Nachhaltigkeit und tiergerechten Haltung

Landwirt Sebastian Lüsse plant in Brockum einen Schlachtbetrieb

Auf dem Hof von Sebastian Lüsse in Brockum können sich die Rinder in ihren Ställen frei bewegen.
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Auf dem Hof von Sebastian Lüsse in Brockum können sich die Rinder in ihren Ställen frei bewegen.

Der Brockumer Junglandwirt Sebastian Lüsse treibt sein Konzept einer regionalen Produktion und Vermarktung von Rind- und Schweinefleisch weiter voran. Er plant einen Schlachtbetrieb auf seinem Hof, möchte künftig das für seine Tiere benötigte Futter komplett selbst anbauen und hat eine weitere Kooperation mit dem regionalen Lebensmitteleinzelhanden geschlossen.

Brockum – Dutzende Bullen gemeinsam in einem Freilaufstall? Viele Berufskollegen hätten ihm von dieser Haltung abgeraten, berichtet Sebastian Lüsse. Das gebe Probleme, meinten sie. Doch der Brockumer Junglandwirt hielt an seinem Ziel fest, seinen Betrieb auf Nachhaltigkeit und eine tiergerechte Haltung umzustellen. Von dem gemeinsam mit seiner Frau Lisa Maria eingeschlagenen Weg ist er nach wie vor überzeugt, der nächste Schritt ist mit einem eigenen Schlacht- und Zerlegungsbetrieb bereits geplant und mit der Bünting Vertriebslinie Combi ein weiterer Vertriebspartner für das eigene Label „leckernatur“ gefunden.

400 Rinder und etwa 2500 Schweine

Mehr als 400 Simmentaler Rinder und etwa 2500 Schweine der Duroc-Kreuzung tummeln sich derzeit in den weitläufigen Ställen mit Außengehege des Hofes an der Fladderstraße im Norden Brockums. Die Schweineställe entsprächen den Anforderungen der höchsten Haltungsform vier, betont Lüsse. Das bedeutet unter anderem, dass die Tiere deutlich mehr Platz als bei konventioneller Haltung haben, sich frei bewegen können und gentechnikfreies Futter aus der Region bekommen. Die Rinderställe entsprechen der Haltungsstufe drei.

Die mächtigen Simmentaler liegen gemütlich aneinander gekuschelt im Außengehege und lassen sich beim Wiederkäuen nicht stören. Dass die Tiere so entspannt sind, liegt laut Sebastian Lüsse auch am Futter. Das bestehe zu 40 Prozent aus Grassillage und ermögliche es den Rindern, anders als bei einer ausschließlich eiweißbasierten Fütterung, wiederzukäuen, so wie es ihrer Natur entspricht. „Die Tiere sind dadurch wesentlich ausgeglichener“, ist Lüsse überzeugt.

Die Ferkel tummeln sich im frischen Stroh.

Etwas lebhafter geht es ein paar Meter weiter bei den Ferkeln zu. Die jungen Schweine der Duroc-Kreuzung springen munter durchs frisch gelegte Stroh ihres Außengeheges. Nebenan, bei den ausgewachsenen Artgenossen, herrscht ebenfalls reger Betrieb. In den Ställen ist dagegen wenig los. „Die Schweine lieben es, bei Wind und Wetter draußen zu sein“, erzählt Lüsse.

Sebastian und Lisa Maria Lüsse hatten den Hof im Jahr 2000 gekauft und zunächst konventionell betrieben. „Damals waren wir einer der größten Betriebe der Region, acht Jahre später waren wir nur noch einer der kleineren“, beschreibt Sebastian Lüsse die rasante Entwicklung zu immer größeren landwirtschaftlichen Betrieben, die er und seine Frau ganz bewusst nicht mitmachen wollten. Im Laufe der Jahre hätten sie die konventionelle Tierhaltung immer stärker hinterfragt und sich 2016 schließlich entschieden, einen anderen, nachhaltigeren Weg einzuschlagen, berichtet Lüsse.

