Ungewisse Zukunft

Stemshorner Schäfer Michael Seel hat genug von Hängepartie

Der Schäferhof in Stemshorn.
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Der Schäferhof Stemshorn wurde 1953 als Deichschäferei in Betrieb genommen. 1999 wurde die Deichschäferei wieder aufgegeben. Seither wird von dort aus Landschaftspflege im Naturschutzgebiet Ochsenmoor betrieben.

Stemshorn – Schäfermeister Michael Seel hängt in der Luft – und das schon seit Monaten. Wie es mit seiner Schäferei, die er seit zehn Jahren auf dem Schäferhof Stemshorn betreibt, nach dem Jahresende weitergeht, weiß er noch immer nicht.

Denn die Finanzierung der Landschaftspflege im Naturschutzgebiet Ochsenmoor, die er für das Land Niedersachsen durchführt und die seine Haupteinnahmequelle ist, ist momentan nicht gesichert. Das ist nicht nur in finanzieller Hinsicht ein Problem, es bedeutet auch eine hohe psychische Belastung für den Schäfer und seine Familie.

Die fraglichen Flächen gehören zum Teil dem Land Niedersachsen, zum Teil dem Landkreis Diepholz. Die Schafbeweidung ist Teil eines Pflegekonzepts für die dortigen Grünlandflächen. Für die Unterhaltung zuständig ist das Land.

Aktuell finanziert der NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) die Landschaftspflege im Rahmen einer Förderrichtlinie. Vertragspartner sind der NLWKN und der Verein „Naturraum Dümmerniederung“, der den Schäferhof seit 2000 vom Hunte-Wasserverband gegen Erstattung der Betriebskosten pachtet und die Mittel für die Landschaftspflege wiederum an Seel auszahlt. Der Vertrag läuft aber zum Jahresende aus und einen neuen Vertrag gibt es (noch) nicht. Diesen Umstand hatte Michael Seel schon im Sommer beklagt. Der Geschäftsführer des Vereins, Marcel Holy, hatte seinerzeit gegenüber unserer Zeitung erklärt, man sei mit dem NLWKN in Gesprächen. Ein Vertrag gibt es aber nicht. Seel kann nicht nachvollziehen, dass sich der Verein nicht frühzeitig um eine Weiterfinanzierung bemüht hat, und fühlt sich hingehalten.

Der Schäfer ist auf diese Mittel angewiesen, denn wie der Landkreis Diepholz auf Anfrage zur Zukunft des Schäferhofs bestätigt, ist ein wirtschaftlicher Schäfereibetrieb aufgrund der geringen Erträge von Moorschnucken und fehlender Agrarförderung (Flächenprämien) im Ochsenmoor nicht möglich.

Der Verein „Naturraum Dümmerniederung“ befindet sich ebenfalls in einer schwierigen Situation. Denn er ist für die Unterhaltung der Gebäude auf dem Schäferhof verantwortlich – angesichts des Sanierungsbedarfs eine kostspielige Angelegenheit. Der Verein finanziert sich im Wesentlichen durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Aufgrund einer „mittlerweile massiven Unterfinanzierung“ erwäge der Verein die Aufgabe seines Engagements, erklärt der Landkreis. Zudem seien die förderrechtlichen Anforderungen für die Landschaftspflegebeweidung im Ehrenamt kaum mehr zu erfüllen.

Wie Marcel Holy, Geschäftsführer von „Naturraum Dümmerniederung“, auf Nachfrage erklärt, beantragt der Verein, anders als zwischenzeitlich geplant, nun doch eine Verlängerung der Förderung der Landschaftspflege um ein Jahr. Die in der Naturschutzstation in Hüde ansässige Natur- und Umweltschutzvereinigung Dümmer werde dieses Jahr nutzen, um ein Zukunftskonzept für die Landschaftspflegebeweidung und die Nutzung des Schäferhofs zu erarbeiten.

Der Eigentümer des Schäferhofes, der Hunte-Wasserverband, hat nach seiner Satzung ausschließlich die Aufgabe des Hochwasserschutzes und darf seine Mittel nicht für die Landschaftspflege einsetzen. Er sei darum grundsätzlich bereit, den Schäferhof an einen anderen Träger abzugeben, erklärt der Landkreis.

Neben seiner Rolle in der Landschaftspflege ist der Schäferhof auch ein Ort, an dem Naturbildung vermittelt wird, und ein willkommener Stopp für Touristen und Einheimische, die sich auf ihrer Tour durch die wunderschöne Naturlandschaft im Hofcafé stärken können. Allerdings bewertet der Landkreis die touristische Bedeutung als ausbaufähig. Das Kommunikationsforum Alter Schafstall kann seit Ende 2018 zwar auch für gewerbliche Veranstaltungen genutzt werden, die die Einnahmesituation verbessern könnten. Allerdings sei keine stärkere Nutzung zu verzeichnen.

