Von Äxten der Steinzeit und römischen Siedlungen

Bau der Erdgasleitung fördert Geheimnisse ans Tageslicht

Eine Münze aus dem Jahr 1641.

Stemshorn - Von Julia Kreykenbohm. Im Hintergrund rauschen die Züge der Deutschen Bahn vorbei. Der noch kühle Wind weht über die rund 175 Quadratmeter große Fläche in Stemshorn (bei Lemförde) am Köperweg, auf der die obere Erdschicht abgetragen worden ist. Dort soll die Nord-West-Anbindungsleitung (Nowal) für Ferngas verlegt werden. Doch bevor es um Energie für die Zukunft geht, richtet sich der Blick erst mal in die Vergangenheit.

Ein Mitarbeiter des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege Hannover streicht behutsam mit einem Pinsel über den Rand eines Steinbrunnens, der aus der Erde ragt. Er ist der bisher größte Hinweis auf das Adelsgut, das einst an dieser Stelle gestanden hat: das Gut Teddendiek.

Das Adelsgut könnte älter sein als bisher vermutet

„Wir gehen bislang davon aus, dass Mitte des 16. Jahrhunderts bis Ende des 18. Jahrhunderts hier ein großes Gut seinen Sitz hatte, erbaut von einer Adelsfamilie“, erläutert Projektkoordinator Dr. Andreas Selent vom Landesamt für Denkmalpflege Hannover. Doch schon zwei, drei Generationen später kam das Gut in andere Hände, bis es im 18. Jahrhundert endgültig aufgegeben wurde. Warum wissen die Experten noch nicht, doch Krieg und Krankheit schließen sie im Grunde aus. „Wir vermuten, dass es wirtschaftliche Gründe hatte“, so Selent.

Neben dem Brunnen hat das Archäologen-Team Knochen von Schafen, Ziegen und Schweinen sowie Keramikscherben gefunden, die auf den Alltag des Gutes verweisen. Außerdem hat es Metallstücke im Erdreich entdeckt, bei denen es sich um Warenplomben handeln könnte. Diese muss man sich als eine Art Siegel vorstellen, das zeigt, dass die Ware geprüft worden und von entsprechender Qualität war. „Durch sie kann man nachvollziehen, woher das Gut Waren bezog“, sagt Selent. Eine neue Erkenntnis haben die Untersuchungen der Ausgrabungsstelle bereits gebracht: Das Gut Teddendiek könnte noch älter sein, als bisher angenommen.

Selent: In der Region „steckt noch viel im Boden“

Doch die Ausgrabungsstelle in Stemshorn ist nicht die einzige im Landkreis Diepholz, wo zurzeit Archäologen versuchen, der Erde ein paar Geheimnisse zu entlocken. An fünf verschiedenen Bereichen auf der Strecke, wo die Trasse der Nowal-Pipeline verlaufen soll, arbeiten die Historiker – und das mit Erfolg: „48 neue Fundstellen aus unterschiedlichen Epochen, von der Altsteinzeit bis zur Neuzeit, haben wir gefunden“, freut sich Selent. Für den Projektkoordinator keine große Überraschung denn „Diepholz war durch die Jahrtausende immer dicht besiedelt. Da steckt noch viel im Boden.“

Und was der schon preisgegeben hat, zeigt Selent voller Stolz: Ein Steinbeil aus der Steinzeit, so glatt geschliffen, dass der Finger noch heute problemlos darübergleiten kann, eine Silbermünze aus dem Jahr 1641 – also noch mitten in den Wirren des 30-jährigen Krieges – geprägt unter der Herrschaft August des Zweiten, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel und Fürst von Braunschweig-Lüneburg, der als einer der gelehrtesten Fürsten seiner Zeit galt, und ein Teil einer Steinaxt aus der Jungsteinzeit, die aus so weichen Material besteht, dass Selent glaubt, sie sei weder im Krieg, noch im Alltag zum Einsatz gekommen. „Vermutlich diente sie mehr zur Repräsentation.“ In Rehden ist das Team auf eine Siedlung gestoßen, die während der römischen Kaiserzeit entstanden ist.

Archäologen begleiten den gesamten Trassenbau

Die Archäologen werden den Bau der gut 26 Kilometer langen Trasse, die vom Fernleitungsnetzbetreiber Gascade gebaut und betrieben, und die von Rehden bis nach Drohne in Nordrhein-Westfalen verläuft, weiterhin begleiten, um sicher zu gehen, dass nicht unabsichtlich Spuren der Vergangenheit für immer zerstört werden. Alle Funde werden aufgenommen und genau dokumentiert, die Ausgrabungsstellen gezeichnet und abfotographiert, bevor die Geschichte wieder der Zukunft Platz machen muss.

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