„Das ist ein Skandal“

Corona-Impfungen fordern Hausärzte: Kein Verständnis für Biontech-Rationierung

Den Biontech-Impfstoff gibt es auch für die hiesigen Hausarztpraxen nur noch in begrenzter Menge. Ebenso begrenzt ist das Verständnis der Allgemeinmediziner.
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Den Biontech-Impfstoff gibt es auch für die hiesigen Hausarztpraxen nur noch in begrenzter Menge. Ebenso begrenzt ist das Verständnis der Allgemeinmediziner.

Lemförde/Rehden/Wagenfeld – Für den Impfling ist es eine schnelle Sache. Ein kurzes Gespräch mit dem Arzt, ein Pieks, und schon ist die Corona-Impfung erledigt. Für die Hausärzte dagegen bedeutet es angesichts des aktuellen Ansturms eine enorme logistische Herausforderung, die Impfungen so in den Praxisalltag zu integrieren, dass keine Impfdosis verfällt und es personell leistbar ist.

Die Ärzte und ihre medizinischen Fachangestellten arbeiten am Anschlag, viele bieten auch außerhalb der normalen Praxiszeiten Termine an, um so viele Menschen wie möglich zu impfen. Dass die Politik mit immer neuen Vorgaben dazwischen grätscht und Lieferengpässe eine vernünftige Planung unmöglich machen, ist nicht gerade hilfreich und sorgt für Unverständnis.

Dirk Wehrbein, Allgemeinmediziner in der Burggrabenpraxis in Lemförde, war gestern schier fassungslos. In der Gemeinschaftspraxis werden aktuell bis zu 200 Patienten pro Woche geimpft. „Wir schauen, dass wir das noch etwas ausbauen“, sagte er noch am Mittwoch. Gestern erhielt er die – zunächst noch inoffizielle – Mitteilung, dass die Praxis für die kommende Woche nur etwa ein Drittel des bestellten Impfstoffes erhalten wird. „Wir kriegen nicht mal Moderna“, berichtete Wehrbein.

Da die Praxis noch ein paar Restbestände aus dieser Woche hat, hofft er, wenigstens die Hälfte der einbestellten Patienten impfen zu können. Zeichnet sich nicht kurzfristig eine Lösung ab, werden die restlichen Termine abgesagt. Für die Mitarbeiter ist das keine sonderlich angenehme Aufgabe, denn laut Wehrbein sind nicht alle Patienten verständnisvoll. Außerdem bedeute die Verlegung der Termine für die ohnehin schon überlasteten Mitarbeiter zusätzliche Arbeit. „Wir sind am Anschlag“, so der Mediziner.

Von den Entscheidungen und Aussagen mancher Politiker in den vergangenen Wochen ist er wenig begeistert, um es milde zu formulieren. Natürlich müsse sich die Politik immer wieder auf neue Entwicklungen einstellen. Dafür habe er Verständnis. „Aber du kannst nicht während einer Impfkampagne über einen Impfstoffwechsel fabulieren“, sagt Wehrbein mit Verweis darauf, dass Moderna und Biontech wegen unterschiedlicher Verabreichungsmengen und unterschiedlicher Eignung für bestimmte Personengruppen nicht in gleicher Weise verwendet werden können.

In der Praxis von Dr. Markus Detert in Lemförde werden momentan knapp 70 Patienten pro Woche geimpft. „Wir versuchen, es in den Sprechstundenalltag einzugliedern“, so Detert. Das habe zur Folge, dass häufig in der Mittagszeit und abends nach dem eigentlichen Ende der Sprechstunde weitergearbeitet werde. Auch er kann die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angekündigte Deckelung des Biontech-Impfstoffs nicht nachvollziehen. „Man versucht, eine Impfkampagne zu starten, und wirft dann so einen Anker.“ Er habe im November bereits die Impftermine für den Dezember vergeben und den Patienten gesagt, er impfe mit Biontech, erläutert Detert. Nun muss er ihnen mitteilen, dass sie Moderna bekommen, das viele nicht wollen. Dankbar ist Detert für die wöchentlichen Impfaktionen der Behörden, die die Hausarztpraxen ein bisschen entlasten.

