100 Jahre Frauenwahlrecht

Imke Tuma-Koch (CDU): „Politik ist eine Aufgabe für alle“

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Imke Tuma-Koch ist seit 2011 für die CDU in der Lemförder Kommunalpolitik aktiv.

Lemförde/Wagenfeld - Von Melanie Russ. Die Wahl zur Weimarer Nationalversammlung am 19. Januar 1919 war ein Meilenstein der deutschen Geschichte. Weil sie der Ausgangspunkt für die erste Demokratie auf deutschem Boden war, aber auch, weil Frauen erstmals wählen durften und wählbar waren.

100 Jahre später ist das Frauenwahlrecht eine Selbstverständlichkeit, dennoch sind Frauen in den meisten politischen Gremien in der Minderheit. Welche Gründe es dafür geben könnte und warum sich nicht nur mehr Frauen, sondern auch mehr junge Menschen in der Politik engagieren sollten, darüber spricht die CDU-Frau Imke Tuma-Koch im Interview.

Seit wann sind Sie in der Kommunalpolitik aktiv?

2011 wurde ich in den Gemeinderat Lemförde und in den Samtgemeinderat gewählt. Zu dem Zeitpunkt war ich 21 Jahre alt. Nach fünf Jahren in beiden Räten habe ich mich bei der Wahl 2016 dafür entschieden, nur noch für den Gemeinderat anzutreten. Dort bin ich als Fraktionsvorsitzende der Wählergemeinschaft tätig.

Seit wann interessieren Sie sich für Politik?

Politik ist eine Aufgabe für alle. Hierbei mitzuhelfen, ist etwas Sinnvolles. Dieses Verständnis wurde mir eigentlich in der Schule so vermittelt. Deshalb habe ich auch später nach dem Abi angefangen, selbst aktiv zu werden. Kommunalpolitik ist dafür naheliegend und hat den Vorteil, dass es um Themen geht, die sich vor Ort auswirken und sichtbar werden. Als ich 2011 nach der Kommunalwahl plötzlich in zwei Räten ein Mandat hatte, wurde mein vorher eher vages Interesse an Lokalpolitik zu einem Hobby. Das heißt aber nicht, dass ich auf jeder privaten Feier über Politik diskutieren muss.

Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?

Allein unter Männern fühlte sich Helga Gratz 1972 im Wagenfelder Rat trotzdem akzeptiert und ernst genommen.

Wichtig sind mir - und das gilt für jedes kommunale Thema - Nachhaltigkeit und Ausgewogenheit der Entscheidungen und ein partnerschaftlicher Umgang mit den Bürgern. Und es sollten keine Entscheidungen auf Kosten der nächsten Generation getroffen werden. Ich finde es wichtig, dass wir sorgsam mit öffentlichem Geld und anderen Gütern haushalten.

In den Räten sind Frauen noch immer in der Minderheit. Woran liegt das nach Ihrer Einschätzung?

Mag sein, dass in einigen Schichten der Politik „Männerfreundschaften“ eine wichtige Rolle spielen. Ich habe allerdings bei meiner kommunalpolitischen Tätigkeit nicht die Erfahrung gemacht, dass Frauen weniger Gehör finden oder für Ämter seltener vorgeschlagen werden. Da glaube ich tatsächlich, dass insgesamt - das betrifft natürlich nicht alle - das Interesse an Politik bei Frauen etwas weniger ausgeprägt ist als bei Männern.

Mussten Sie in ihrer Partei um Anerkennung „kämpfen“ oder wurden sie sofort in die kommunalpolitische Arbeit eingebunden?

Ich habe es auf jeden Fall so empfunden, dass ich mit offenen Armen empfangen wurde. Als der damalige Lemförder Bürgermeister Wilhlem Rümke merkte, dass ich Interesse an der Kommunalpolitik habe, hat er mich sofort eingebunden und mich auch ermutigt, bei der Kommunalwahl zu kandidieren. Er war ganz begeistert, als ich gleich in beide Räte gewählt wurde und hat mich weiter gefördert und mir Aufgaben übertragen. Das hat mich motiviert und gefreut. Das gleiche gilt auch für die Fraktionen oder den Ortsverband der CDU. Auch dort hatte ich nicht das Gefühl, „kämpfen“ zu müssen.

Nicht nur Frauen sind in den meisten Räten in der Minderheit, sondern auch junge Menschen. Warum ist es so schwierig, sie für Ratsarbeit zu begeistern?

