Lemförder Samtgemeindearchiv seit einem Jahr im Rathauskeller untergebracht

Kleine Schätze aus dem 16. Jahrhundert

Mehrere hundert Meter an Dokumenten lagern im Lemförder Samtgemeindearchiv. Wie viele genau, kann nicht einmal Archivar Ludger von Husen sagen. Fotos: Russ

Lemförde - VON MELANIE RUSS. Abenteuerlich ist ein Begriff, den man nicht unbedingt mit einem Archiv assoziiert. Doch genauso beschreibt Ludger von Husen die Anfänge des Archivs der Samtgemeinde „Altes Amt Lemförde“, das er selbst in den vergangenen 35 Jahren maßgeblich mitgestaltet hat und das vor ziemlich genau einem Jahr im Keller des Rathauses ein neues Zuhause hat.

Ludger von Husen kam Anfang der 80er-Jahre als Junglehrer nach Lemförde. „Irgendwann wollte ich mit einem Kurs etwas über regionale Geschichte machen, aber es gab keine Unterlagen“, erinnert er sich. So traf er sich Ende 1983 mit dem damaligen Samtgemeindedirektor Herbert Petering. Als er dessen Büro drei Stunden später wieder verlassen habe, sei er designierter ehrenamtlicher Samtgemeindearchivar gewesen, so von Husen. Zunächst war er Einzelkämpfer, inzwischen erhält er Unterstützung von dem ebenfalls ehrenamtlich tätigen Dieter Heinrich.

Sein erstes Domizil fand er in der ehemaligen Lehrerwohnung im Obergeschoss der Grund- und Hauptschule Lemförde. Dort hatte er ein Büro und einen kleinen Archivraum mit drei Regalen, berichtet von Husen. Anfangs reichte das aus, denn die Reste der Archivalien befanden sich - soweit überhaupt noch vorhanden - bei den Bürgermeistern der Mitgliedsgemeinden, die Akten der Samtgemeindeverwaltung bewahrten die Fachdienstleiter in ihren Büros auf. So war es Ludger von Husens erste Aufgabe, alle Unterlagen an einem Ort zusammenzuführen.

Die Aktenaufbewahrung der Mitgliedsgemeinde habe sich in einem desolaten Zustand befunden, erinnert sich von Husen. „Die Gemeinden Hüde, Marl und Brockum hatten ihre Altregistraturen vernichtet.“ Sie hätten keine Unterlagen aus der NS-Zeit behalten wollen, so von Husen. Restbestände aus Lembruch und Stemshorn lagerten im Keller der Samtgemeindeverwaltung und auf dem Dachboden des Feuerwehrgerätehauses in Lemförde. Die Registratur der Gemeinde Quernheim befand sich im Wohnhaus eines ehemaligen Bürgermeisters. „Der ließ da aber keinen ran“, erinnert sich von Husen. Irgendwann bekam er sie dann aber doch.

Die Altregistratur des Lemförder Magistrats lagerte nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1971 im Gefangenenhaus auf dem Amtshof und ist aufgrund unsachgemäßer Lagerung und Vernichtung nur noch in Teilen vorhanden. So berichtet von Husen davon, dass Obdachlose, die dort die Nächte verbrachten, schon mal Unterlagen benutzt hätten, um den Kamin anzufeuern. Inzwischen sind die Registraturen gesäubert, gesichtet, verzeichnet und lagern unter klimatisierten Bedingungen im neuen Archivraum.

Nachdem der Umfang der Unterlagen stetig gewachsen war, wurde das Archiv zwischenzeitlich in das ehemalige NIKE-Gebäude an der Bahnhofstraße umgelagert, in dem sich heute der Jugendtreff befindet. Der jüngste Umzug hat dem Archiv nicht nur mehr Platz und einen modernen Magazinraum beschert. Durch die räumliche Nähe ist auch der Kontakt zwischen Archivar und Verwaltung enger geworden, was von Husen und Samtgemeindebürgermeister Rüdiger Scheibe sehr begrüßen. Außerdem nutzte der Archivar den Umzug für einen „Frühjahrsputz“. „Wir haben uns schweren Herzens von vielem getrennt.“

Das Archivgut besteht heute aus Akten der Verwaltung vom 16. Jahrhundert bis zur kommunalen Neugliederung 1971. Am weitesten zurück bis ins Jahr 1554 gehen die Unterlagen des Fleckens Lemförde. „Der Flecken war relativ autark, deshalb gibt es hier besonders viele Unterlagen“, so von Husen. In den anderen Mitgliedsgemeinden beginnen die Aufzeichnungen im frühen 18. Jahrhundert oder später.

Hinzu kommen die Akten der Samtgemeindeverwaltung, ein Fotoarchiv mit mehr als 10 000 Abbildungen, Sammlungen von Zeugnissen der kommunalen Geschichte und private Nachlässe. „Heute wird kaum noch etwas weggeworfen“, freut sich Ludger von Husen. Immer mehr Einwohner bringen ihm alte Schriftstücke oder Fotos, die sie beim Aufräumen oder in Nachlässen finden, und der Archivar kann sich heraussuchen, was erhaltenswert ist.

Die Archivalien umfassen Schriftstücke unterschiedlichster Herkunft, Karten, Fotos, Filme, Ton- und Datenträger, Zeitungen, Plakate und Prospekte. Sie stehen für die wissenschaftliche Forschung zur Verfügung, können aber auch von jedem Interessierten eingesehen werden. Das Archiv ist montags und donnerstags von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Weitere Termine sind nach Absprache mit Ludger von Husen möglich.

Hobbyarchivar gesucht

Im Samtgemeindearchiv lagern Unmengen an Fotos, die katalogisiert und digitalisiert werden müssen, Unterlagen aus privaten Nachlässen, die gesichtet und bewertet werden müssen, und Zeitungen, die hinsichtlich der Berichterstattung über die Samtgemeinde ausgewertet werden müssen. Gemeindearchivar Ludger von Husen sucht darum Interessierte, die ihn ehrenamtlich bei seiner Aufgabe unterstützen. Neben einem Interesse an regionaler Geschichte sollten sie möglichst auch EDV-Kenntnisse mitbringen. Letzteres ist aber nicht zwingend. Zu den Aufgaben gehören Aufbau und Verwaltung des Foto- und Pressearchivs sowie die Pflege einer Homepage. Außerdem ist eine Mitarbeit bei regionalgeschichtlichen Veröffentlichungen möglich, von denen das Archiv schon einige herausgebracht hat. „Wer kultur-historisch interessiert ist, findet hier einen fruchtbaren Boden“, ermutigt Samtgemeindebürgermeister Rüdiger Scheibe zu einer Mitarbeit. Interessierte können sich an Ludger von Husen, Telefon 05443/20961, wenden.

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