Walter Kammerahl erster „Ranger“ am See / Rund 30 Paare brüten in der Region

„Der mit dem Storch lebt…“

Walter Kammerahl ist der Konrad Lorenz der Störche: Ist Kammerahl heute im hohen Alter unterwegs auf der Wiese mit Lunge vom Schwein, folgen ihm schwarz-weiße „Schatten“. Fotos: Brauns-Bömermann

Hüde - Von Simone Brauns-bömermann. Von Hunteburg bis Diepholz ist derzeit wieder Kinderstube eines echten „Vogelstars“ zu begutachten: Die Population der Weißstörche zählt derzeit in der Region rund 30 brütende Paare.

Störche waren eigentlich Baumbrüter. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nisteten sie überwiegend auf Gebäuden, mittlerweile sind die Störche fast ausnahmslos in Horsten auf Masten zu finden. Aber nicht alle. Bei Walter Kammerahl in Hüde, Am Ochsenmoor 2, „mietete“ sich ein gefiederter Konstrukteur auf einem rund elf Meter hohen abgestorbenen Baum ein. „Das Nest auf der Spitze fiel mehrfach herunter“, erläutert der 87-jährige Kammerahl, der insgesamt vier Nester rund um die Hofstelle zählt.

Er ist Vogelfachmann, denn er blickt auf ein Leben mit den Tieren am See zurück. Kammerahl war Landwirt und Jäger, als Dümmerfischer in die Jagdaufsicht berufen, Natur-, Wild- und Landschaftswart. Er betreute die ersten Landschaftspflegemaßnahmen mit Galloways. Wer ihn kennt, erinnert sich an seine Einsätze in Uniform im Motorboot auf dem Dümmer, im Traktor oder Unimog. „Ich legte Bojen, klärte Touristen auf, beringte Vögel und erklärte Fachleuten des Landesverwaltungsamtes die Maßnahmen zur Pflege von Naturschutzflächen.“ Heute würde seine Funktion als „Ranger“ betitelt.

Freitag nach Himmelfahrt war seine Wiese hinter dem Hof deshalb erste Adresse für Storchenbeauftragten Dr. Volker Blüml, der seit 1995 die hiesigen Storchenbestände für das Land Niedersachsen und den NABU in Kooperation mit den Landkreisen, Naturschutzverbänden und Grundeigentümern „monitort“. Bei Kammerahl beringt er in einem Nest drei Jungstörche, aber auch alle anderen drei Nester sind dieses Jahr besetzt. Sogar eine angebaute Plattform am toten Baum. „Sonst nahmen die Störche sie nur als Ausguck oder Ausruhfläche von der Kinderbetreuung“, sagt Kammerahl. Dann schaut er auf die Uhr und er muss raus zu den Störchen: Er klopft dreimal mit dem Gehstock auf die Terrasse, die Tüte mit kleingeschnittener Lunge vom Schwein in der Hand. Es dauert nicht lange, da stehen die Elternstörche am Futterplatz und warten, kaum 1,5 Meter von ihm entfernt. Ein grandioses Schauspiel.

„Letzte Woche waren die Schafe von Schäfer Seel auf den Weiden, da musste ich die Störche auf der Terrasse füttern“, erläutert er. Es füttert nicht jeder, der einen Horst hat. Bei Kammerahl kam das, weil er einmal nachgewiesen ein niederländisches Weibchen beherbergte, dass Futter von Menschen gewohnt war. „Dabei blieb es dann“, meint der Senior, der Vögel liebt. Derzeit halten viele Radfahrer an seinem Hof an und bestaunen die Tiere. Rund hundert Meter weiter, versuchte ein Storch in einer Pappel zu nisten, wohl um die Baumbrütertradition fortzuführen.

Im alten Ortskern von Hüde im Reusenweg bei Familie Hartmann findet sich ein Nest auf dem Heidefirst des Reetdaches direkt an die gekreuzten hölzernen Niedersachsenrösser. „Der Horst ist ganz neu“, erläutert Blüml auf der Beringungstour weiter. Mit dem geliehenen Hubsteiger von Wilfried Tegeder aus Stemshorn, dessen Sohn selbst zwei Nester zählt, rückt er mit Ring, Schirm, Kamera, Decke und Fernglas den Jungen in den Horsten in Hasslinge auf den Pelz. „Ich kontrolliere nach der Beringung die Nester auf gefährliche Materialien wie Draht oder Bänder und steche Löcher für den Regenwasserabfluss hinein“, erklärt der promovierte Landschaftsentwickler und Biologe. Dann fotografiert er die Jungen für die wissenschaftliche Dokumentation. Am Freitag steht er noch auf der Leiter am Horst an der Naturschutzstation in Hüde und beringt, dann fährt er weiter nach Schwege. Er ist sehr gefragt, er beringt im Osnabrücker Zoo, fährt bis Bad Bentheim zu Störchen und plant schon die nächsten Termine seines Ehrenamtes für nach Pfingsten am Dümmer. „Ich muss das immer in Abhängigkeit zu Alter und Größe der Störche planen“, sagt Blüml.

Die „Belle Etage“ in der Spitze des Baumes bei Kammerahl wird er nicht erreichen, aber mit den neu beringten Störchen kann er sich einen wissenschaftlichen Überblick über die Entwicklung der Population machen. Wenn Blüml mit seiner Routine oben an den Horsten steht, geht es flink. Das Bein des Kükens gepackt und den Ring mit individueller Nummer belegt.

Bei Kammerahl ruft er danach den Hausherrn an, dass er fertig ist, schließt das Tor und weiter geht seine Tour. Sein Standing bei den unterschiedlichen Horst-Eignern ist sehr gut: „Er ist zuverlässig, schnell und meldet sich an“, sagt Landwirt Walter Vogt in Marl/Hasslinge. Er arbeite gern mit Blüml zusammen wegen der außerordentlichen Kompetenz. Da funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Landwirt und Naturschutz gut, man rede miteinander. Bei Vogts am Hof fühlen sich die Störche wohl, sind Teil wie früher der menschlich-tierischen Wohngemeinschaft.

Auch Walter Kammerahl beringte früher viele Vögel am Dümmer: Wenn er Naturschutzbojen ausbrachte, tat er das nebenbei, lieferte die Bestandsaufnahme-Daten an das Niedersächsische Landesverwaltungsamt.

Heute zählt Kammerahl nur noch seine „Störche am Haus“, die anderen Zählungen für die Forschung überlässt er den Mitarbeitern in der Naturschutzstation. Eins ist ihm aber schon wichtig: „Das Ökologen-Ehepaar Walter und Edith von Sanden-Guja haben mich für den Landschaftswartposten schon in den 1970er Jahren vorgeschlagen, weil sie um die negative Veränderung der natürlichen Dynamik durch die Eindeichung des Flachsees wussten.“

Auch wenn Blüml und Kammerahl nicht konform gehen mit dem Thema „Zufüttern“ finden sie einen Konsens, denn Zufüttern ist die Ausnahme. Und wenn die zwei Männer auch aus unterschiedlichen Motiven die Tiere betrachten, das Ziel ist gleich: Die Storchenpopulation ist im Aufwind.

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