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Wie ein Hauptgewinn

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Von: Simone Brauns-Bömermann

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Einst kam sie selbst aus der Ukraine nach Deutschland, jetzt hilft Viktoria Köhler geflüchteten Kindern bei deren Neustart in Lemförde.
Einst kam sie selbst aus der Ukraine nach Deutschland, jetzt hilft Viktoria Köhler geflüchteten Kindern bei deren Neustart in Lemförde. © Brauns-Bömermann

Viktoria Köhler betreut und unterrichtet an der Grundschule Lemförde ukrainische Kinder

Lemförde – Die derzeit neun ukrainischen Grundschüler in Lemförde haben großes Glück: Sie haben Viktoria Köhler – und jeden Tag zwei Schulstunden Deutsch. Das lenkt von den Gedanken und bösen Träumen ab, die die Flucht aus der Ukraine Tag und Nacht malt.

Vladislav (10 Jahre) und Danil (6) sind erst seit ein paar Tagen in der Lemförder Grundschule. Vladislav ist mit seiner Mutter erst spät aus dem Großraum Kiew geflohen, Danil kam aus der Region Kherson an den Stemweder Berg. An einem Mittwochvormittag treffen die zwei Jungs in der Mensa auf die anderen Grundschüler und ihre Lehrerin Viktoria Köhler. Als gebürtige Ukrainerin ist sie für die Grundschule, die Samtgemeinde Lemförde und die Schüler derzeit wie ein Hauptgewinn. Denn sie ist Ansprechpartnerin, Vermittlerin, Übersetzerin und auch Trösterin für viele ihrer Landsleute, die in Lemförde und Umgebung ein Zuhause auf Zeit suchen. Und schon gefunden haben.

Dass Viktoria Köhler an der Grundschule Lemförde tätig ist, hat dabei nicht mal etwas mit der Fluchtwelle, die der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgelöst hat, zu tun. Seit vielen Jahren lebt sie schon im Nachbarort Quernheim, ist dort verheiratet, hat eine eigene Familie. Und seit fünf Jahren arbeitet sie bereits als pädagogische Mitarbeiterin an der Grundschule. Sie hat einst Deutsch als Fremdsprache studiert, weil sie aus dem Osten der Ukraine stammt, spricht sie neben ukrainisch auch russisch.

Am Vormittag übersetzt Viktoria Köhler die Fragen an die Kinder und fragt vorher noch das Erlernte ab: „Wie heißt du, wie alt bist du, wo kommst du her, wo wohnst du?“. Nazar (10) antwortet in schon fast akzentfreiem Deutsch.

Die meisten der Kinder sind mit ihren Müttern oder Großeltern geflohen, die Väter mussten im Land bleiben „Wir telefonieren aber jeden Tag“, sprudelt es aus ihnen heraus. Die Fragen an die Kinder richten sich nach ihrem Gesichtsausdruck, sind vorsichtig gewählt. „Sind die Schüler hier nett zu euch, heißen sie euch willkommen?“ Ein einheitliches „Ja“ ist die Antwort, man spiele sehr gerne zusammen, das gehe auch ohne viel Deutsch. Yehor (10) und seine Schwester Katja konnten sogar ihren Hund (übersetzt: Sobaka) mitnehmen. Eine Gruppe der Kinder wurde an der Grenze vom Ehepaar Anna und Robin Pötter aus Lemförde abgeholt und durfte in den ersten Tagen im Jugendgästehaus „Surf & Chord“ der alten Dorfschule der Pötters in Hüde bleiben. Inzwischen seien alle Mütter mit Kindern in Individualwohnungen in der Samtgemeinde untergekommen.

Die Flucht beschreiben die Kinder fast alle gleich: „Meine Mutter hat mich geweckt und gesagt, dass wir losmüssten, der Krieg ist da.“ Nazar erinnert sich genau: „Ich wurde am 24. Februar um vier Uhr nachts wach, da wurde Kiew bombardiert.“ Seine Familie floh erst in ein Ferienhaus, wartete zehn Tage ab, floh dann ganz aus dem Land, denn die Lage wurde schlimmer, statt besser. Sein Vater arbeitet bei der Bahn, derzeit hilft er Flüchtlingen durch die Fluchtkorridore. Danils Vater ist beim Militär, Elenonoras Vater versucht zu fliehen, denn er will zu seiner Familie mit den vier Kindern.

Wenn die Kinder auf ihre eigene Fluchtgeschichte angesprochen werden, sprudelt es nur so aus ihnen heraus. Eleonora erzählt von der Zugfahrt raus aus der Ukraine. „Der Zug war so voll, dass wir kaum atmen konnten. Er stand lange, es war stockdunkel und wir hatten keine Taschenlampen.“ Eine andere Geschichte eines Jungen: „Meine Tante und Onkel waren erst in einem Versteck. Als sie flohen, hatten sie Angst, in den Rücken geschossen zu werden.“ Als eine Rakete Richtung Zug flog, habe seine Tante nur noch gebetet. Jetzt sei sie in Berlin.

Die neun Kinder an der Grundschule in Lemförde gehören zu denen, die Glück gehabt haben, die dem Krieg entkommen konnten. Sie können sich einen Rest ihrer Kindheit bewahren. Was sie gerne machen würden in der Freizeit nach der Schule? Natürlich das, was alle in ihrem Alter wollen: Schwimmen, Fußballspielen, Fahrradfahren. Fern sehen sie dagegen kaum, sagen sie. Die gezeigten Bilder sind zu nah an dem Erlebten. Karina malt gern, und eines wünschen sich alle: „Der Krieg soll aufhören.“

Für die Schüler besteht teils die Möglichkeit, an dem ukrainischen Schulunterricht teilzunehmen, denn auch das geht. Viktoria Köhler: „Manche Lehrer unterrichten ihre Schüler online – und zwar von dort, wo sie selber gerade in Sicherheit sind. Als die sieben anwesenden Schüler ihre Namen an die Tafel schreiben, herrschen zwei Farben vor: Blau und Gelb, die Farben ihres Heimatlandes, in das sie gerne zurückkehren wollen. In Lemförde hat der russische Krieg in der Ukraine diese Namen: Eleonora, Xenia, Karina, Nazar, Yehor, Danil, Vladislav, Denis und Katja.

Vor wenigen Wochen sind auch Viktoria Köhlers Eltern aus der Ukraine in Quernheim angekommen. Mit dabei: die eigenen Katzen. „Sie waren mehrere Tage mit dem Auto unterwegs. Sie kippten alle aus dem Auto, als sie endlich da waren“, sagt Viktoria Köhler.  sbb

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