Vortrag in Lemförde

Henriette Kretz überlebte den Holocaust: „Niemand wird als Mörder geboren“

Die Holocaust-Überlebende Henritte Kretz (rechts) erzählte den Schülern der Von-Sanden-Oberschule in Lemförde ihre unglaubliche Geschichte.

Lemförde - Von Simone Brauns-Bömermann. Henriette Kretz hat als Jüdin den Holocaust überlebt. Jetzt stand die 84-Jährige vor Schülern der neunten und zehnten Klassen der Von-Sanden-Oberschule in Lemförde und erstaunte sie auf vielfältige Weise. Der Gast erlebte als Fünfjährige Hitlers Überfall auf Polen, wurde als Neunjährige Zeugin der Erschießung ihrer Eltern und sagt heute: „Niemand wird als Mörder geboren.“

Die Seniorin hat ein Buch geschrieben („Willst Du meine Mutter sein“), ist mit einem Filmteam in ihre ehemalige Heimat Sambor bei Lemberg in der heutigen Ukraine gereist und tourt quer durch Europa, um vor Schülern und Studenten gegen das Vergessen zu sprechen.

Den Gast aus Antwerpen kündigt Schulleiter Marc Grewe so an: „Es geht um Schuld, Erinnerung und Verantwortung. Schuld für das, was Frau Kretz Euch erzählt, tragt Ihr keine. Erinnern müsst Ihr Euch und Verantwortung, dass so etwas nie wieder passiert, habt Ihr.“ Er fragt noch drei Schüler nach ihren Religionen und antwortet: „Es ist mir egal, ob Ihr katholisch, evangelisch oder Muslime seid.“

„Ich bin damit einverstanden, was Euer Direktor sagt, für mich seid Ihr junge Leute, egal ob Deutsche, egal welcher Religion Ihr angehört oder welcher Hautfarbe Ihr seid“, sagt Henriette Kretz zu Beginn ihres knapp dreistündigen Unterrichts. Denn das ist es: Moral, Ethik, Geschichte, Religion und Menschlichkeit.

Waren erschrocken über den Bericht von Henriette Kretz (v.l.): Simon Lohse, Lion Plagge, Louis Busse und Iven Hafer.

„Es gibt sie noch, die drei gefährlichen Worte Hass, Ausgrenzung, Verurteilung“, führt die ehemalige Französischlehrerin, die acht Sprachen spricht. Sie hat das Talent, junge Menschen mitzunehmen: „Ihr kennt doch Mobbing. Ich habe gehört, dass schon Zehnjährige sich umgebracht haben, weil sie von einer Gruppe vorverurteilt wurden.“ Das sei Hass, der sei zerstörend, und ein Mensch, der hasse, sei wie ein Pferd mit Scheuklappen.

„Ich bin Jüdin und kein Opfer.“ Diese Aussage erzeugt das nächste Staunen bei den Schülern. „Opfer sind die Deutschen, die die sechs Millionen Juden töteten. Den Tötenden hat man die Seele genommen.“ Das sagt eine Frau, vor deren Augen die Eltern erschossen wurden, als sie neun Jahre alt war.

Diesen mit Abstand schlimmsten Teil ihres Lebenslaufs erzählt die sonst sachlich mit Fakten agierende Zeitzeugin ruhig, aber gedrückt. „Sie hatten uns gefasst und führten uns ab. Auf dem Weg sagte mein Vater: ,Ich gehe nicht weiter, erschießt mich.‘ Die Soldaten zogen einen Revolver, mein Vater schrie mir zu: ,Lauf oder Du stirbst!‘ Ich begann zu laufen, und dann hörte ich einen Schuss, dann meine Mutter schreien, dann hörte ich einen weiteren Schuss, dann nichts mehr.“ Dann habe sie es gewusst: „Ich bin allein.“ Im Klassenraum ist es still. Das ist nur die eine von den unzähligen Begebenheiten, die sie als Kind erlebte.

Die nächsten Jahre verbrachte Kretz im Waisenhaus. Nonne Zelina nahm sie dort auf. „Ich bin Waise, ich gehöre hierher, sei meine Mutter.“ Die Ordensschwester versteckte elf jüdische und drei Sinti- und Roma-Kinder. Nach Kriegsende führte ein Zufall sie zu ihrem einzig überlebenden Verwandten, Onkel Heinrich, nach Krakau. Er wollte nach Kuba auswandern. „Europa ist ein Friedhof“, meinte er. Beide blieben in Antwerpen.

