Eine eigene Kapelle ist der ganze Stolz der in Lemförde gestrandeten Zirkusfamilie Frankalli

Musik im Blut durch alle Generationen

Harry Frank und seine Söhne Marcello und Gianni (von links) sind stolz auf die lange erfolgreiche Musikgeschichte ihres Zirkus.
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Harry Frank und seine Söhne Marcello und Gianni (von links) sind stolz auf die lange erfolgreiche Musikgeschichte ihres Zirkus.

Lemförde – Zirkusmusik in all ihren Facetten lässt in vielen Menschen Erinnerungen an Kindertage wieder aufleben. An den Einzug der Artisten in die Manege, an heitere Szenen mit den Clowns, an spannende Momente mit atemraubenden artistischen Darbietungen. Auch beim Zirkus Frankalli, der seit Mitte März bedingt durch die Corona-Pandemie mit seinen fünf Ponys und zwei Dromedaren in Lemförde gestrandet und seitdem auf die Unterstützung aus der Bevölkerung angewiesen ist, geht es nicht ohne melodische Klänge. Und mehr noch: Bei diesem Zirkus wird Livemusik groß geschrieben, denn die Familie Frank kann auf eine lange Musikertradition zurückblicken. Die eigene Kapelle – für einen kleinen Zirkus recht selten – ist nicht zu Unrecht der Stolz des kleinen Familienunternehmens.

Zirkusdirektor Harry Frank ist ebenso wie seine beiden Söhne Marcello (20) und Gianni (16) Musiker aus Leidenschaft. Neben der traditionellen Zirkusmusik und klassischen Werken begleiten immer wieder auch Abwandlungen moderner Songs das Programm in der Manege. „Bei uns gibt es nur ganz wenig Musik vom Band, wenn wir alle in der Manege involviert sind“, sagt Harry Frank.

Schon bei seinem Vater und Großvater habe die Musik einen hohen Stellenwert mit hohem Anspruch besessen, erläutert der Zirkusdirektor. „Da kamen sogar ausgebildete Musiklehrer in den Zirkus“, erinnert sich Frank an den großen Zirkus Francello zu DDR-Zeiten. Nicht nur die Leidenschaft für die Musik, sondern auch das Können wurde von Generation zu Generation weiter gegeben. Bedient werden von klassischen Werken über Jazz, Blues bis zu moderner Popmusik alle Stilrichtungen. Was geschulte Musiker sich anhand von Noten erarbeiten, das geschieht in der Familie Frank per Gehör. Ab etwa dem sechsten Lebensjahr wächst der Nachwuchs in die Instrumentenbeherrschung hinein. „Wer mit Musik aufwächst, entwickelt Rhythmus- und Taktgefühl. Jedes Kind kann frei seinen Neigungen ein oder mehrere Instrumente wählen. Denn mit Druck oder Zwang erreicht man keine echte Begeisterung“, sagt Harry Frank. Wenn jemand sich überhaupt nicht für die Musik erwärmen könne, habe er andere Stärken wie beispielsweise Artistik.

Auch die übrigen derzeit durch die Pandemie quer durch Deutschland verstreuten Mitglieder der rund 25-köpfigen Zirkusfamilie haben Musik im Blut. „Ein Cousin von mir hat sogar klassische Musik studiert und spielt jetzt in großen europäischen Orchestern“, berichtete Harry Frank, dessen spanische Mutter ebenfalls dafür sorgt, dass viel musikalisches Leben diesen Zirkus prägt.

„Wir sind sicher in den Tonarten, aber wir haben keine Notensätze. Bei uns erfolgen das Erlernen und das Weiterentwickeln nach ausschließlich Gehör.“ Üben, üben, üben ist auch bei der Musikerkapelle aus der Manege unabdingbar. Das heißt für Vater Harry Trompete, Orgel und Schlagzeug, für Sohn Gianni Schlagzeug, Posaune und Gesang und für Multitalent Marcello Trompete, Saxofon, Schlagzeug, Posaune und Orgelspiel. Aber auch an Gitarre, Mundharmonika und Klarinette ist er fit.

„Musik ist quasi mein Leben“, sagt Marcello. Immer wieder passiere es, dass er einer Eingebung folgend, spontan zum Instrument greife, um ein neues Stück zu komponieren. Denn auch unzählige Eigenkompositionen, die sich im Solo oder bei gemeinschaftlichem Üben ergeben, finden sich natürlich im Zirkusprogramm wieder. „Ich liebe die Musik und möchte nirgendwo anders Musik machen als in der Manege“, ist auch Sohn Gianni nach einem Ausflug in die DSDS- Casting-Welt überzeugt, die Familientradition fortzusetzen. „Das Hineinwachsen und tägliche Üben schafft eine große Harmonie. Jeder von uns weiß per Blickkontakt, wann er welchen Einsatz hat. Auch in der Manege, wenn es gilt, mit Lied- oder Tempi-Wechseln Darbietungen in der Manege zu begleiten. Auch wenn wir ohne Noten spielen, ist es kein Problem für uns, auch mit Musikern zusammenzuspielen, die ihren Notensätzen folgen.“

Gerade in Zeiten wie diesen biete die Musik auch immer wieder Gelegenheit, aus dem Alltag abzutauchen, Sorgen und Nöte für einen Moment in Vergessenheit geraten zu lassen. „Angesichts der derzeitigen finanziellen Situation müssen kleinere Instrument-Reparaturen vorübergehend auf Eis liegen“, bedauert Harry Frank und hofft, das sich vielleicht ein helfender Instrumentenkenner findet.

„Jetzt, wo Zirkusvorstellungen immer noch untersagt sind, freuen wir uns, wenn wir von Privatleuten und Firmen, für Hochzeiten und Geburtstage engagiert werden und so wenigstens geringe Einkünfte für den Lebensunterhalt haben“, sagt Harry Frank. Denn der Zirkus kämpft auch weiterhin ums Überleben.

„Wer uns buchen oder sich einen Eindruck verschaffen möchte, ob wir ein passendes Angebot haben, soll sich einfach mit uns unter Telefon 0176/81012514 in Verbindung setzen.“ Außer der Drei-Mann-Kapelle sind artistische Darbietungen und verschiedene betreute Hüpfburgen buchbar.

Wohin im Winter?

Das bis Ende Oktober verlängerte Veranstaltungsverbot in der Coronakrise, die ersten Absagen von Weihnachtsmärkten und ähnlichen Veranstaltungen lassen auch bei Harry Frank und seiner Familie die Hoffnung schwinden, noch in diesem Jahr wieder vor großem Publikum auftreten zu können. Angesichts der ungewissen Situation suchen er und seine Familie bereits jetzt ein Winterquartier, wo sie, ihre Tiere und der Fuhrpark bis zum Start der Saison 2021 eine Bleibe finden. „Wir suchen jemanden, der ein leeres Grundstück für die Fahrzeuge und eine Halle für unsere Tiere hat,“ hofft Frank auf Unterstützung der Bevölkerung. Der Platz für die Wohnwagen müsste etwa 30 mal 70 Meter umfassen, die Halle für die Tiere und das Training mindestens 10 mal 20 Meter. Zwischen Bohmte und Osnabrück habe er ein brachliegendes, eventuell geeignetes Areal gesehen. „Vielleicht weiß jemand, an wen man sich da wenden muss. Wir möchten ein solches Quartier natürlich nicht umsonst haben.“

Von Anja Schubert

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