Leben im Werk – Reflexion als Lehrstück

Hugo Hartwig Cronjaeger: Architektur, Kunst und Denkmalschutz für den Landkreis

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Nicht jeder bekommt zum 88. Geburtstag und zu Ehren des Lebenswerks ein eigenes Buch. Professor Hugo Hartwig Cronjaeger aus Brockum wurde dies im Juni zuteil. Ein Exemplar befindet sich auch in der Kestnergesellschaft in Hannover. Sie zählt zu den größten deutschen Kunstvereinen.

Brockum - Von Simone Brauns-Bömermann. Während manche Gelehrte während ihres Lebens und oft als Fazit ihres Schaffens Lehr- oder Kursbücher verfassen, reflektiert der Wahl-Brockumer und Architekt Hugo Hartwig Cronjaeger sein Leben auf 30 x 30 und 202 Seiten voller Kreativität, Kunst und Philosophie. Vielleicht wissen es einige Brockumer noch nicht, aber unter ihnen weilt ein Genius. Zuweilen eventuell schwierig zu verstehen, aber doch handfest und eins vor allem: visionär.

Über Professor Hugo Hartwig Cronjaeger ist zu seinem 88. Lebensjahr eine Werkschau in seinem bevorzugten Maß 30 x 30 Zentimeter entstanden. Ein Werk mit Stationen seines Lebens in Bild, Sprache und der Außensicht auf den Baumeister, Architekten und Lehrer.

Eines der 88 Exemplare starken Auflage, die im Privatdruck von Drake Media (Bad Oeynhausen) entstanden ist, liegt dem Landkreis Diepholz vor. „Das war mir sehr wichtig, denn ich habe auch und sehr gerne im Landkreis Diepholz gewirkt“, sagt Cronjaeger. Erster Kreisrat Wolfram van Lessen ist begeistert von dem Werk und schreibt an Cronjaeger: „Das Buch zeigt in beeindruckender Weise Ihr umfangreiches Wirken als Architekt, Baumeister und Hochschullehrer. Auch in unserem Landkreis Diepholz hat Ihr Wirken sichtbare Spuren hinterlassen, sei es durch den Erhalt Ihres inzwischen unter Denkmalsschutz gestellten Wohnhauses in Brockum, sei es durch die Bewahrung des Amtshofes in Lemförde vor dem möglichen Abriss.“ Er wolle das Werk seinen mit Architektur und Denkmalschutz befassten Mitarbeitern an die Hand geben und in der Bibliothek der Nachwelt erhalten.

Nachwelt ist das Stichwort, denn wenn es nach der Maßregel und den Zahlen sieben und zwölf ginge, nach denen der Architekt bewusst lebt, wäre er mit 84 Jahren bereits tot (sieben Lebensstationen je zwölf Jahre macht 84). Aber so sollte es nicht sein, denn das Buch war noch nicht erstellt. Der Meister der Materialien und Dimensionen benennt die Zahlen so: „die guten Zahlen: die sieben und die zwölf. schönheit, ordnung, hilfe, sie waren mit mir“ und unterschreibt mit „hacron“, einer seiner Kunstnamen. Denn noch eins ist der Mann: Leidenschaftlicher Form-, Wort- und Sachenmacher, er liebt und lebt in Wort-, Form- und Sprachspielen.

Das Kuriose ist, dass er sich eigentlich jeder gängigen Ordnung entzieht, aber nach einem strengen Ordnungsprinzip lebt, baut und kreiert. Wer das in hochwertigem Karton gebundene Buch öffnet, dem schaut der Architekt nicht direkt entgegen, sondern in die Ferne, ins Buch, weist mit dem Blick einen Weg. Aber nicht lächelnd, sondern kritisch, ein wenig melancholisch und nachsinnend. Sein Konterfei strahlt Stärke, Kraft und Vision aus, das Leben hat sich in sein Gesicht geschrieben.

Mit viel Unterstützung von Weggefährten wie Bauherrn, die zu Freunden wurden (Reinhard und Gerda Drake), Kollege Professor Gerd Fleischmann und sein ehemaliger Student Frank Niedertubbesing gelingt das Buch zum Geburtstag am 1. Juni. Fleischmann verfasst den Prolog zum Buch. Er beschreibt „hacrons“ Lebenswerk als „Dualität des Gewachsenen und Gefundenen und gezielten Eingriffs der Konstruktion“. Er sieht radikal gekürzt Cronjaeger in drei großen Projekten: Prothese, Aida und Amtshof.

Prothese steht für ein kühnes Städtebauprojekt in Bielefeld Anfang der 1970er-Jahre. Aida steht für seine Lehrtätigkeit im „Atelier unterm Dach“ als Dozent für Grundlagen des Entwerfens an der Fachhochschule Bielefeld in Minden, und der Amtshof steht stellvertretend für all die geretteten Denkmäler. Egal ob modern in Kalksandstein oder Fachwerk, Cronjaegers Konstruktionen dominieren das Quadrat.

Schon 1990 anlässlich der Ausstellung „Die Faszination des Gewöhnlichen“ in der städtischen Galerie in Bad Oeynhausen schreibt Fleischmann: „Was macht das Werk von Hugo Hartwig Cronjaeger aus? Drei Worte mögen den Blick auf die Werke eröffnen: 1. Er liebt die Sprache, nicht die Theorie, 2. er spricht nicht von Praxis, sondern legt Hand an, 3. sein Ernst ist Spiel, das Spiel mit Material, Form, Farbe, Licht und Klang: Die Baustelle.“

Was den Architekten aber auch auszeichnet, neben dem Bauen (für ihn elementare Lust), sind die Metamorphosen aus Fundstücken wie Treibgut, Baumaterialien, Relikten zu Mitbewohnern, Untermietern und Quartiersuchenden. Freunde nennen ihn „Crownhunter“, er nennt seine Kunst aus den Fundstücken „Cronjuwelen“.

Seine Biografie schreibt der Künstler gerne regelmäßig neu. 2014 hieß sie „Die Abendnotiz“: „Vor 84 Jahren haben die ehrenwerten Eheleute, der spätere Bergwerksdirektor Hugo Cronjaeger und sein Weib, ,Die Edle genannt‘, die Ilse Edle von Graeve, ihren Hugo Hartwig in die weite Welt entlassen – auf einen recht komplexen Pfad/Weg. Der hatte seine Endstation dann – Noblenz/Koblenz im Hause Brockum No. 55 von 1811/12 in der Samtgemeinde Lemförde zur Zufriedenheit aller, gewiss aber nicht aller.“

Aus der Zwischenwelt (für Cronjaeger zwischen 85 und 88 Jahren) schreibt er: „Was nun? 85 ist 17 x 5, ist blöd, hat mich immer geärgert, die Medien lieben die glatten Fünfer. Dagegen die 88, stehend oder liegend, welche Schönheit.“ Und „8 x 12 = 96“ sei ihm doch noch zu weit entfernt.

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