schwierig, mit dem Personal zu planen. Er könnte seine Mitarbeiter zwar in Kurzarbeit schicken. „Aber das ist viel Papierkram.“ Für wenige Wochen würde sich das nicht lohnen.

Schlechte Laune bekommt auch Ralf Heine, Inhaber der Bootsvermietung und Segelschule Godewind in Hüde, wenn er über die Notbremse spricht. Auf Bundespolitik und Behörden ist er nicht gut zu sprechen. Von ihnen fühlt er sich im Stich gelassen. Er selbst komme einigermaßen gut durch die aktuelle Krise, weil er mit einem guten Polster in den Winter gegangen sei und darum auch seine vier festangestellten Mitarbeiter weiterhin bezahlen könne. Auf die Behörden habe er sich nach den Erfahrungen im vergangenen Jahr nicht verlassen.

Ralf Heine: Eine regionale Regelung wäre zielführender

Die Notbremse wurde nach seiner Einschätzung aus machtpolitischen Gesichtspunkten beschlossen und ist inhaltlich nicht schlüssig. Sie sorgt zum Beispiel dafür, dass er seine Tret- und Segelboote nicht mal an Einzelpersonen oder Paare vermieten darf. „Das ist ein völliger Irrsinn.“ Segel-Unterricht darf er ebenfalls nicht geben. Heine kann eine ganze Reihe an Punkten aufzählen, die aus seiner Sicht keinen Sinn ergeben. Eine regionale Regelung wie vor der Notbremse wäre für ihn viel zielführender. „Die Touristiker müssen irgendwann mal Geld verdienen“, so Heine. Die meisten touristisch wichtigen Wochenenden seien schon durch. Jetzt bleibt nur noch Pfingsten.

Zu all dem Ärger und den Sorgen der Touristiker kommt auch noch hinzu, dass sie sich von Urlaubswilligen am Telefon beschimpfen lassen müssen, wenn sie ihnen wegen der Corona-Beschränkungen absagen müssen. Alle drei haben diesbezüglich ähnliche Erfahrungen gemacht. Höfelmeier: „Das alles ist nervlich langsam schwer zu ertragen.“

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