Viel medialer Trubel in Quernheim

„Lichtburg“: Kleines Kino ganz groß

Karl-Heinz Meier zeigt eine Festplatte, auf der Filme geliefert werden, bevor sie auf der Leinwand hinter dem Vorhang laufen. - Foto: ks

Quernheim - Von Katharina Schmidt. An der Kasse von 1952 vorbei geht es durch einen Schankraum, der seit 60 Jahren bewusst nicht verändert wurde, in einen Kinosaal. Französische Sessel reihen sich dort vor einem goldenen Vorhang aneinander. Nostalgie pur – so lässt sich die „Lichtburg“ in Quernheim, Deutschlands kleinstem Kinoort, beschreiben. So beschaulich das 400-Seelen-Dorf im Süden des Landkreises Diepholz sein mag, sein Kino ist vielen Menschen ein Begriff. Inhaber Karl-Heinz Meier blickt auf ein „enorm starkes mediales Jahr“ zurück.

„In der Kinolandschaft, die überwiegend von Multiplexen geprägt ist, haben wir uns als Unikum herauskristallisiert“, erzählt Meier im Gespräch mit unserer Zeitung. Interviews mit Medienvertretern sind für ihn nichts Neues mehr. 29 Fernsehsender hätten mittlerweile über die „Lichtburg“ berichtet, hinzu kämen etliche Artikel in Zeitungen und Zeitschriften.

Ein Grund für den Medienrummel: Die „Lichtburg“ und mehr als 600 weitere Provinzkinos hatten Disney-Produktionen im Jahr 2015 nicht in ihr Programm aufgenommen. Der US-Konzern hatte mehr als 50 Prozent der Ticketpreise gefordert – mehr denn je. Über die Entscheidung vieler Lichtspielhäuser wurde laut Meier sogar in Hollywood berichtet. Das sei „wie eine Ohrfeige“ gewesen.

Und heute? „Das Verhältnis hat sich nicht viel geändert“, erzählt der Kinobetreiber, der auch Sprecher für Provinzkinos im Hauptverband deutscher Lichtspieltheater ist. Aktuell kämen in der „Lichtburg“ nicht alle Disney-Produktionen zur Aufführung, die großen Blockbuster wolle man den Kunden aber nicht vorenthalten.

In den Anfängen des Kinos hätte wohl niemand gedacht, dass die „Lichtburg“ einmal so im Fokus der Medien stehen wird. Ende der Nachkriegszeit kam einmal pro Woche ein Wanderspieler, um im 1930 errichteten Tanzsaal im Hause Meier-Kleybrink einen Film vorzuführen. In Quernheim waren laut Meier stets mehr Besucher als in den Nachbarorten, weil man beim Verlassen des Saals durch die Kneipe gegangen sei. Dort habe Gastwirt Fritz Meier, sein Vater, auf dem Akkordeon gespielt. 1552 wurde der Tanzsaal zum Kino umgebaut. „Für diesen Ort eine schwierige, aber weise Entscheidung, denn die Kombination Gaststätte und Kinobetrieb hat die späteren Nachbarkinos in Lemförde, Dielingen und Oppendorf überlebt“, so Meier.

Vor vier Jahren hat das digitale Zeitalter Einzug gehalten

Im Jahr 1998 folgte ein zweiter Kinosaal. Dieser war dank seines Sternenhimmels aus 300 Lichtelementen bereits Schauplatz einiger Heiratsanträge. Romantisch geht es auch in der „Kussecke“ zu, einer Sitzecke im Eingangsbereich des Kinos mit Bildern der schönsten Filmküsse.

Vor vier Jahren hat das digitale Zeitalter Einzug gehalten. Die Filme werden nun auf Festplatten geliefert, die deutlich leichter sind als 30-Kilo-Rollen. Das Knattern alter Filme können Liebhaber noch beim Open-Air-Kino im Sommer auf einer ehemaligen Schafsweide genießen. Vor jeder Vorführung zeigt Meier dann eine Vorschau aus vergangenen Tagen.

Der Zukunft blickt der Gastwirt optimistisch entgegen – keine Spur von Angst vor der Konkurrenz durch Internet-Streamingdienste. „Vor allem die Menschen im Alter 50 aufwärts strömen wieder ins Kino“, hat er beobachtet. „Kino ist einfach Ausgehen.“ Es ermögliche, zwei Stunden vom Alltag abzuschalten.

Meier ist 66 Jahre alt. Ans Aufhören denkt er nicht. Er habe mit seiner Frau Irmtraud, mit der er seit 45 Jahren verheiratet ist, ein „wunderbares Leben, erfüllt von Arbeit und Zufriedenheit“.

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