Henriette Kretz wurde am 26. Oktober 1934 in einer jüdischen Familie in der damals polnischen Stadt Stanislawów geboren. Ihr Vater war Arzt, die Mutter Anwältin. „Ich hatte, bis ich fünf war, eine unbeschwerte Kindheit, ein katholisches Kindermädchen.“ Nach dem Überfall auf Polen 1939 floh die Familie nach Lemberg und Sambor (Ukraine). 1941 holte der Krieg die Familie ein, sie landeten im Ghetto, wurden getrennt, fanden sich wieder, mussten sich immer wieder unter widrigen Umständen verstecken. Im Keller ohne Licht einen Winter lang. „Da wirkte der Dachboden im Frühling wie eine Frühlingswiese.“

Schon vorher war sie allein in einer befreundeten polnischen Familie hinter einem Schrank versteckt gewesen, gefunden und ins Gefängnis geworfen worden. „Eines Tages warfen die Wärter ein Neugeborenes nackt und voller Blut in unsere Zelle. Ich gab meinen Mantel.“ Was aus dem Kind werden würde, wusste sie da noch nicht.

Was Sie verbrochen hatte? „Ich war ein jüdisches Mädchen und sollte ermordet werden.“ Ihre gesamte Familie, bis auf den Onkel, verlor sie in nur fünf Jahren. Henriette läst nichts aus, sie konfrontiert die Schüler mit den schlimmsten Gräueltaten wie das Totspritzen im Hungerbunker mit Phenol, dem Vergasen von behinderten Kindern und dem Gestank durch das Verbrennen von Leichen und den Massenerschießungen. Später, erzählt sie, organisierten die Nazis den Mord durch das Gas, um Kugeln zu sparen und die Moral der Truppe nicht zu gefährden.

Die besondere Begabung der rüstigen Seniorin liegt darin, die zahllosen Erinnerungen in den historischen Kontext zu setzen. Sie erklärt im Nebensatz die über 2000-jährige Geschichte der Juden und, dass jüdisch eine deutsche Sprache sei mit hebräischen Wörtern durchmengt. Sie streift den Nicht-Angriffs-Pakt zwischen Stalin und Hitler, erläutert die Rassentheorie und den Fanatismus eines tausendjährigen Reiches, in dem für Juden und Zigeuner kein Platz vorgesehen war.

Kretz schlägt die Brücke zu den Schülern, spricht auf Arabisch und Russisch zu Gleichsprachigen und erklärt, dass Arabisch und Hebräisch, da beide semitische Sprachen, nah beieinander liegen.

Eigentlich können die Schüler und Lehrer nicht mehr, aber Kretz liefert noch Beweise: eine Liste von der Wannseekonferenz 1942, die wie in einem Haushaltsbuch dokumentiert, wie Hitler plante, Juden systematisch zu ermorden.

„Haben Sie Narben oder Alpträume? Haben Sie selbst Kinder?“, sind die Fragen der Schüler. Kretz hat zwei Söhne in Tel Aviv und Litauen, Enkel und Urenkel, sie lebt in Antwerpen. Warum sie die Vortragsreisen körperlich schafft, beantwortet die betagte Dame so: „Weil es sein muss, die Welt darf nicht vergessen.“ Dann ruft sie ihre E-Mail-Adresse am Smartboard auf und sagt: „Schreibt mir, ich antworte immer.“

Am Schluss lässt sie ein Gedicht mit dem Titel „Geburt“ von Referendarin Robyn Mertin vorlesen. Es ist von dem damaligen Baby im Gefängnis, Georg Bander, und zu Ehren von Kretz.

Für Iven Hafer (15) ist der Vortrag eine Chance, die er sonst nicht erhält, Louis Busse (16) gesteht: „Ich habe angefangen zu weinen bei der Szene mit dem Baby.“ Und Simon Lohse (17) findet, dass man so Geschichte versteht, wenn es auch hart war. Dem stimmt Lion Plagge (16) zu.

Henriette Kretz trinkt ein Glas und fährt zum nächsten Termin der Aufklärung gegen das Vergessen und Verdrängen.

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