Sensationeller Fund bei Stemshorn

Archäologen bergen älteste Brunnen Niedersachsens

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Einer der beiden Flechtwerkbrunnen wird gut verpackt aus dem Boden gehoben.

Stemshorn - Von Julia Kreykenbohm. Es ist ein echter Sensationsfund für den Landkreis Diepholz. Im Boden von Stemshorn (Lemförde) an der Straße Schulheide, hatte das Team der Grabungsfirma Arcontor mit Grabungsleiterin Maria Kluge und um den wissenschaftlich verantwortlichen Archäologen des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, Dr. Andreas Selent, fünf Brunnen freigelegt.

Ein weiteres Gebilde ist noch nicht als Brunnen verifiziert. Vor einigen Wochen schickte Selent Proben von den Brunnen nach Amerika und Polen, wo Experten ihre Entstehungszeit herausfinden sollten. Für ihn begann eine spannende Wartezeit, denn der Archäologe hatte bereits einen Verdacht, der sich gestern bestätigte: In Stemshorn wurden die ältesten Brunnen Niedersachsens entdeckt.

Doch der Reihe nach: Über eine Strecke von rund 25 Kilometern haben Archäologen zurzeit die Möglichkeit, dem Boden ein paar Schätze und Geheimnisse der Vergangenheit abzuringen. Anlass ist die Nord-West-Anbindungsleitung (Nowal) für Ferngas, die dort gebaut wird. Dabei sind schon einige spannende Funde ans Tageslicht gekommen wie mesolithische (mittelsteinzeitliche) Feuerstellen mit einem Alter von über 8000 Jahren, ein Steinbeil aus der Jungsteinzeit, eine Silbermünze aus dem 30-jährigen Krieg und Überreste einer Siedlung, die während der römischen Kaiserzeit entstand. Zusätzlich gibt ein bisher nicht deutbares neuzeitliches Grabensystem bei Hemsloh Rätsel auf. Aber auch ein neuzeitlicher Ziegelsteinbrunnen konnte dokumentiert werden.

Die Ausgrabungsstelle aus der Vogelperspektive.

Im Bereich der Straße Schulheide in Stemshorn fanden Selent und sein Team verschiedene Exponate wie Mahl- und Feuersteine, zwei Steilbeilfragmente sowie Keramikscherben mit Furchenstichverzierung. „Das sind alles Funde, die aus der Steinzeit stammen und auf eine Siedlung hindeuten“, erläutert Selent. Er und seine Mitarbeiter gruben tiefer und stießen in etwa eineinhalb Metern Tiefe auf die fünf beziehungsweise sechs Brunnen.

Drei Flechtwerkbrunnen und zwei Baumstammbrunnen

Bei dreien handelt es sich um Flechtwerkbrunnen, sie sind also aus einem Kranz von Ästen und Hölzern gefertigt. „Bei einem der Flechtwerkbrunnen wurde ein kleiner Kasten mit angebaut“, sagt Selent. Das sei wohl die eigentliche Schöpfstelle gewesen. „Es ist ein ungewöhnlicher Fund, sowas habe ich zuvor noch nicht gesehen. Die Hölzer des Kastens wurden sorgfältig angespitzt und bearbeitet.“ Die übrigen sind Baumstammbrunnen, das heißt, die damaligen Bewohner der Siedlung haben Baumstämme ausgehöhlt, zum Teil zur besseren Haltbarmachung mit Feuer ausgebrannt, und senkrecht in den Boden getrieben.

Die Experten untersuchen einen der Baumstammbrunnen.

Nachdem die Brunnen freilegt worden waren, kam die Frage auf: Was nun? Von den Baumstammbrunnen wurden Proben entnommen. Zwei gingen für eine Schnelldatierung nach Amerika. „Bei diesen Brunnen hatten wir schnell den Verdacht, das sie aus der Jungsteinzeit sein könnten, was sie zu den ältesten Brunnen Niedersachsens machen würde.“ Die ältesten Brunnen, die bisher in Deutschland gefunden wurden, sind über 7000 Jahre alt und stammen aus Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die übrigen Baumstammproben sandte der Fachmann nach Polen, ebenso wie eine Probe von einem der Flechtwerkbrunnen. Bis auf die zwei übrigen Flechtwerkbrunnen wurden alle Exponate danach wieder mit Erde bedeckt.

Die beiden Brunnen hingegen gingen auf Reisen. Sie wurden ausgegraben, in Kisten verpackt und vorerst nach Lohne (Kreis Vechta) in das Industriemuseum transportiert. „Sie sollen konserviert werden“, erklärt Selent. Das könne Jahre dauern, weil die Hölzer speziell behandelt werden müssen. Sie werden gefriergetrocknet und danach in ein Bad gelegt, das ihnen Wasser entzieht. Dies wird durch ein Kunstharz ersetzt. So sollen künftige Generationen die Brunnen noch bestaunen können. Wo die Exponate am Ende landen, ist noch nicht geklärt. „Aber das Kreismuseum in Syke hat bereits Interesse angemeldet“, sagt Selent.

Lang erwartete Gewissheit am Montag

Danach hieß es warten. Am Montag trafen dann die Ergebnisse ein. „Die zwei ältesten Brunnen – wobei wir bei dem einen noch nicht ganz sicher sind, ob es ein Brunnen ist – entfallen auf die Trichterbecherkultur zwischen 2900 bis 3200 vor Christus. Das ist die Zeit der Großsteingräber“, berichtet Selent. „Die beiden geborgenen Flechtwerkbrunnen sind spätneolithisch und gehören zu den sogenannten Becherkulturen (etwa 2500 vor Christus).

Der jüngste Brunnen stamme aus der älteren Bronzezeit (um 1400 vor Christus). „Das ist der Brunnen mit Flechtwerk und dem kleinen Holzkasten. Dort wußten wir vorab schon anhand der Stratigrafie (Schichtenkunde), dass es sich um den jüngsten Brunnen handeln muss“, sagt Selent und resümiert: „Insgesamt also sehr spannende, tolle Ergebnisse von landesgeschichtlicher Bedeutung.“

Bislang stammte der älteste Brunnenfund im Bundesland, der Selent bekannt ist, aus der jüngeren Bronzezeit aus dem Kreis Harburg (etwa 850 vor Christus). „Damit gehört das gesamte Brunnenensemble in Stemshorn zu den bisher ältesten bekannten Niedersachsens.“

Wie geht es jetzt weiter? Selent blickt auf das Feld, das sich hinter der Ausgrabungsfläche erstreckt. „Da wir Brunnen und Fundstücke aus der Jungsteinzeit gefunden haben, die auf eine Siedlung hindeuten, fehlt uns jetzt noch die Siedlung dazu. Es könnte sein, dass sich die Überreste dort drüben irgendwo befinden.“

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