Michael Seel ist das alles ein zu unsicheres Fundament für seinen Betrieb. Eine weitere Zusammenarbeit mit dem Verein „Naturraum Dümmerniederung“ und eine künftige mit der NUVD kommen für den Schäfermeister nach eigener Aussage nicht mehr infrage. Er hat zwei mögliche Alternativen ins Auge gefasst, die aber beide keine einfache Lösung bieten. Er könnte einen Hof ganz in der Nähe übernehmen. Die hohe Investition mache aber nur Sinn, wenn er eine langfristige Zusage für die Zahlung von Landschaftspflegegeld erhalte und damit eine Perspektive habe. Mit kurzfristigen Verträgen tut er sich schwer. „Ich mache diesen Stress jetzt seit zehn Jahren mit. Ich habe keine Kraft mehr“, sagt er.

Die zweite Option wäre, künftig als angestellter Schäfer in der Lüneburger Heide zu arbeiten. Er habe ein Angebot, am 1. Januar anzufangen, berichtet der Schäfermeister. Allerdings müsste er dringend zusagen. Das Problem: Seine Moorschnucken und sein Equipment könnte er nicht mitnehmen.

Momentan suche er einen Käufer für die rund 700 Schafe. „Aber es ist nicht leicht, jemanden zu finden“, sagt Michael Seel. Die Alternative Schlachthof ist für den Schäfer keine echte Alternative. Zum einen hängt er an seiner Herde, die er und seine Familie mit viel Liebe gemeinsam aufgebaut haben. Darum ist es ihm nach eigener Aussage wichtig, sie in gute Hände zu geben. Zum anderen würde er bei einer Schlachtung nicht annähernd den Preis bekommen, den seine Tiere wert seien, so Seel.

Auch für die Region wäre es ein großer Verlust, denn der Schäfermeister besitzt die größte reinrassige Herde der vom Aussterben bedrohten Diepholzer Moorschnucke in ganz Niedersachsen.

Landschaftspflege mit Schafen: Wichtig, aber für die Betriebe nicht auskömmlich

Den Erhalt der Diepholzer Moorschnucke und die stärkere Vermarktung als regionale Spezialität sowie der Erhalt der Schäfereien und der damit verbundenen Pflegeleistungen sind auch Ziele, die der Landschaftspflegeverband Diepholzer Moorniederung (LPV) verfolgt, in dem neben einigen Kommunen auch der Landkreis Diepholz Mitglied ist. Der LPV versucht unter anderem, mit einer Beweidungskarte weitere Flächen zu identifizieren, die zur potenziellen Beweidung geeignet wären und den Schäfern zusätzliche Einnahmen bescheren könnten. „Allerdings war es nicht möglich, Flächen in der Dümmerniederung rund um die Hofstelle in das Kataster aufzunehmen, da die Besitz- und Pachtverhältnisse sehr verstrickt sind“, erklärt LPV-Geschäftsführerin Sabrina Schilling zum Fall von Schäfer Michael Seel.

Der LPV war laut Schilling auch an einem runden Tisch zum Thema Landschaftspflege beteiligt. „Leider konnten hier keine verbindlichen Zusagen gemacht werden. Ergebnis des runden Tisches war, dass der NLWKN prüft, ob noch Flächen aktiviert werden können.“

Eine mögliche Alternative zur Schafbeweidung wäre maschinelles Mulchen. „Auf lange Sicht wird man dadurch aber eine Nährstoffanreicherung auf der Fläche haben, wodurch es schließlich zur Verschiebung des Artenspektrums kommen kann. Gerade diese Nährstoffanreicherung ist auf den Naturschutzflächen nicht gewünscht“, erläutert Schilling. Außerdem beweideten Schafe die Fläche nicht gleichmäßig. „Diese Heterogenität ist im Sinne der Biodiversität wichtig und bietet beispielsweise Insekten, aber auch Bodenbrütern Rückzugmöglichkeiten. Der positive Effekt von Schafbeweidung auf den Arten- und Biotopschutz und auch auf den Boden ist vielfach in verschiedensten Studien belegt worden.“

Laut Schilling besteht landesweit das Problem, dass Beweidung für die Betriebe nicht auskömmlich ist. Gerade in Niedersachsen sei die Regelung zu Landschaftspflegezahlungen nicht einfach. „Die Fälle sind sehr individuell und die Landschaftspfleger brauchen eine gute Zusammenarbeit mit den Naturschutzbehörden, damit sie für ihren Landschaftspflegebetrieb die von der EU eingerichteten Fördergelder genauso wie konventionelle Betriebe abrufen sowie die finanziellen Defizite durch ihre naturschutzorientierte Bewirtschaftungsweise mit weiteren Umweltmaßnahmen-Fördergeldern abpuffern können.“

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