In der Gemeinschaftspraxis Dres. Andreas und Anne-Kristin Schlüsche in Rehden haben die Mitarbeiter mit Impfungen, Testungen und dem „normalen Praxisalltag“ ebenfalls alle Hände voll zu tun. Bis zu 80 Impfungen werden laut Dr. Schlüsche pro Woche verabreicht. „Mehr darf nicht kommen. Das ist das Maximum, das wir leisten können“, sagt er. Dort werden auch Moderna und Johnson & Johnson verimpft. Letzterer habe den Vorteil, dass man schneller immunisiert sei, so Schlüsche. Dennoch wird auch in seiner Praxis der Biontech-Impfstoff dringend gebraucht. Dass die benötigten Mengen nicht geliefert werden, „das ist ein Skandal“, findet Schlüsche deutliche Worte.

In der Praxis Dr. Piet Fellmann in Wagenfeld beherrschen die Corona-Impfungen ebenfalls den Alltag. 60 bis 80 Dosen werden hier laut Stefanie Fellmann wöchentlich verabreicht, mit Sonderaktionen am Wochenende sind es knapp 200 Impfungen. „Das Personal geht auf dem Zahnfleisch“, sagt sie. Als besonders bitter empfindet sie, dass die medizinischen Fachangestellten anders als Pflegekräfte in Krankenhäusern keinen Corona-Bonus erhalten, obwohl auch sie momentan stark gefordert sind.

Die Kritik an Jens Spahn teilt die Praxis Fellmann. Auf ihrer Homepage zeigt sie ihm die rote Karte und veranschaulicht mit einer Auswahl von Mitteilungen aus dem Bundesgesundheitsministerium, wie sich Vorgaben zum Teil täglich ändern und damit den Praxisalltag erschweren. „Wir können nicht so schnell umplanen“, sagt Stefanie Fellmann. Termine seien schon bis in den Februar hinein vergeben. „Wir brauchen Planungssicherheit!“

In der Wagenfelder Praxis der Dres. Gerd und Gerd-Wilhelm Bunge werden bislang pro Woche etwa 100 Corona-Impfungen verabreicht. Für die nächste Woche habe er nur 35 statt der geplanten 70 Impflinge einbestellt, berichtet Dr. Gerd Bunge. „Das ist sehr unbefriedigend“, sagt er zur unsicheren Liefersituation der Impfstoffe.

In seiner Praxis wurden bisher rund 1500 Impfdosen von Biontech verabreicht. Bunge möchte nach eigener Aussage auch gerne bei dem Impfstoff bleiben, weil er für alle Impfwilligen eingesetzt werden könne und weniger Nebenwirkungen als Moderna habe. Wer Moderna bei den ersten Impfungen gut vertragen habe, solle es auch ruhig bei der Drittimpfung nehmen, sagt Bunge. „Aber ein Wechsel ohne zwingenden Grund macht keinen Sinn.“

Der Wagenfelder Hausarzt Dr. Holger Schade und sein Team verabreichen aktuell 250 bis 300 Dosen pro Woche. Die Impfungen erfolgen in den sprechstundenfreien Zeiten am Mittwoch- und Freitagnachmittag sowie samstags. Darüber hinaus hat Schade das Angebot der Gemeinde angenommen, die Bewegungsräume der Wagenfelder Sporthalle an einzelnen Tagen für die Impfung seiner Patienten parallel zum Praxisbetrieb zu nutzen. „Dafür bin ich sehr dankbar. Das erleichtert den Praxisalltag“, so Schade.

Auf die Politik ist auch er nicht gut zu sprechen. „Wir sind etwas enttäuscht von Jens Spahn.“ In der aktuellen Situation, in der so viele Menschen wie möglich geimpft werden sollen, ist die Rationalisierung des Biontech-Impfstoffs aus seiner Sicht der falsche Weg. „Wir bekommen nur einen Bruchteil der bestellten Menge und müssen unseren Patienten jetzt erklären, warum sie Moderna bekommen sollen.“

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