Wenn man vor einer Kommunalwahl nach Kandidaten sucht, stellt man fest: Es ist nicht so leicht, Menschen zu finden, die dazu bereit sind. Das gilt nicht nur, aber auch für jüngere Leute. Sie stecken oft mitten in der Ausbildung oder im Berufsstart oder wollen ihre Zeit lieber mit anderen Sachen verbringen. Da ein Ehrenamt Zeit kostet, kann ich die Einwände auch verstehen. Ich habe mich 2016 zum Beispiel auch aus Zeitgründen entschieden, nur noch für den Gemeinderat anzutreten.

Warum sollten sich mehr junge Menschen in der Lokalpolitik engagieren?

Ich freue mich über jeden, der sich aktiv am Ortsleben beteiligt - das können junge Leute genauso wie ältere sein. Denn es wirkt sich nach meiner Einschätzung positiv in unserer Ratsarbeit aus, wenn wir eine gute Mischung von Menschen verschiedenen Alters haben. In unserer Fraktion ist das insgesamt recht gut gelungen. Mit 29 Jahren bin ich allerdings die Jüngste. Ich kann es jungen Leuten empfehlen, sich in der Lokalpolitik einzubringen. Sie sehen die Welt aus einem anderen Blickwinkel, und das tut den Diskussionen in den Räten gut. 

Aber sie selbst profitieren auch davon. Ich habe durch die Zeit im Gemeinderat einiges dazu gelernt. Man bekommt einen recht intensiven Einblick in die Dinge, die in einer Gemeinde täglich ablaufen und organisiert und finanziert werden müssen, wie Kinderbetreuung, Straßenunterhaltung oder Baulandentwicklung. Außerdem ist es spannend zu beobachten, wie manche Diskussionen sich entwickeln, wie Entscheidungen plötzlich zustande kommen und wie diese dann wiederum von Bürgern gewertet werden. Und es macht Spaß, sich mit anderen auszutauschen, sich eine Meinung zu bilden und diese auch mal verteidigen zu müssen oder sich überzeugen zu lassen.

Planen Sie, langfristig in der Lokalpolitik aktiv zu bleiben?

Das kann ich mir gut vorstellen.

Helga Gratz war erste Frau im Wagenfelder Rat

Als Helga Gratz 1928 geboren wurde, war das Recht der Frauen in Deutschland zu wählen und gewählt zu werden, gerade zehn Jahre alt. 44 Jahre später zog sie für die FDP als erste Frau in den Wagenfelder Rat ein. Eine Wahlperiode lang – bis 1976 – gestaltete sie die Entwicklung der Gemeinde mit. An ihre Zeit in der damals von Männern dominierten Kommunalpolitik hat sie nur gute Erinnerungen. 

Helga Gratz ist auch mit 90 Jahren noch an Politik interessiert.

„Erstmal haben sie geguckt und gedacht: ,Mein Gott, eine Frau'. Aber die Männer haben sich schnell daran gewöhnt, dass eine Frau im Rat sitzt“, blickt die heute 90-Jährige zurück. Sie habe sich von Anfang an ernstgenommen gefühlt. „Meine Meinung wurde immer akzeptiert.“ Für ein Mandat beworben hatte sich Helga Gratz, die damals als Krankenschwester arbeitete und sich für die Belange der Frauen einsetzte, nachdem mehrere Frauen sie dazu ermutigt hatten. 

„Geh in den Gemeinderat. Da kannst du mehr für uns tun“, hätten sie gesagt. Sie sei damals nicht nur in Wagenfeld, sondern im gesamten Landkreis Grafschaft Diepholz die einzige Frau in einem Gemeinderat gewesen, sagt sie. Warum es ihr so wenige Frauen gleichtaten, sei schwer zu sagen. „Viele hatten wohl kein Interesse an der Politik. Und man musste ja auch ein bisschen Bildung haben.“ 

Auch für Helga Gratz war die Ratszeit nach vier Jahren wieder vorbei. Weil ihr zweites Kind geboren wurde und sie weiterhin als Krankenschwester arbeitete, fehlte die Zeit für ein weiteres kommunalpolitisches Engagement. Das Interesse an der Politik hat sie aber bis heute nicht verloren. Die 90-jährige verfolgt noch immer genau, was in der Gemeinde Wagenfeld und auf der großen politischen Bühne passiert. 

Die „Tagesschau“ um 20 Uhr ist für sie ein Pflichttermin. „Die schaue ich auf jeden Fall jeden Abend“, betont sie. Das Gebaren der Politiker sieht sie durchaus kritisch. „Ich kann gar nicht verstehen, dass SPD und CDU in Berlin so miteinander umgehen.“ Über die Geschehnisse in Wagenfeld ist sie dank ihrer Stunden in der Tagespflege immer bestens informiert. Die Entwicklung ihrer Gemeinde bewertet Helga Gratz sehr positiv. „Wagenfeld entwickelt sich gut. Es wird schon fast zu einer Kleinstadt.“

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