Podiumsdiskussion zum Thema Wolf 

„Theorie und Praxis sind weit entfernt“

Michael Seel (stehend) erklärte den Besuchern die Wolfs-Problematik aus Sicht der Nutztierhalter. J Foto: Brauns-Bömermann
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Michael Seel (stehend) erklärte den Besuchern die Wolfs-Problematik aus Sicht der Nutztierhalter. 

Stemshorn - Ein wenig klingt es bitterböse und zynisch, wenn man den Worten von Schäfer Michael Seel zuhört. Der hatte nämlich gerade unangekündigten Besuch von einem Vertreter aus dem Wolfsbüro des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) aus Hannover, der seine Zäune kontrollierte und sie für nicht „wolfssicher“ einstufte.

Folglich gibt es bei Riss keine Entschädigung. Am Telefon auf Nachfrage bestätigteder Kontrolleur dem Schäfer, der mit seinen Diepholzer Moorschnucken Flächen im Auftrag der Landesregierung pflegt, dass er persönlich überhaupt keine sichere Einzäunung gegen Überspringen oder Untergraben kenne. „Ich fand das gar nicht gut, dass er sich einfach meinen Tieren ohne mich genähert hat“, empört sich Seel vor rund 65 Zuhörern in der Podiumsdiskussion im Kommunikationsforum „Alter Schafstall“ am Schäferhof. Der FDP-Ortsverband „Altes Amt Lemförde“ hatte dazu eingeladen.

Im Plenum, anders als bei der Veranstaltung in Barnstorf (wir berichteten), ausschließlich Vertreter der Gegner des Wolfes beziehungsweise Befürworter eines sinnvollen Managements des Prädators ohne natürliche Fressfeinde in einer Region mit Tieren wie Schafen und Galloways, die zur Pflege der Landschaft eingesetzt sind. Mit dem „Hausherrn“ Seel auf dem Podium: Kurt Gödecke, Wolfsberater aus Syke, Jürgen Göttke-Krogmann, Vorstand des Deutschen Galloway-Verbandes und Dr. Gero Hocker, Umweltpolitischer Sprecher der FDP im Niedersächsischen Landtag. Heike Hannker, Stellvertretende Vorsitzende des FDP-Ortsverband „Altes Amt Lemförde“, moderierte.

Hocker formulierte seine Forderung bereits in Barnstorf: Verhaltensauffällige Tiere entnehmen und Management der übrigen Wolfspopulation. „Die Regierung hat sich in ihrer Einschätzung auf die Wolfsentwicklung komplett geirrt.“ Für Michael Seel, der mit seinen Mutterschafen die Herdbuchzucht der Diepholzer Moorschnucke betreibt und Flächen pflegt, sei das Handling mit sogenannten wolfssicheren Zäunen mit einer großen Höhe, Untergrabschutz und Strom oder Herdenschutzhunden schier unmöglich. „Ich arbeite bereits 3 600 Stunden im Jahr, 365 Tage und jetzt verlangt man von mir rund 1 000 Stunden mehr für nichts.“ Seel hole sowieso seine Tiere nachts in den Stall, müsse aber in Niedermoor und extensiv als Grünland genutzten Naturschutzflächen ständig weiterzäunen. „Nirgends anders sind Theorie und Praxis so weit voneinander entfernt“, seine Meinung. „Selbst, wenn der Wolf nicht die Schafe angreift, wenn er um tragende Tiere umherschweift, verlammen viele. Ich glaube es ändert sich erst in den Vorgaben der ,Richtlinie Wolf‘ etwas, wenn Schockemöhle eine teure Stute verliert“, mit Anspielung an die Lobbyschaft bei Tieren mit höherem Wert.

„Wir riskieren alles“

Wolfsberater Gödecke positionierte sich klar: „Eigentlich dürfte kein Wolfsexemplar in Gebieten mit tierischen Landschaftspflegern leben.“ Ähnlich Göttke-Krogmann, der keinen effektiven Schutz sah und aus seiner über 20-jährigen Erfahrung in seinem Beruf in der Dümmer-Region in Sachen Naturschutzgebiete tätig war. „Wir riskieren alles, wir haben immer andere Raubtiere zum Schutz der Vogelwelt bejagt. Es ist wie eine verkehrte Welt: Die Beute lebt in Gefängnissen, der Räuber wird geschützt.“ Er appellierte für kontrollierte Entwicklung in weniger dicht besiedelten Gegenden. Und er malte ein gruseliges Bild verbal von „Gefängnislandschaften für Nutztiere“.

Schäfer Jan Teerling aus Sulingen fokussierte die Zucht der Diepholzer Moorschnucke: „1974 war sie mit 250 Tieren am Boden, heute gibt es wieder 5 000 der seltenen Rasse.“ Einig war er sich auch mit Claus Tormöhlen, Jäger und Naturschützer, dass es enorm wichtig sei, die städtische Bevölkerung in der Sorge der Menschen der Region mitzunehmen, beide Seiten zu schildern und dem oft blauäugig verklärten Bild des „süßen Wolfes“ den Glanz zu nehmen. Sachlich und neutral das Thema benennen. Eine weitere Krux formulierte Göttke-Krogmann: „Als das Jagdrecht entstand, war der Wolf nicht hier, sonst wäre er drin, wie der Fuchs.“

Peter Mundin, Hobbyzüchter aus Aschen, hatte schon in Barnstorf vom Besuch des Wolfes in seinem Offenstall berichtet und an Umweltminister Stefan Wenzel und Bundesumweltministerin Barbara Hendricks geschrieben. „Von Wenzel habe ich bis heute keine Antwort. Hendricks ließ antworten.“ Sie bezog sich aber auf die „Richtlinie Wolf“ des Niedersächsischen Ministeriums für Umwelt, Energie und Klimaschutz nach der Hobbyhalter von staatlichen Hilfen für Präventionsmaßnahmen und Kompensationszahlungen für Schäden nicht erfasst seien. In dem Schreiben heißt es aber auch: „Erst wenn ein Wolf wiederholt ordnungsgemäß geschützte Nutztiere reißt, fällt er unter die Kategorie ,auffälliger Wolf‘ und kann gegebenenfalls zum Abschuss freigegeben werden.“ „Ich bin bereit Geld, in die Hand zu nehmen für mein Hobby, habe aber auch vom Wolfsbüro bis heute keine Antwort auf meine Anfrage, wie ich meinen Zaun gestalten muss.“ Abschließender Konsens im Raum war der Vorwurf: Die Landesregierung ist beim Thema Wolf nicht ehrlich zu uns. 

sbb

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