Archäotechniker testen Hypothesen

Steinzeithaus am Dümmer-Museum bekommt sein Reetdach

Archäotechniker Dr. Hans Joachim Behnke kommt beim Aufbinden des Reetdaches mächtig ins Schwitzen, hat aber trotzdem Spaß an der Arbeit.
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Archäotechniker Dr. Hans Joachim Behnke kommt beim Aufbinden des Reetdaches mächtig ins Schwitzen, hat aber trotzdem Spaß an der Arbeit.

Beim Nachbau eines Steinzeithauses aus der Siedlung Huntedorf I, der neben dem Dümmer-Museum in Lembruch errichtet wird, testen die Archäotechniker zwei Hypothesen zur Dachkonstruktion.

Lembruch – Dr. Hans Joachim Behnke und Bernard Haarmeyer geraten ganz schön ins Schwitzen beim Festzurren der Reetbündel auf dem Dachgerüst des originalgetreuen Nachbaus eines Steinzeithauses neben dem Dümmer-Museum in Lembruch. Der eine zieht die Bündel von unten mit viel Muskelkraft aufs Gerüst, der andere sichert sie von oben mit Bindeweiden. Das Reet einer etwa zwei Hektar großen Anbaufläche werden sie und der Dritte im Bunde, Archäotechniker Thorsten Helmerking, bis Ende nächster Woche aufbinden.

Das Modell ist eine originalgetreue Nachbildung von Haus Nummer vier aus der nördlich des Dümmers entdeckten steinzeitlichen Siedlung Huntedorf I, das bis nächstes Jahr in mehreren Abschnitten fertiggestellt werden soll. Es handelt sich um einen Firstständerbau, bei dem die Firstpfette (Querbalken) von vier massiven Firstständern getragen wird. Auf diesem Gerüst ruhe das gesamte Gewicht des Hauses, erläutert Helmerking.

Wie die Menschen der Trichterbecherkultur, die vor rund 5300 Jahren am Dümmer lebten, ihre Häuser errichtet haben, lässt sich nicht exakt belegen. Denn die Häuser wurden laut Helmerking komplett aus organischen Materialien gebaut, die die Zeit nicht überdauert haben. Übrig geblieben seien nur die Verfärbungen im Boden, wo einst die Pfähle standen. „Es ist unsere Aufgabe als Archäotechniker zu überlegen, wie sie das gemacht haben.“

Schaubaustelle

Wer mehr über das Steinzeithaus erfahren oder sich einmal selbst an Feuersteinwerkzeugen ausprobieren möchte, hat am Sonntag, 25. Juli, ab 10 Uhr Gelegenheit dazu. Die Archäotechniker sind dann vor Ort, lassen sich bei der Arbeit über die Schulter schauen und beantworten auch gerne alle Fragen rund um ihr Projekt.

Bei der Dachkonstruktion wollen Helmerking und seine Mitstreiter zwei Hypothesen testen, die sie bei früheren Hausprojekten nicht umsetzen konnten. „Hier haben wir die Möglichkeit, das auszuprobieren, weil Sabine Hacke sehr duldsam ist“, lobt Helmerking die Museumsleiterin, die den Nachbau in Auftrag gegeben hat.

Ein Punkt, der den Archäotechnikern Kopfzerbrechen bereitete, sind die Holzverbindungen. Neben Holzzapfen verwenden sie normalerweise Hanfseile. Doch die haben zwei entscheidende Nachteile. Zum einen ziehen sie sich bei Feuchtigkeit zusammen und werden in trockenem Zustand wieder länger. Das heißt, die Verbindungen werden instabil.

Außerdem war es laut Helmerking sehr zeitaufwendig, Hanfseile herzustellen. Pro Verbindung benötige man drei Meter Seil, bei 400 Verbindungen seien das 1200 Meter, rechnet er vor. An die 600 Arbeitstunden hätte ein Steinzeitmensch für deren Herstellung benötigt. „So kann es nicht gewesen sein“, ist Helmerking überzeugt.

Im Dachbereich testen die Archäotechniker die Haltbarkeit von Rohhaut als Holzverbindung.

Bei ihrem Modell nutzen die Archäotechniker als Alternative schmale Rinderhautstreifen. Oberhaut und Haare wurden laut Helmerking mithilfe einer Holzaschenlauge abgelöst. Anschließend wurde die Rohhaut mit einem Feuerstein in schmale Streifen geschnitten. Das bedeutet einen um ein Vielfaches geringeren Zeitaufwand, außerdem zieht sich die Rohhaut anders als Hanf beim Trocknen zusammen und festigt die Holzverbindungen zusätzlich.

Archäotechniker Thorsten Helmerking beim Schneiden der Rohhautstreifen.

Ein weiteres Experiment ist die Verwendung von Haselweiden für den Walm – der gebogene Giebel in Richtung See. Das Dachgerüst soll dort mit Weiden ausgeflochten werden, auf die dann das Reetdach gebunden wird. Die Archäotechniker versprechen sich von dem Geflecht eine deutlich größere Stabilität als von einfachen „Dachlatten“ als Unterbau. Das muss allerdings noch etwas warten, denn die Weiden dürfen erst ab Herbst wieder geschnitten werden.

Ein Zugeständnis an die Moderne ist der auch für Rollstuhlfahrer passierbare Seiteneingang. Das Originalhaus hatte nach Erkenntnissen der Forscher nur einen schmalen Eingang, der zum überdachten Arbeitsbereich führte. Das lasse sich daraus herleiten, dass die Lehmlinse, die den Boden des Originals bildete, in diesem Bereich nach außen ausgetreten war, erläutert Helmerking.

Ein weiteres Experiment: Weidengeflecht als stabiler Unterbau für das Reet.

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