„Wir finden kein Gehör“

Tätowierer Peter Polus kritisiert Schließung von Tattoo-Studios und feilt an Konzept für sein „Buntwerk“

Tätowierer Peter Polus ist wenig begeistert, dass sein Tattoo-Studio Buntwerk in Lemförde trotz hoher Hygienestandards geschlossen bleiben muss.
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Tätowierer Peter Polus ist wenig begeistert, dass sein Tattoo-Studio „Buntwerk“ in Lemförde trotz hoher Hygienestandards geschlossen bleiben muss.

Seit vier Jahren betreibt Peter Polus sein Tattoo-Studio „Buntwerk“ in Lemförde, seit fast vier Monaten ist es aufgrund des Lockdowns geschlossen. Der Tätowierer ist inzwischen richtig verärgert. Er hat den Eindruck, dass die Sorgen seiner Branche kaum Beachtung finden.

  • Peter Polus kritisiert, dass die Politik hohe Hygienestandards in Tattoo-Studio nicht ausreichend würdigt.
  • Lemförder Tätowierer will künftig ausschließlich sterile Einweg-Utensilien nutzen.
  • Peter Polus: Schwarzmarkt floriert im Lockdown und gefährdet Gesundheit.

Lemförde – Die großen Fenster sind mit braunem Packpapier verklebt, die Eingangstür ist verschlossen. Ein weiteres Geschäft, das infolge der Corona-Beschränkungen pleite gegangen ist? Noch nicht. Und Peter Polus ist auch fest davon überzeugt, dass er sein Tattoo-Studio „Buntwerk“ an der Lemförder Hauptstraße durch die Krise bringt. Die aktuelle Zwangsschließung nutzt er für eine kleine Renovierung und die Erarbeitung eines noch konsequenteren Hygienekonzepts für den Zeitpunkt, an dem er sein Studio wieder öffnen darf. Dass das möglicherweise im Verlauf des März der Fall sein könnte, daran mag der 39-Jährige nicht recht glauben.

Peter Polus strahlt Zuversicht und Kampfgeist aus, der Tätowierer ist aber auch verärgert. Mit den zugeklebten Fenstern wollte er ganz bewusst ein Zeichen setzen. Denn während alle Welt über das Schicksal der Frisöre spricht, die nun ab dem 1. März wieder ihre Dienste anbieten dürfen, kommen Tattoo-Studios, Kosmetik- und Massagesalons nach seiner Wahrnehmung in der Diskussion um mögliche Lockerungen so gut wie gar nicht vor. „Ich verstehe nicht, warum Tattoo-Studios nicht beachtet werden“, sagt er und meint damit nicht nur die Öffentlichkeit, sondern insbesondere die Politik.

Hoher Hygienestandard schon vor Corona

„Wir finden kein Gehör. Was uns ärgert ist, dass die Politik nicht auf uns zukommt und sich unsere Hygienekonzepte anschaut“, sagt Polus auch im Namen seiner Berufskollegen. Denn in Tattoo-Studios seien die hohen Hygienestandards, die aktuell überall gefordert seien, schon lange vor der Corona-Pandemie normal gewesen. Dass sie trotz aller Vorkehrungen seit November geschlossen sind und viele Betreiber vor dem Ruin stehen, ist für den Tätowierer nicht nachvollziehbar.

Handschuhe waren bei Tätowierer Peter Polus schon vor Corona Pflicht, inzwischen geht auch nichts mehr ohne Mund-Nasen-Schutz.

„Bei mir wird alles eingepackt“, erklärt er. Liege, Flaschen, Instrumente. Maske und Handschuhe sind ebenfalls Pflicht. Alles werde nach einer Sitzung entsorgt, alle Flächen desinfiziert und der Raum gut gelüftet. Obwohl der Ansturm nach dem ersten Lockdown gewaltig gewesen sei, habe er von Juni bis Oktober nur ein bis zwei Termine pro Tag vergeben, um genügend Zeit für Desinfektion und Lüftung zu haben, erzählt der 39-Jährige. Angesichts dieser Vorkehrungen wäre es aus seiner Sicht vertretbar gewesen, sein Tattoo-Studio offen zu lassen oder zumindest früher wieder zu öffnen. Für viele seiner Kollegen gelte das Gleiche.

Hohe Investitionen vieler Tattoo-Studios waren umsonst

Die Betreiber größerer Studios hätten nach dem ersten Lockdown zum Teil um die 10.000 Euro in ein Hygienekonzept, leistungsstarke Lüftung und Ähnliches investiert, um auf steigende Infektionszahlen im Herbst vorbereitet zu sein – und mussten dann doch wieder schließen. „Meiner Meinung nach ist das unfair“, so Polus.