Lüsse: Junge Verbraucher interessieren sich für nachhaltigen Genuss

Den Pessimismus vieler Kollegen, dass Verbraucher nicht bereit sind, mehr Geld für Fleisch auszugeben, teilt der Junglandwirt nicht. „Es wird gekauft“, ist seine Erfahrung. Allerdings müsse das Fleisch bei höherem Preis eben auch eine höhere Qualität und einen besseren Geschmack haben. Dann sei sogar eine Umsatzsteigerung möglich. „Derzeit erleben wir vor allem, dass sich 18- bis 24-jährige Verbraucher für nachhaltigen Genuss interessieren“, ergänzt Lisa Maria Lüsse.

Frische Luft und ein Plätzchen im Stroh finden die Rinder in ihren Außengehegen.

Ein Problem sei aber, dass es noch zu wenige Verkaufsstellen für nachhaltig produzierte Lebensmittel gebe. Darum beliefert das Ehepaar nicht nur Gastronomen, Kantinen und Hofläden in der Region, sondern arbeitet auch mit dem Lebensmitteleinzelhandel zusammen. Bislang gab es eine Kooperation mit Edeka und Rewe, vor kurzem sind auch alle Combi-Märkte hinzugekommen.

Schlachtbetrieb für Tiere aus der Region

Mit dem eigenen Schlachtbetrieb soll das Konzept einer regionalen Produktion und Vermarktung konsequent fortgesetzt werden. Der Betrieb soll bis Ende nächsten Jahres fertiggestellt sein und spätestens im Frühjahr 2022 starten. Dort würden dann nicht nur die eigenen Tiere geschlachtet und verarbeitet, sondern auch die von anderen Höfen der Region, die die gleichen Haltungsstandards erfüllen, so Lüsse. Länger als zwei Stunden sollten die Tiere nicht transportiert werden, grenzt der Brockumer den Radius ein. Ihr Fleisch wird ebenfalls über den eigenen Betrieb „leckernatur“ vermarktet.

Teil des Schlachthauses wird laut Lüsse auch ein Strohstall sein, in dem die Tiere in gewohnter Umgebung auf ihren letzten Gang warten. „Sie sollen möglichst wenig Stress haben“, erklärt der Junglandwirt. Wenn man Lebewesen schon töte, um sie zu essen, müsse man sie wenigstens würdigen, lautet seine Maxime.

Beim Futter möchte das Ehepaar ebenfalls autarker werden. Ein Großteil – Getreide und Gras – wird bereits selbst angebaut. Die Eiweißkomponenten beziehe er derzeit noch von Produzenten aus der Region, erklärt Lüsse. Ziel sei aber, das Futter komplett selbst zu produzieren.

Gemeinderat Brockum befasst sich mit Schlachbetrieb-Plänen

Bevor der Schlachtbetrieb der Familie Lüsse errichtet werden kann, müssen der Brockumer Rat und der Samtgemeinderat die planungsrechtlichen Rahmenbedinungen schaffen. Der Gemeinderat wird sich am kommenden Mittwoch mit dem Thema befassen. Laut der Sitzungsvorlage sollen in dem Schlachthaus kurzfristig 20 bis 25 Arbeitsplätze und mittelfristig 50 Arbeitsplätze geschaffen werden. In einem ersten Schritt ist geplant, 700 bis 800 Schweine und 6 bis 8 Bullen pro Woche zu schlachten. Ziel sei die Schlachtung von 1000 Schweinen und 20 Bullen pro Woche. Die Tiere stammen aus fünf Betrieben, von denen die Familie Lüsse drei selbst unterhält. Darüber hinaus ist laut Vorlage angedacht, die Diepholzer Moorschnucke durch Lüsses Betrieb „leckernatur“ zu schlachten und zu vermarkten. Gespräche diesbezüglich laufen demnach bereits mit dem Landkreis Diepholz.

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