Begleitung sterbender Menschen ist für Hannelore Köhler eine sehr bereichernde Aufgabe

„Eigentlich profitiert man nur“

Für Hannelore Köhler und Nicole Otte (links), Koordinatorin des Ambulanten Hospizdienstes Lemförde, ist die Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen eine bereichernde Aufgabe. Foto: Russ

Lemförde - Von Melanie Russ. Todkranke oder sterbende Menschen in ihren letzten Wochen, Tagen und Stunden begleiten, das klingt nach einer sehr traurigen, mitunter deprimierenden Aufgabe. Doch wer mit Hannelore Köhler über ihre Tätigkeit als Hospizbegleiterin spricht, der vergisst diese Vorstellung ganz schnell. Man bekommt vielmehr den Eindruck, dass es eine außerordentlich bereichernde Aufgabe ist, die einem viel mehr gibt, als sie fordert.

Seit 2014 unterstützt die 75-Jährige die derzeit etwa 30-köpfige Gruppe der Ehrenamtlichen des Ambulanten Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienstes in Lemförde, die Schwerkranke, Sterbende und ihre Angehörigen begleitet. „Es war mir ein Anliegen, dass Menschen nicht alleine sterben. Davor hatte ich auch selbst Angst“, beschreibt Köhler, warum sie sich als Hospizbegleiterin engagiert.

Sie erinnert sich noch gut an ihre Erfahrungen als Krankenschwester in einem Hamburger Krankenhaus. Dort habe sie viele Krebspatienten betreut. „Das war sehr belastend“, sagt sie, denn viele seien allein in ihrem Zimmer gestorben. Sie habe leider nie die Zeit gehabt, sich zu ihnen zu setzen.

2013 wechselte Hannelore Köhler in den Ruhestand. „Danach habe ich nach einer Aufgabe gesucht.“ Und die fand sie beim Hospizdienst. „Ich sehe die Arbeit als Bereicherung“, sagt sie. Auch dann, wenn sie bis zum letzten Atemzug bei einem Menschen sitzt. „Es ist nicht viel, was wir geben müssen.“ Manchmal seien angeregte Gespräche möglich, manchmal genüge es auch, einfach nur da zu sitzen und dem Betreuten durch ein gelegentliches Räuspern oder Papierrascheln zu signalisieren, dass er nicht alleine ist. Hannelore Köhler kann sich noch gut an einen Mann erinnern, den sie betreute und mit dem sie noch kurz vor seinem Tod herzlich lachte.

Die Ehrenamtlichen haben es aber nicht nur mit Menschen zu tun, die unmittelbar vor dem Lebensende stehen. Oft kümmern sie sich um Menschen, die austherapiert sind, denen die Medizin also nicht mehr helfen kann, die aber noch einige Jahre auf dieser Welt vor sich haben. „Wir haben Begleitungen, die gehen über sechs Jahre“, berichtet Köhler. „Es ist schade, dass Hospiz nur mit Sterben in Verbindung gebracht wird.“

Weil diese Vorstellung in vielen Köpfen verankert ist, werden die Hospizbegleiter nach der Erfahrung von Nicole Otte, Koordinatorin des Ambulanten Hospizdienstes Lemförde, oft erst recht spät in der letzten Lebensphase gerufen. „Die Angehörigen sagen dann oft, ,hätten wir besser gewusst, was ihr macht, hätten wir euch früher gerufen‘“, berichtet Otte.

Obwohl die positiven Erfahrungen für Hannelore Köhler deutlich überwiegen, gibt es manchmal auch schwierige Momente. „Man kriegt viel aus der Familie mit. Es kann eine Belastung sein, wenn man sieht, wie kaputt die Angehörigen sind. Sie sind so dankbar, wenn man sie mal in den Arm nimmt und aufmuntert“, weiß die 75-Jährige. Manchmal stellt sich auch heraus, dass Hospizbegleiter und Betreuter nicht zusammenpassen oder dass ein Fall für den Ehrenamtlichen zu belastend ist. Dann kümmert sich Nicole Otte um eine alternative Begleitung. Niemand sei gezwungen, einen Menschen zu betreuen, wenn er das Gefühl habe, er könne das nicht, betont die Koordinatorin. Das komme aber selten vor, da sie in einem Gespräch mit dem zu Betreuenden und den Angehörigen immer die Bedürfnisse und Interessen abfrage. „Meistens habe ich dann schon einen oder zwei Ehrenamtliche im Kopf, die dazu passen“, so Otte.

Einmal im Monat treffen sich die Hospizbegleiter, sprechen über ihre Erfahrungen und mögliche Probleme. „Die Gruppe gibt einem einen guten Rückhalt. Ich kann mich auf jeden Einzelnen verlassen“, lobt Hannelore Köhler. Es seien echte Freundschaften entstanden. „Man muss wirklich keine Angst haben, dass man alleingelassen wird.“

Und warum sollten sich Menschen für das nächste, im Februar beginnende Vorbereitungsseminar für die Hospizbegleitung anmelden? „Man kann andere glücklich machen, und es macht einen selbst glücklich“, bringt es Hannelore Köhler auf den Punkt. „Ich habe mich wirklich kennengelernt“, blickt sie auf ihr eigenes Seminar zurück. Und zwischen den Teilnehmern habe sich eine enge Gemeinschaft gebildet. „Eigentlich profitiert man nur davon.“ Auch ihre eigene Angst, alleine zu sterben, ist durch ihre Arbeit verflogen. Denn sie weiß, wenn es soweit ist, wird jemand vom Hospizdienst an ihrer Seite sein.

Seminar für Hospizbegleiter

Der Ambulante Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienst Lemförde veranstaltet ab dem 28. Februar in den Räumen der katholischen Kirchengemeinde Lemförde ein Seminar zur ehrenamtlichen Begleitung von Schwerkranken, Sterbenden und ihren Angehörigen. Ziel ist es, die persönlichen Fähigkeiten im Umgang mit Verlust- und Trauererfahrungen zu erweitern, eigene Grenzen zu respektieren und ein hilfreicher Begleiter zu werden. Das Seminar umfasst in etwa 100 Unterrichtsstunden einen Grund- und Aufbaukurs sowie ein Praktikum. Die Kursgebühr beträgt 150 Euro.

Zu den Inhalten des Seminars gehören eigene Abschieds- und Trauererfahrungen, die Phasen des Sterbens, Kommunikation, Kraftquellen und Grenzen im Einsatz, Tipps für die Praxis am Krankenbett, Krankheitsbilder, Palliativmedizin und Schmerztherapie, die Versorgungsstrukturen im Hospizbereich, Rechte sterbender Menschen, Trauerphasen sowie praktische Übungen.

Das Seminar findet an Abendterminen (donnerstags) sowie am Wochenende statt. Genaue Termine und weitere Informationen können Interessierte beim Ambulanten Hospizdienst erfragen. Dort ist bis zum 14. Februar auch die Anmeldung möglich. Vor Beginn des Seminars lädt der Hospizdienst zu einem Informationsabend am Donnerstag, 16. Januar, ab 19 Uhr im Gemeinderaum ein.

Koordinatorin Nicole Otte würde sich freuen, wenn sich auch ein paar männliche Interessenten fänden. Derzeit befänden sich unter den etwa 30 Hospizbegleitern nur drei Männer, berichtet sie. Es gebe aber immer wieder zu Betreuende, die sich einen männlichen Begleiter wünschten.

Kontakt: Tel. 05443/997093, E-Mail: info@hospiz-lemfoerde.de

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