Seinen bisherigen Hygienestandard hat der 39-Jährige in den vergangenen Wochen bei der Überarbeitung seines Konzepts nach eigener Aussage noch mal angehoben. Denn angesichts der neuen Mutationen geht er nicht davon aus, dass das Virus im Laufe des Jahres verschwinden wird.

Der Tätowierer will künftig ausschließlich auf sterile Einweg-Utensilien setzen, die direkt aus der Verpackung verwendet werden. Nicht einmal ein herkömmliches Küchentuch kommt ihm noch ins Studio. Die Waschbeckenarmaturen und Desinfektionsspender sollen durch sensorgesteuerte Modelle ersetzt werden, um Kontaktflächen soweit wie möglich zu minimieren. „Das ist schon fast OP-Standard.“ So will der Tätowierer sicherstellen, dass sich in seinem Studio niemand infiziert – weder mit dem Corona-Virus noch mit anderen Viren oder Bakterien. „Wenn mein Hygienekonzept steht, werde ich das Gesundheitsamt herbitten“, so Polus.

Staatlichen Hilfen fließen nur langsam

Doch das ist Zukunftsmusik. Aktuell muss er mit der Ungewissheit leben, wann es für sein Studio weitergeht, und ohne ein auskömmliches Einkommen. Die vom Staat versprochenen Hilfen, die laut Bundesregierung schnell und unbürokratisch gewährt werden sollen, kommen bei Polus nur tröpfchenweise an. Die ersten Abschlagszahlungen der Novemberhilfe habe er inzwischen erhalten, die Januar- und Februarhilfen habe er dagegen noch gar nicht beantragen können.

Vom größeren Motiv bis winzig klein erfüllt Tätowierer Peter Polus alle Wünsche seiner Kunden.

Die Hilfen decken laut Polus – wenn sie denn endlich ankommen – zwar die laufenden Kosten seines Studios, aber er müsse ja auch Geld zum Leben haben, gibt er zu bedenken. Während des ersten Lockdowns habe er bereits Schulden gemacht, die er bis zum zweiten Lockdown gerade so wieder habe abbezahlen können, berichtet er. Doch jetzt, im vierten Monat ohne Einnahmen, wird es schwierig.

Als Soloselbstständiger muss sich der Tätowierer zwar nicht um Mitarbeiter sorgen, aber Miete muss auch er zahlen. Sein Vermieter sei zwar kulant, berichtet Polus. Aber irgendwann wolle er sein Geld verständlicherweise haben, schließlich habe er ebenfalls laufende Kosten.

Und die Zahlungen, die gestundet wurden, fallen natürlich nicht weg. Sie müssen spätestens dann abgeleistet werden, wenn das Geschäft wieder läuft – zusätzlich zu den laufenden Kosten und obwohl die Einnahmen nicht steigen werden. „Tätowieren ist eine anstrengende Arbeit. Man muss sich sehr konzentrieren, das geht nicht im Akkord“, erklärt der 39-Jährige. Schon gar nicht, wenn er an seinem Hygienekonzept festhalten will.

Peter Polus: Schwarzmarkt schnellt nach oben

Besonders ärgert Peter Polus seine aktuelle Situation, wenn er in Tattoo-Gruppen auf Facebook vorbeischaut. „Dort werden massenweise neue Tattoos gepostet“, berichtet er. Tätowierer böten bei Facebook oder Ebay-Kleinanzeigen ungeniert ihre Dienste an – sogar mit Klarnamen. Er schätzt, dass der Schwarzmarkt während des Lockdowns um 70 Prozent nach oben geschnellt ist.

Polus rät von solchen Angeboten dringend ab, da die Kunden oft nicht wüssten, welchen Farben verwendet, ob alle Hygienestandards eingehalten würden und wie qualifiziert der Tätowierer sei. „Ich kriege hier manchmal Sachen zu sehen“, sagt er mit Blick auf Kunden, deren verunglückte Tattoos er retten soll. Zum Teil, so Polus, sei das schon Körperverletzung, wenn das Tätowieren Entzündungen und Narben hinterlassen habe.

Peter Polus, der ursprünglich eine Ausbildung in der Industrie absolviert hat, arbeitet seit etwa 20 Jahren als Tätowierer. Damals hatte er sich sein erstes Tattoo stechen lassen und Blut geleckt. In einem Tattoo-Studio, in dem auch ein Kumpel von ihm arbeitete, habe er zunächst als Piercer angefangen und sich später mit einem eigenen Studio selbstständig gemacht. Die ersten Jahre seien hart gewesen, doch im Laufe der Zeit habe er sich einen Kundenstamm und einen guten Namen erarbeitet, erinnert sich Polus. Seit etwa vier Jahren betreibt er sein Studio in Lemförde. „Inzwischen habe ich mich hier etabliert.“ Langfristig würde er sich gerne vergrößern, doch das muss warten, bis die Welt wieder ein bisschen normaler geworden ist.

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