Archäologen präsentieren Grabungsfeld am Lemförder Amtshof / „Burg Lewenvorde“ erstmals vor 700 Jahren erwähnt

Interessanter Einblick in den Untergrund

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Grabungsleiter Marc Kühlborn informiert eine Besuchergruppe über die Funde und erklärt zudem, was mit diesen in der Zukunft passiert.

Lemförde - Friedrich Schiller schrieb einmal: „Das Überraschende macht Glück“. Das ist bei Geburten, bei Funden, bei Erlebnissen, mit denen man nicht rechnete, meist der Fall. So stellt es sich derzeit nicht anders dar an der Baugrube für den geplanten Verwaltungsanbau an den historischen Amtshof in Lemförde.

Am Montag trafen sich zur öffentlichen Präsentation an Baugrube und Grabungsfeld weit mehr als 100 Interessierte mit dem Archäologen Marc Kühlborn der Firma Arcontor. Die Fachfirma für archäologische Dienstleitungen war von der Samtgemeinde „Altes Amt Lemförde“ beauftragt worden.

Grabungsleiter Kühlborn und Kollegin Henrike Wessels informierten die Besucher der Begehung in vier Gruppen über Funde und Befunde ihrer mehrmonatlichen Arbeiten. Hintergrund: Da bei dem bekannten historischen Baugrund (Lemförder Burg) mit Befunden im Baugrund zu rechnen war, erhielt die Baugenehmigung die Auflage von der Denkmalschutzbehörde des Landkreises Diepholz, die eng mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) arbeiten muss, die Planung archäologisch zu begleiten und Funde und Befunde zu dokumentieren. Das kann in Niedersachsen eine beauftragte Fachfirma.

Die Archäologie unterscheidet zwischen Funden (Mobiles, wie Münzen, Knochen, Relikte des täglichen Lebens) und Befunden (Immobiles, wie Mauerreste, Pfähle, Brunnen et cetera). „Die Funde sind überschaubar“, so Kühlborn. „Eine Mineralwasserflasche aus dem 18. Jahrhundert aus Steingut, eine „Capri-Sonne“-Verpackung aus den 1970er-Jahren, ein paar Keramikscherben und einen Holznagel“.

Die relevanten Funde seien bereits nach Hannover verschickt zur Archivierung. Die Grabung hatte auf der geplanten Baufläche des neuen Rathauses plus einem Meter Arbeitsraum stattgefunden. Die Befunde im Boden waren aussagekräftiger als die Funde: Die Archäologen fanden die alte Burgmauer aus Sandstein, zahlreiche, groß dimensionierte per Beil angespitzte Eichenpfosten und einen Burgbrunnen. Zudem entdeckte das Team bei den Schnitten durch das Erdreich eine Bänderung durch Lehm und Reisig-Lage für die Gewährleistung gegen aufsteigende Feuchtigkeit. Einen Großteil der Pfähle hatten die Archäologen bereits aus dem Erdreich gezogen, einige standen noch.

Erste Schlüsse des Teams: „Bei Beginn des Baus der Burg um 1316 wurde viel Lehm nach Lemförde gebracht und der vorhandene, strategisch für eine Burg gut gelegene, Hügel zusätzlich angeschüttet in der sonst morastigen und flachen Umgebung. Die große Dimension der Pfähle gibt darüber Aufschluss, dass die Burg „keine kleine Befestigung“ war. Die Pfosten sind die ältesten Befunde“. Man könne bei den massiven Eichenpfählen entweder von einer archaischen Bauweise von eingerammten Pfählen, deren Zwischenräume mit Flechtwerk zu einer Wand ausgebaut wurden oder von Gründungspfählen ausgehen.

Eine anschließende dendrochronologische Prüfung (Holzalterbestimmung) wird weiter über das absolute Alter Aufschluss geben. „Dazu schneiden wir Scheiben aus unterschiedlichen Pfosten und lassen diese zeitlich bestimmen“, so Kühlborn. Die relative Datierung der teils gut erhaltenen Pfähle wäre burgzeitlich, also frühes 14. Jahrhundert. Die recht gut erhaltenen Rudimente des Burgbrunnens hingegen wären nicht burgzeitlich, eher um 1779 bis 1783 im Zusammenhang mit dem Bau des Holzfachwerkbaus zu sehen. Welche Konsequenzen entstehen nun aus den Grabungen? Wenn sie in einer Woche abgeschlossen sind, wird auf Grundlage der Bildgebung und Vermessung eine Beschreibung und Datierung erfolgen, der sogenannte Grabungsbericht der Samtgemeinde zur Verfügung gestellt. Die restlichen Pfosten werden aus dem Erdreich gezogen, der Brunnen mit einem reversiblen Material verfüllt.

Grundsätzlich gelte: „So viel wie möglich im Boden als besten Konservator zu belassen für die Nachwelt“, heißt verfüllen und im konkreten Fall überbauen. Kühlborn plant weiter für die Fachzeitschrift „Archäologie in Deutschland“ für Fachpublikum und interessierte Laien einen Artikel zu schreiben, auf Einladung hält er gerne einen Vortrag in Lemförde.

Für den Neubau ergeben sich ebenfalls Änderungen: Die Garage für das kommunale Fahrzeug wird nicht, wie ursprünglich geplant, von der Combi-Seite erschlossen, sondern von der Bürgerparkseite. „So kann das Stück Burgmauer im Bereich Bibliothek auf 15 Meter Länge ununterbrochen erhalten bleiben“. Damit wird „nur“ die von dort weiterverlaufende Burgmauer um drei Meter getrennt. Das sei das kleinere Übel. Von Seiten der Gemeinde gäbe es zudem eine Zusage, mindestens drei Pfähle für Ausstellungszwecke im Neubau einzuplanen. Die Frage nach einer Konservierung der Burgmauer mit Abgrabung und vorgesetzten Panzerglasscheiben, zum Beispiel im Keller des Anbaus, verneinte Kühlborn und nannte die Kosten als Grund. Den zu weiten Teilen erhaltenen Brunnen betitelte Kühlborn aus archäologischer Sicht als „Allerwelts-Brunnen“.

Trotzdem gibt der Neubau an den Amtshof Anlass, auf ein Jubiläum zu schauen: Die „Burg Lewenvorde“ ist erstmalig 1316, vor 700 Jahren, erwähnt worden und wie damals haben die Bauherren das Problem der Gründung, erklärt Kühlborn, denn die Torfschicht muss aus statischen Gründen erst entfernt werden.

sbb

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