Unabhängige Teilhabeberatung unterstützt seit fast einem Jahr in Lemförde

Hilfebedürftige sind kein Bittsteller

Katrin Kurtz ist eine der Beraterinnen der EUTB im Landkreis Diepholz. Foto: Russ

Lemförde - Von Melanie Russ. Ein Schlaganfall, ein Unfall – und plötzlich ist alles anders. Eine geistige oder körperliche Behinderung kann von einem Tag auf den anderen ein Leben völlig auf den Kopf stellen. Oder sie schleicht sich – beispielsweise aufgrund einer Krankheit – langsam in den Alltag ein. Wer in so einer Situation Unterstützung beantragen möchte, der steht vor vielen Fragen. Welche Hilfe kann ich wo bekommen? Welche Rechte habe ich? Wie kann ich sie durchsetzen? Wer unsicher ist, der kann sich an die ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) wenden.

„Zur Behörde gehen, Anträge stellen und mit Dienstleistern verhandeln, das ist nicht ganz einfach“, weiß Katrin Kurtz. Sie ist eine der Beraterinnen der EUTB im Landkreis Diepholz und wartet am Dienstag in einem Büro im Lemförder Rathaus auf Hilfesuchende. Insgesamt hat die EUTB im Landkreis elf Beratungsstellen, seit knapp einem Jahr ist sie zweimal im Monat in der Samtgemeinde am Dümmer zu Gast.

Zwar nutzen bereits einige Betroffene das Angebot. „Aber meines Erachtens noch zu wenige“, sagt Kurtz. An diesem Dienstag beispielsweise kommt niemand. Allerdings ist Lemförde auch die jüngste der Beratungsstellen. In anderen Kommunen werde das Angebot inzwischen gut angenommen.

Ganz wichtig ist der Beraterin: „Die Menschen kommen nicht als Bittsteller. Das ist noch in vielen Köpfen drin.“ Aber sie hätten ein gesetzliches Recht darauf, dass ihnen Nachteile aufgrund einer Behinderung ausgeglichen würden, betont Kurtz. Sie nähmen nur in Anspruch, was ihnen zustehe. Die Beratung der EUTB ist kostenlos und immer vertraulich. „Wir unterliegen der Schweigepflicht“, betont Kurtz.

„Den meisten, die zu uns kommen, ist etwas passiert, mit dem sie nicht gerechnet haben.“ Die Berater der EUTB helfen dann beispielsweise dabei, einen Behindertenausweis oder Hilfsmittel zu beantragen und bei Betreuungseinrichtungen und ähnlichen Dienstleistern die Leistungen zu erhalten, die im Einzelfall benötigt werden. Kurtz betont immer wieder, das beeinträchtigte Menschen und deren Angehörige heute in einem gewissen Rahmen selbst entscheiden können, welche Unterstützung sie benötigen, statt das zu nehmen, was angeboten wird. „Das passiert noch viel zu wenig“, findet Kurtz. Sie und ihre Kollegen legen den Betroffenen in diesem Zusammenhang oft das sogenannte „persönliche Budget“ ans Herz. „Wunder können wir nicht machen. Aber wir bringen die Menschen auf den Weg“, so Kurtz.

Neben der ganz praktischen Unterstützung beim Stellen von Anträgen und Ähnlichem versuchen die Ehrenamtlichen, auch emotionalen Halt zu geben. „Wenn jemand durch einen Schlaganfall aus seinem bisherigen Leben gerissen wird, dann muss man das erstmal verdauen“, weiß Katrin Kurtz. Das gelte sowohl für die unmittelbar Betroffenen als auch für die Angehörigen. „Wir helfen dabei, den Kopf wieder hochzukriegen, und versuchen, Mut zu machen.“ Mut, mit der Behinderung umzugehen, aber auch Mut, bei Behörden und Dienstleistern dafür zu kämpfen, dass sie das bekommen, was ihnen zusteht.

Die Beraterin kann sich gut in die Situation der Hilfesuchenden hineinversetzen, denn sie ist selbst Mutter einer beeinträchtigten Tochter und weiß aus eigener Erfahrung, mit welchen Hürden und Herausforderungen Betroffene zu kämpfen haben. Wie Kurtz sind die meisten Berater auch in irgendeiner Form selbst betroffen.

Ziel der Beratung ist immer, den Menschen dabei zu helfen, ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen. Kurtz: „Unser Wunsch ist, dass wenn sie hier rausgehen, sie ihren Weg weitergehen können.“

Beratung in Lemförde

2. und 4. Dienstag im Monat

14 bis 17 Uhr

Rathaus Lemförde Ansprechpartnerin: Bernhild Lodny, Tel. 0173/5153786

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